Ausgabe 2023/4

Totentanz | Die Kunst, Angst in Form zu verwandeln

Im Jahr 2020 standen wir aufgrund der Pandemie vor der Unmöglichkeit, uns physisch zu treffen. Wir, eine Gruppe von Kunstvermittler:innen, deren Prämisse es ist, kollektive Arbeit in kreativen Kontexten zu erforschen.

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© RU Kollektiv – DisTanzen 2020 – 2022
von RU Kollektiv / 26.05.2025

In jedem Winkel der Welt versuchten die Menschen zu tun, was sie konnten, um die Situation zu überwinden, doch die Pandemie zeigte einmal mehr die Tragödie der sozialen Ungleichheit. RU Kollektiv fragte sich in diesem Moment: Wie können wir überhaupt zusammenarbeiten? Wie können wir uns mitten in dieser Krise wiederfinden? Wie können wir die Krise kreativ reflektieren und daraus Kraft schöpfen?

Zur Zeit der Seuche

Eine Person aus dem Kollektiv hatte zu dieser Zeit gerade das Historische Museum in Basel besucht und die Überreste des legendären Basler Totentanz­-Wandgemäldes besichtigt.1 Zu Beginn der Pandemie war die Überschneidung zwischen dem, was im Mittelalter geschah, und dem, was wir erlebten, offensichtlich. Die neue Seuche hiess COVID­19. Man könnte sagen, die Pandemie traf vor allem die jüngeren Generationen unvorbereitet: In unserem modernen Leben, in welchem der Tod oft sehr gut verdrängt ist und wo hinter verschlossenen Räumen gestorben wird, hatte das Sterben für jüngere Generationen bisher wenig Präsenz eingenommen. Die Pandemie führte uns die Fragilität des Lebens vor – auch mit ersten Bildern von gestapelten Särgen in Bergamo. Wie mit dieser Gefahr umgehen? Wie um den Tod und von ihm weg tanzen?

Der Basler Totentanz

Das Motiv des Totentanzes wird seit Jahrhunderten immer wieder neu interpretiert. Die Ursprünge oder Vorstufen der Totentänze führen auf Riten der Bestattungs­ und Memorialkultur zurück, als eine Art Antworten auf drohendes Unheil, wie etwa Kriege und Seuchen. Der Totentanz nährt sich aus den Ängsten von Krisenzeiten.

Der Basler Totentanz ist ein 2 x 60 Meter grosses Wandbild, das im späten Mittelalter, um ca. 1440, auf eine Friedhofsmauer in Basel gemalt wurde und den Tanz des Todes darstellt. Das Gemälde ist ein memento mori – gedenke des Todes – und erinnert uns daran, dass der Tod alle gleichermassen besucht. Der Basler Totentanz wurde mehrmals restauriert. Der «Verein Totentanz» in Basel erweckt den Totentanz seit 2013 durch unterschiedliche performative Kunstprojekte zu neuem Leben.

Was hat unsere Aufmerksamkeit erregt?

Einerseits fanden wir es interessant, wie das Motiv einen Tanz darstellt, der keinen Unterschied nach Nationalität, Kultur, Geschlecht oder sozialer Klasse macht: Am Ende ist die einzige Gewissheit, dass alle mit dem Tod – der ja vielleicht auch eine «sie» ist – tanzen werden. Andererseits fanden wir es interessant, dass sich die Gemeinde an der Erhaltung des Motivs beteiligte: Das Wandgemälde wurde 1805 zerstört und es waren einige Basler Einwohner:innen, die freiwillig die Verantwortung dafür übernahmen, Fragmente des Totentanzes in ihren Häusern aufzubewahren. So wurden einige Fragmente gerettet und wir können sie heute im Historischen Museum in Basel sehen. Diese beiden Hauptaspekte liessen uns über die Bedeutung eines Themas und Motivs nachdenken, das im Leben aller Menschen präsent ist und in seiner schönen Darstellung als Tanz am Ende unserer Tage steht.

Kunst in Todesnähe

Eva Aeppli, die Basler Künstlerin, beschäftigte sich intensiv mit Skeletten, Schädeln und Todestänzen – auf eine sehr melancholische Art und Weise.

