Die Bitte beschliesst die dritte Strophe des Adventslieds «O Heiland, reiss die Himmel auf». Was hat dieses vierhundert Jahre alte Lied an sich, dass es viele Menschen heute noch gerne singen? Kurz gesagt: ein starker Text auf eine Melodie, die Inhalt und Emotionalität der Worte aufgreift und zudem noch gut zu singen ist.1
Adventliches Warten in biblischen Bildern
Stark ist der Text, weil er das adventliche Warten auf Christus in anschauliche Bilder fasst. Die je eigene Sehnsucht der Singenden bekommt Raum, Emotionalität wird spürbar – und gleitet dennoch nicht in subjektive Gefühlsduselei ab. Die ersten drei Strophen leihen sich Bilder aus den biblischen Prophetenbüchern, die mit der Sehnsucht nach dem kommenden Messias verbunden sind: Er möge die Himmel zerreissen und herabsteigen (Jesaja 64,1, Str. 1), Tore und Riegel zerbrechen (Jesaja 45,2, Str. 1), Himmel und Erde sollen den Messias hervorbringen als Tau und Regen bzw. als Blümlein (Jesaja 45,8; 11,1; Hosea 14,5, Str. 2 und 3). Der Text erzählt nicht einfach, sondern die Singenden richten sich an «den Heiland» oder an «Gott».
O komm, ach komm, du Trost der Welt!
Diese Sprechrichtung wird auch in Str. 4–6 durchgehalten, wobei nun explizit ein «wir» spricht. Nicht um das persönliche Heil, sondern um den «Trost der ganzen Welt» (Str. 4) geht es – das ist eine andere Dimension. Dabei kommt das Jammertal ins Spiel und es wird richtig emotional: «O» und «ach», die ungeduldige Frage «Wo bleibst du?» und die dreimalige Bitte «komm!» bilden den Rahmen, in dem sich der «höchste Saal» und das «Jammertal» gegenüberstehen, während vorher «Himmel und Erde» gemeinsam den Heiland hervorbrachten. Der Gegensatz Jammertal – höchster Saal (auch Himmels, Freudensaal) findet sich in mehreren Liedern des 16. und 17. Jahrhunderts: Heute noch bekannt sind z. B. «Nun ruhen alle Wälder» (Str. 3, Reformiertes Gesangbuch Nr. 594) und «Es ist ein Ros entsprungen» (die Strophe mit dem Jammertal ist nicht in den schweizerischen Gesangbüchern, aber als Str. 4 im deutschen Evangelischen Gesangbuch Nr. 30).
«O Heiland, reiss die Himmel auf» fällt dabei aus der Reihe: Während meistens die Hoffnung ausgedrückt wird, einst dieses Jammertal zu verlassen und dann den Himmelssaal zu betreten, geht im Adventslied die Bewegung in die Gegenrichtung: Der «Trost der Welt» soll herunterkommen und als «klare Sonn» und «schöner Stern» (vgl. Offenbarung 1,16; 22,16) Licht ins finstere Jammertal bringen (Str. 5). Dennoch, der Wunsch, den Jammer hinter sich zu lassen, bekommt mit anderen Worten – bildlich nicht in einer vertikalen, sondern horizontalen Bewegung dargestellt – auch seinen Platz und schliesst das Lied in Str. 6 ab: «Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.»
Dringlichkeit in Tönen
Text und Melodie wirken wie aus einem Guss, doch historisch gesehen stimmt das nicht; beim Erstdruck des Textes von 1622 steht eine andere Melodie. Diejenige, mit der das Adventslied untrennbar verbunden zu sein scheint, findet sich erstmals im Rheinfelsischen Gesangbuch von 1666. Sie steht im dorischen Modus, einer Kirchentonart mit Nähe zum heutigen Moll, aber nach oben strebender grosser Sext. Während die erste Zeile sich vom Grundton d nur bis zum a hoch wagt und wieder zurückgeht, schwingen sich die zweite und dritte Zeile nach oben, bis schliesslich das hohe d erreicht wird. Die letzte Zeile bewegt sich wieder im Tonraum des Anfangs und führt zum Grundton zurück. So wird in jeder Strophe ein Spannungsbogen durchschritten, der die Dringlichkeit des Anliegens «reiss auf, ach komm!» spürbar werden lässt. Dieser Effekt wird durch den Rhythmus noch verstärkt: Die Anfänge der zweiten bis vierten Zeile drängen in Vierteln nach vorne, die synkopischen Schlusswendungen in allen Zeilen ausser der dritten setzen Akzente und verhindern einen Wiegenlied oder Tanzcharakter.
Friedrich Spee: Privilegiert und engagiert im Jammertal
Dass bis hierher noch nichts zur Urheberschaft gesagt wurde, hat seinen Grund im Lied selbst, denn sowohl Text als auch Melodie wurden, wie damals in katholischen Gesangbüchern üblich, anonym veröffentlicht. Zur Urheberschaft der Musik ist nichts bekannt, der Text stammt nach einhelliger Forschungsmeinung von Friedrich Spee von Langenfeld. Seine Lebensdaten
(* 1591 in Kaiserswerth bei Düsseldorf; † 1635 in Trier) weisen in die Zeit von sich zuspitzenden konfessionellen Auseinandersetzungen, deren politische Dimension 1618 mit Ausbruch des dreissigjährigen Krieges offensichtlich wurde. In Europa wüten Pest und Hungersnöte, zudem deckt sich Spees Lebensspanne mit der schlimmsten Phase der Hexenverfolgung.
