Ausgabe 2023/3

Unmosqued. Warum sich Frauen aus Moscheen zurückziehen

Einige Musliminnen in der Schweiz entscheiden sich bewusst dafür, nicht mehr in die Moschee zu gehen, obwohl sie zuvor über Jahre oder Jahrzehnte hinweg viel Zeit in einem solchen öffentlichen Gebetsraum verbracht und sich teilweise dort engagiert haben. Nun ziehen sie sich aus diesen Räumen zurück. Doch was sind ihre Beweggründe, und wohin gehen sie mit ihren religiösen und gemeinschaftlichen Bedürfnissen?
von Asmaa Dehbi / 30.03.2025

Blick in die eigenen Reihen

Über das Phänomen des Rückzugs muslimischer Frauen aus dem religiösen Gemeinschaftsleben ist wenig bekannt. Vielmehr gerät die gesamtgesellschaftliche Diskriminierung von Musliminnen zunehmend in die öffentliche Kritik. Diese reicht von indirekter Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt bis hin zu verbaler Gewalt in der Öffentlichkeit, insbesondere gegen kopftuchtragende Musliminnen. Die zunehmende Thematisierung von antimuslimischem Rassismus in der Schweiz ist zwar wichtig und längst überfällig. Sie kann in bestimmten Fällen aber dazu führen, dass diskriminierende Strukturen innerhalb muslimischer Gemeinschaften ausgeblendet werden, etwa aus Angst, einseitige Stereotype der «unterdrückten Muslimin» oder des «muslimischen Patriarchen» zu reproduzieren. Gespräche mit Musliminnen in der Schweiz legen aber noch eine andere Vermutung nahe, warum innermuslimische Kritik oft ausbleibt und, wenn sie doch geäussert wird, häufig relativiert oder abgewehrt wird: Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen wird Geschlechterdiskriminierung bisweilen auch in muslimischen Räumen systematisch normalisiert.

Das Gefühl, nicht willkommen zu sein

Im angloamerikanischen Raum ist vor einigen Jahren der Begriff unmosqued aufgekommen, um den Zustand zu beschreiben, sich in Moscheen unwohl und nicht willkommen zu fühlen. «Letzte Woche wurde ich wieder unmosqued», sagte neulich eine muslimische Jugendliche aus Bern und brachte damit die wiederholte Erfahrung von Nichtzugehörigkeit in muslimischen Räumen zum Ausdruck. Während muslimische Frauen in der Mehrheitsgesellschaft als «zu religiös» abgewertet werden, erleben sie in Moscheen, bei muslimischen Veranstaltungen, im familiären Umfeld oder im Freund:innenkreis häufig das Gegenteil. Ihr äusseres Erscheinungsbild und ihr Auftreten werden oft als «religiös unzureichend» beurteilt. Viele machen die Erfahrung, schon beim Betreten des Moscheegeländes kritisch beäugt und bewertet zu werden: Die Hose zu eng, die Stimme zu laut, der Blick nicht schamvoll gesenkt, eine Haarsträhne sichtbar. Diese Mikroaggressionen können sich latent äussern, etwa durch abschätzige Blicke oder bewusste Nichtbeachtung. Sie können aber auch explizite Formen annehmen, wie die direkte Aufforderung oder die ungebetene nasiha (arabisch: Ratschlag), sich einer vermeintlichen Idealvorstellung entsprechend zu benehmen. Es kann auch zu direkten Anfeindungen kommen, wenn Frauen aus bestimmten Gründen beschliessen, ihre Kopfbedeckung abzunehmen.

Der weibliche Körper als Projektionsfläche

Innermuslimische Diskriminierungen von Musliminnen werden häufig an ihren Körpern festgemacht, auf den religiöse, soziale, politische und sexualisierte Bedürfnisse und Erwartungen projiziert werden. In den Worten der Berliner Professorin Nimet Şeker muss der weibliche Körper «als Spiegel und Stellvertreter für alle möglichen Diskurse und Zuschreibungen herhalten». Über ihn würden kollektive Identitäten verhandelt, das heisst vor allem die Frage, was eine Gemeinschaft ausmacht, wer dazugehört, wer mitreden und mitbestimmen darf und Zugang zu bestimmten Ressourcen erhält. Hier sieht Şeker einen zentralen Grund dafür, dass der individuelle Frauenkörper, egal wie er aussieht oder bekleidet ist, ständig der Beurteilung und kritischen Prüfung ausgesetzt ist. So können gerade toxisch-dogmatische Formen von Religiosität konstruiert und Musliminnen subtil aus den Vereinsvorständen, den Hauptgebetsräumen, dem wöchentlichen Freitagsgebet und damit aus dem religiösen Gemeinschaftsleben ausgeschlossen werden.

