Ich bin. Was? Sternschnuppe? Sturm? Ein uralter Gesang. Ich stürze, falle, werde. Ankunft Erde. Ich gleite, schaukle, schwimme. Wasser, sanfter Empfang. Ein freundliches Wippen, weich und gedämpft, ein gleichförmiges Auf und Ab. Man gönnt mir die Gewöhnung. Ich bin. Ein Keimling im weiten Ozean. Ich bin. Was? Gerne wäre ich ein Baum. Eine Mehlbeere, Hopfenbuche oder Winterlinde. Ich wüchse 25 Meter dem Himmel entgegen, mein Haupt eine dekorative Krone, glänzendgrünes Blätterwerk mein Kleid, sonnengelb im Herbst. Meine Wurzeln triebe ich in grosszügigen Kreisen, mit meinen Nachbarn lebte ich in Frieden.
Dies ist die Geschichte von dem Embryo, der nicht zur Welt kommen wollte. Zumindest nicht als Mensch. Der Embryo war ein allwissendes, göttliches Wesen, und bei seinem ersten Besuch auf dem Planeten Erde wollte er einen guten Eindruck hinterlassen. In Menschengestalt erschien ihm das unmöglich. Der Mensch, so sagte man, sei ein aggressiver Neophyt, der sich rasch und kompromisslos ausbreitete. Deshalb wollte der kleine Embryo lieber ein Baum sein. Von allen irdischen Kreationen schien ihm der Baum die erstrebenswerteste zu sein.
Aber leider musste der Embryo feststellen, dass er nicht als zweiflügliger Ahornsamen mit dem Wind über Wälder und Auen reiste, auch gehörte er nicht zu den unverholzten Schuppen, die ein wenig wie Raupen aussahen und luftig leicht Flüsse und Seen überquerten, ehe sie sich in eine Steinritze oder auf ein warmes Stück Erde fallen liessen und ihr Lebenswerk als Birke begannen. Stattdessen steckte er in einer blutigen Mutterkuchen-Kapsel fest, die er sich nicht selbst ausgesucht hatte. Noch schützte ihn das Wasser, und er trieb gedankenverloren im Amnion. Die Geschwindigkeit, mit der er in seine neue Existenz unterwegs war, drängte zu keiner schnellen Entscheidung. Mit 0,00000041667 Stundenkilometern wuchs er heran. 0,001 Meter pro Tag. 100’000 neue Nervenzellen pro Minute. Zum Gähnen langsam. Auch die Tatsache, dass er in diesem Stadium die gesamte stammesgeschichtliche Entwicklung der Tierwelt durchlief, beeindruckte ihn wenig. Vom wirbellosen Keimling über das Kiemenwesen und Amphib zum Landwirbeltier. Der Quantensprung vom Einzeller zum Säugetier konnte die kognitiven, motorischen und emotionalen Einbussen, die er vom All-Wesen zum Menschen machen würde, nicht wettmachen. Als menschlicher Erdling würde er komplett bei Null anfangen. Die simpelsten Sinneseindrücke würde er nur einzeln und nur sehr langsam verarbeiten, es würde Jahre dauern, bis er sich einigermassen – und selbst dann nur beschränkt – über seine Erfahrungen mit Artgenossen austauschen könnte. Zudem machte ihn die plazentare Versorgung durch das Mutterschiff nervös, das schuf eine irreparable Abhängigkeit, von der er sich ein Erdenleben lang nicht erholen würde. Wie sollte man sich unter solchen Umständen optimal entwickeln? Aber was für den Embryo das Allerschlimmste und der springende Punkt war, um sich gegen die menschliche Existenz zu entscheiden, war die niederschmetternde Tatsache, dass dieser sogenannte Mensch nicht einmal die einfachsten Regeln der friedlichen Ko-Existenz beherrschte. Er hatte von Fällen gehört, in denen sich Artgenossen gegenseitig ausmerzten, abschlachteten, martialisch und bestialisch umbrachten. Es musste sich um einen genetischen Defekt handeln, einen Programmierfehler. Warum hatte sich noch nie jemand um das Problem Mensch gekümmert? Der Embryo war ratlos. Kam dazu, dass diese Spezies nichts Nützliches hervorbrachte, sie konnte kein Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln, wie die Bäume das taten. Genau genommen produzierte sie nur Abfall. Wer sollte wollen, dass sich eine derart asoziale Gattung fortpflanzen würde?
Dem Embryo war klar, dass er das sicher nicht tun würde, und er freute sich auf den Absprung von seinem provisorischen Mutterschiff. Er «vertraute» nämlich auf die stümperhafte Biologie des Menschen, welche von selbst für einen Abort sorgen würde: Replazentare Hämatome, Intoxikation und Nährstoffmangel, da konnte eine Menge schief gehen. Aber der Keimling täuschte sich. Morula, Blastula, Gastrula. Wie von Zauberhand geführt schritt die Zellteilung voran, langsam, unaufhaltsam. Das Innere der Blastozyste ordnete sich neu. Ein gläsernes Gehirn bildete sich am Ende eines gekrümmten Stammes, dessen Wurzeln sich wurmähnlich dem Kopf entgegen reckten, als wollten sich Anfang und Ende begegnen. Derart zusammengekringelt, knapp die Grösse eines Leinsamens erreicht, begann das Herz des Embryos zu schlagen.
Von nun an schlug es unberbittlich. Es schlug und schlug, hämmerte pausenlos und fleissig, nagelte den kleinen Embryo an seine neue Existenz, die da hiess: Leib. Fleisch und Blut. Nun war es um den Keimling geschehen. Als würde das Herz eine toxische Substanz in seine Adern pumpen, etwas, das ihm die Sinne vernebelte und ihn in eine tumbe Trance versetzte. Und so wurde er süchtig danach, zu vergessen. Er lullte sich ein in das träge, satte Gefühl seiner unbedeutenden Existenz. Und er wuchs, dehnte sich aus und drängte hinaus!