«Schlecht», sagt sie. Das sagt sie immer. «Schlecht.» «Was ist es denn», frage ich dann. «Schwindel», sagt sie manchmal, aber meistens sagt sie nur: «Ach, wissen Sie.» Nachmittags ist Deutschkurs. Drei Schweizerinnen und fünf Afghanen. Wir sitzen am Tisch und fragen uns gegenseitig: «Wie geht es Ihnen?» Die Antworten sind alle gleich: «Es geht mir gut.» «Es geht mir sehr gut.» «Gut geht es mir.» «Mir geht es immer gut», sagt einer der Schüler mit einem Augenzwinkern. Abends läuft mir ein Kollege über den Weg. Er sieht gehetzt aus. «Alles ok?», frage ich. «Alles super!», sagt er, und ich weiss nicht genau, ob das ironisch gemeint war, ob ich nachfragen soll.
Wann erlauben wir uns das Jammern? Wo und mit wem ist es uns möglich, vorbehaltlos rumzujammern über die vielen nervigen Kleinigkeiten, die unnötigen Ärgernisse, die Kümmernisse, die so banal sind, dass wir eigentlich kein Wort über sie verlieren wollen, die uns aber dennoch plagen, die kleinen Seitenhiebe und subtilen Bösartigkeiten, die Unverschämtheiten, die wir erleiden, die Unsäglichkeiten, die passiert sind, die grossen Skandale, unsere Wut und Empörung, unsere Verzweiflung, weil sich nichts geändert hat, weil sich nichts ändern wird, unsere Zukunftsangst. Was für ein Luxus wäre es, was für eine Wohltat, einzutauchen ins Jammertal und uns den Kummer von der Seele zu reden, ohne Zensur und ohne Angst, einen schlechten Eindruck zu machen.