Gewohnte Rechtfertigungen

Laut Bundesamt für Statistik geben 18% der muslimischen Männer in der Schweiz an, mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst zu besuchen, während nur 6% der muslimischen Frauen in diesem Sinne antworten. Gleichzeitig geben muslimische Frauen an, regelmässiger zu beten als muslimische Männer. Als Grund für diese Diskrepanz werden häufig praktische Hürden genannt, wie etwa fehlende finanzielle Mittel, um grössere Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Argument lautet auch, dass Moscheevereine gerade zu Beginn der ersten Arbeitermigration aus der Türkei und Nordafrika nach Europa dezidiert als Männerorte entstanden sind. In den ersten Migrationsbewegungen kamen fast ausschliesslich männliche Arbeiter, und erst später folgte der Familiennachzug. Ein explizit religiöses Argument ist, dass nach den meisten theologischen Strömungen die Teilnahme an der Predigt und am Freitagsgebet für Frauen zwar empfohlen, aber nicht verpflichtend sei. Diese Begründungen treffen teilweise zu. Viele muslimische Frauen der zweiten und dritten Generation erleben sie jedoch als ungenügend und frustrierend, da sie ihre religiösen und gemeinschaftlichen Bedürfnisse nicht berücksichtigen und männliche Privilegien als (gott)gegeben legitimieren können.

Muslim Male Privilege

Spätestens dann, wenn neue Moscheeprojekte realisiert werden, an denen Frauen immer noch nicht ausreichend beteiligt sind, werden diese Erklärungen hinfällig. Moscheen sind auch heute noch weitgehend männlich dominierte Milieus, die in erster Linie als soziale Rückzugsorte für Männer dienen. Analog zum Konzept des male privilege bezeichnet muslim male privilege das System von Vorteilen oder Rechten, die vielen muslimischen Männern allein aufgrund ihres Geschlechts zustehen. So können sie beispiels- weise eine Moschee aufsuchen, ohne mit der Begründung abgewiesen zu werden, es gebe keinen «Männerbereich». Sie können den Haupteingang benutzen und müssen die Moschee nicht durch eine Hintertür betreten. Da sie freien Zugang zum grösseren Gebetssaal haben und sich nicht in einem separaten Raum oder hinter einer Trennwand aufhalten müssen, können sie den Imam sehen und hören, wenn er eine Rede hält. Sie müssen nicht befürchten, dass ein Lautsprecher ausfällt und sie der Predigt nicht folgen können. Sie können Fragen stellen oder kritisch auf Äusserungen des Imams oder eines Gastredners reagieren, ohne Gefahr zu laufen, dass ihr Verhalten als unangemessen oder aufsässig angesehen wird. Einige muslimische Männer können ihre Position als Gelehrte, Imame oder Vorstandsmitglieder aus- nutzen, um sexistische Überzeugungen und Praktiken zu vertreten und religiöse Quellen aus einer männerzentrierten Perspektive auszulegen.