Spee, von adliger Herkunft, tritt 1610 in den Jesuitenorden ein und durchläuft eine dreizehnjährige Ausbildung: Philosophiestudium, Schul und Pflegepraktikum, Einsätze in der Katechese, Theologiestudium und Priesterweihe. Der Orden lehnt Spees Wunsch nach einem Einsatz in der Indienmission ab, weil er in der «inneren Mission», der Rekatholisierung in Deutschland, gebraucht wird. Zudem wirkt er als Professor, Domprediger sowie Spital und Gefängnisseelsorger und begleitet dabei auch Menschen, hauptsächlich Frauen, die als Hexen verurteilt wurden. 1631/32 veröffentlicht er anonym seine an die Obrigkeit gerichtete Protestschrift Cautio criminalis gegen die Hexenprozesse. Er stirbt mit nur 44 Jahren an der Pest, mit der er sich bei der Pflege verletzter und infizierter Soldaten angesteckt hat.
Aus einem Geist: Katechese und Kampf gegen die Hexenverfolgung
«O Heiland, reiss die Himmel auf» gehört zum Frühwerk Spees; es findet sich in einer von drei Liedsammlungen von 1621/22,2 entstand also noch vor Abschluss seiner Ausbildung. Ein Vorwort lässt erkennen, dass diese Lieder für die Katechese geschrieben sind, in der Spee zu dieser Zeit aktiv war. Ein direkter Zusammenhang des Liedtextes – «reiss ab, wo Schloss und Riegel für» oder auch das «Jammertal» – mit Spees späterem seelsorgerlichen Engagement in der Begleitung von als Hexen Verurteilten ist also nicht gegeben. Dennoch, beides, die frühen Liedtexte sowie sein seelsorgerliches Engagement und sein intellektueller Kampf gegen die Hexenverfolgung, leben aus dem gleichen Geist bzw. aus dem gleichen Christusglauben, der nicht nur aufs Jenseits verweist – aus dem Jammertal hinauf in den höchsten Saal – sondern im Hier und Jetzt, und sei es noch so jammervoll, einen Unterschied macht.
Christuspräsenz als Trost im Jammertal
In zwei weiteren Liedern dieser frühen Sammlungen wird das Jammertal einem «Saal» gegenübergestellt. Und auch diese weisen nicht die konventionelle Richtung von unten nach oben auf: Im Marienlied «Wunder o Wunder!» ist «Mariae Schoss / O Himmel gross! / O Gottes Sal / Jm Jammerthal.» Das Fronleichnamslied «Mein Zung erkling» schildert, wie Jesus sein letztes Mahl «in diesem Jammertal» hält, «in einem grossen Sal / Da er eben / Sich selbst geben / Zur Speiss im Abendmal.» Alle drei Lieder, so unterschiedlich sie auch sind, stellen mit dem Bilderpaar die Präsenz Christi unter den Menschen dar: Der adventliche Heiland, der als «Trost der ganzen Welt» ins irdische Jammertal herabgerufen wird, Mariens Schoss, in dem er Mensch wird, schliesslich der Abendmahlssaal und damit die Eucharistiefeier, in der Christus auf Erden immer wieder aufs Neue gegenwärtig wird. Der Trost für die Gläubigen besteht darin, dass Gott wider allen Augenschein die Menschen nicht allein lässt, sie begleitet und mitleidet.
Mitmenschlichkeit und Protest als Trost im Jammertal
Heutige Biografien3 stellen Spee als einen im Glauben verwurzelten, sprachgewandten Intellektuellen dar, der in den kirchlichkonfessionellen und gesellschaftlichen Strukturen seiner Herkunft verankert ist, sich zugleich aber von der Not anderer berühren lässt, eigenständig denkt und auch Widerspruch wagt, wo er Unrecht erkennt, und so seine Karriere aufs Spiel setzt. Nach Veröffentlichung der Cautio criminalis verliert er seinen prominenten Lehrstuhl für Moraltheologie in Paderborn; seine definitive Aufnahme in den Jesuitenorden wird Jahr um Jahr verschoben, er erlebt sie nicht mehr. Als Gefängnisseelsorger begegnet er der menschen und rechtsverachtenden Folterpraxis, der als Hexen Angeklagte ausgeliefert sind. Er kann diese Menschen nicht vor der Hinrichtung bewahren, begleitet sie aber oft bis zum letzten Moment. Sein «Trost» beschränkt sich aber nicht darauf, sondern er kritisiert mit seiner Schrift den Rechtsbruch öffentlich und stellt das Konzept «Hexe als zu eliminierende:n böse:n Zaubrer:in» grundsätzlich in Frage. Seinen Zeitgenoss:innen hilft das noch nicht aus dem Jammertal, aber seine Schrift wird rezipiert und wird viel später mit ihrer klaren Argumentation wesentlich zum Ende der Hexenverfolgungen beitragen.
1 Siehe z.B. bei Schell, Johanna: O Heiland, reiss die Himmel auf, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch Heft 2, hg. von G. Hahn und J. Henkys, Göttingen 2001, 3–6.
2 Spee, Friedrich: Die anonymen geistlichen Lieder vor 1623 (PStQ 63), hg. v. M. Härting, unter Mitarb. v. T. G. M. van Oorschot, Berlin 1979.
3 Miesen, Karl-Jürgen: Friedrich Spee. Pater, Dichter, Hexen-Anwalt, Düsseldorf 1987; Oorschot, Theo G. M. van: Friedrich Spee von Langenfeld. Zwischen Zorn und Zärtlichkeit, Zürich 1992; Rupp, Walter: Friedrich von Spee. Dichter und Kämpfer gegen den Hexenwahn, Mainz 1986.