Symbolische Anstrengungen

Trotz der geringen Sichtbarkeit von Musliminnen innerhalb der Gemeinschaften wird gelegentlich von ihnen erwartet, dass sie die Gemeinschaft in der Öffentlichkeit beispielhaft vertreten und sich wirksam gegen antimuslimische Ressentiments positionieren. Paradoxerweise werden sie ermutigt, hinter das Rednerpult zu treten und auf Podien zu sprechen, um der nichtmuslimischen Öffentlichkeit die eigene Offenheit zu demonstrieren. Dabei treten sie formal gleichberechtigt auf, während ihnen die faktische Gleichberechtigung in der Regel verwehrt bleibt. Ein derartiger Diskriminierungsmechanismus wird auch tokenism genannt, d.h. eine eigentlich benachteiligte Gruppe wird in der Öffentlichkeit als gleichgestellt inszeniert. Dabei fungieren die auftretenden Personen jedoch eher als Spielfiguren (token), als dass sie tatsächlich gleichgestellt wären. Immer mehr Musliminnen haben diese Dynamik inzwischen erkannt und sind nicht mehr bereit, als symbolische Aushängeschilder instrumentalisiert oder auf die Organisation des gastronomischen Teils von Moscheeanlässen reduziert zu werden. Sie möchten sich auch nicht mehr in den Frauengruppen engagieren, die als Teilgruppen muslimischer Vereine existieren und äusserst systemrelevante Sorgearbeit leisten. Nicht unbedingt, weil sie nicht am Wohlergehen und an der Unterstützung ihrer muslimischen Mitmenschen interessiert wären, sondern weil diese Form der institutionellen Einbindung in der Regel bedeutet, von den wesentlichen Angelegenheiten, strategisch wichtigen Positionen und zentralen Entscheidungen der Moschee ausgeschlossen zu werden.

Individualisierung und Solidarität

«Ich finde es ungerecht, dass mir die Erfahrung von Spiritualität und Gemeinschaft in der Moschee genommen wird», sagte eine junge Erwachsene aus Zürich mit Blick auf ein Gruppenfoto von Männern, das nach der Generalversammlung einer Moschee auf Instagram hochgeladen wurde. Dieses wachsende Unbehagen gegenüber männlichem Dominanzverhalten scheint viele Musliminnen zu begleiten, die immer weniger bereit sind, Gleichgültigkeit, Herablassung und Demütigung unhinterfragt hinzunehmen.

In stiller Rebellion ziehen sie sich teils frustriert, teils resigniert zurück und suchen nach Alternativen, um ihren religiösen Bedürfnissen individueller und losgelöst von den lokalen Religionsgemeinschaften zu begegnen. Viele Musli- minnen entscheiden sich gegen ein Engagement in bestehenden Organisationsstrukturen und setzen sich in anderen Kontexten ein oder gründen neue Initiativen, um ihre Expertise einzubringen und Freundlichkeit, Wertschätzung und Zugehörigkeit zu erfahren. Gleichzeitig fühlen sich viele mit anderen marginalisierten Gruppen solidarisch, da sie erkannt haben, dass sie von ähnlichen Ausgrenzungsmechanismen betroffen sind. Auch jugendlichen Muslim:innen bleibt die Teilhabe am muslimischen Gemeinschaftsleben oft verwehrt, ebenso wie Muslim:innen anderer Herkunft, Muslim:innen mit Behinderung, queeren Muslim:innen, armutsbetroffenen Muslim:innen, konvertierten Muslim:innen sowie Muslim:innen, die mehreren dieser Differenzkonstruktionen zugeordnet werden.

Zuschreibungen aus verschiedenen Richtungen

Muslimische Frauen erkennen schliesslich, dass sie sich im Spannungsfeld verschiedener Kollektive gleichzeitig bewegen und entsprechend als Projektionsfläche für Zuschreibungen aus unterschiedlichen Richtungen dienen. Die obsessive Beschäftigung mit ihren Körpern erfahren sie auch ausserhalb ihrer Communitys in nicht-muslimischen, kolonialhistorisch geprägten Kontexten, wie die kontroversen Diskussionen rund um das Verhüllungsverbot in der Schweiz gezeigt haben. Wenngleich sie diese Beschäftigung auch ausserhalb ihrer Gemeinschaften erfahren, ist die Kritik innerhalb unumgänglich. Sie unterscheidet sich von anti- muslimischem Rassismus vor allem dadurch, dass sie nicht verallgemeinert («Alle Muslim:innen sind so»), nicht essentialisiert («Muslim:innen sind qua Religion sexistisch»), patriarchale Strukturen nicht als monokausales muslimisches Phänomen darstellt («Sexismus ist vor allem ein muslimisches Problem») und Menschen nicht aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit abwertet («Muslim:innen sind rückständig»). Die diskriminierten Stimmen muslimischer Frauen in der Schweiz vom Rand ins Zentrum der inner- muslimischen Aufmerksamkeit zu rücken, ohne dabei anti- muslimische Narrative zu be dienen, wird eine anhaltende Herausforderung bleiben.