Ihr Werk «Honoré» (1974) ist eine Stoffplastik auf einem Stuhl sitzend.2 Der schmale Kopf, der schräg geneigt ist und mit verschlossenen Augen nach unten blickt, scheint eine unendliche Ruhe auszustrahlen … den Augenblick der Ewigkeit. Eva Aeppli war mit Jean Tinguely in zweiter Ehe verheiratet. Eine in Basel präsente Neuinterpretation ist der «Mengele-Totentanz» aus dem Jahre 1986 von Jean Tinguely. Nach einer Herzoperation hat er in diesem Werk die eigene Lebensgefahr und das mögliche Nahen des eigenen Todes verarbeitet und mit dem grössten Menschheitsverbrechen und Massenermordung des 20. Jahrhunderts in Bezug gesetzt. Die Benennung des Werkes verweist auf den NS­Täter Mengele. Ein kinetisches Werk (also eines, das auf die Ästhetik von Bewegung setzt), das aus tierischen Überresten eines Brandes entstand.

Totentanz auf DisTanz

Wir fragten uns: Wie würde das Totentanz­Motiv mitten in einer Pandemie im Jahr 2020 aussehen? Und wir haben die Initiative ergriffen, den Basler Totentanz neu zu interpretieren und zu gestalten. Die Neuinterpretation besteht aus 45 Einzelteilen. Der neue Totentanz sollte in Form eines Wandbildes entstehen – als kollektive Zusammenarbeit auf Distanz. Wir fuhren auf Fahrrädern durch die Stadt und haben das Material an alle, die mitmachen wollten, verteilt. Die Menschen in unserem näheren Umfeld waren die Ersten, die Interesse an einer Teilnahme zeigten. Das Leintuch, das wir für die Stücke verwendeten, war eine Spende unserer damaligen Dozentin Beate Florenz (IADE, FHNW). Um diese Krise visuell tanzend zu überbrücken, haben wir viele Menschen zum Mitmachen angeregt und eingeladen. Erreicht haben wir die Personen über digitale Kommunikationsplattformen, telefonisch oder per Post. So entstand gemeinsames künstlerisches Arbeiten, um Angst in Form zu verwandeln, und es spannten sich Fäden, die uns sinnbildlich in der pandemiebedingten Distanz miteinander verbunden haben. DisTanzen – um über das Leben und den Tod gemeinsam zu reflektieren.

45 Blicke auf den Tod

Als es langsam wieder möglich wurde, sich in kleinen Gruppen zu treffen – mit medizinischen Masken und griffbereitem Desinfektionsmittel – versammelten sich immer wieder kleine Gruppen in Basel, Zürich und online. Diese Treffen fanden bis zum Jahr 2022 statt. So sind im Laufe der Zeit 45 Teile entstanden, aus denen das jetzige Wandgemälde besteht. Die Stücke, die Teil des DisTanzen­Projekts sind, haben offensichtlich viel mit der COVID­19­Pandemie zu tun, beinhalten aber auch andere persönliche und autobiografische Gefühle über die Beziehung zum Tod.

Arpillera – gemeinsam Gestalt geben

Eine der am häufigsten verwendeten Techniken während der Treffen war die Technik namens «Arpillera», eine Art patchwork­Technik, bei der Stoffstücke verschiedener Struktur und Farbe mit einer gestickten Naht auf einen Stoffuntergrund genäht werden. Arpillera entstand während der Militärdiktatur in Chile im Geheimen als eine kollaborative kreative Manifestation. Die Verwendung dieser Technik für das DisTanzen­Projekt ergab sich durch die Teilnahme einer Gruppe lateinamerikanischer Menschen, die in Basel leben und bei der chilenischen Künstlerin Cecilia Hurtado bereits Erfahrungen mit der Arpillera­Technik gesammelt hatten. Arpillera passte sowohl in technischer Hinsicht als auch inhaltlich perfekt zum Projekt, da ihre Geschichte auch Aspekte der Beziehung zum Tod umfasst: Sie ermöglichte es Gruppen von Frauen während der schrecklichen Pinochet-Diktatur, ihre persönlichen und lokalen Geschichten über Menschenrechtsverletzungen im Geheimen festzuhalten. Für das damalige Regime stellten die handarbeitenden Frauen keine offensichtliche Gefahr dar (in einem Kontext, in dem Massenversammlungen aus politischen Gründen nicht erlaubt waren), aber ihre Kunstwerke wurden zu einer der sichtbarsten Dokumentationen des Unrechts. So ist der soziale und der politische Aspekt beim Arbeiten mit der Arpillera­Technik stets präsent. Bei einigen Treffen zur Umsetzung der DisTanzen­Stücke liessen wir uns davon inspirieren und verwendeten Stoffe, die früher Teil der persönlichen Kleidung der Teilnehmer:innen gewesen waren. Dieser Aspekt ermöglichte eine enge Bindung zum Motiv und erweiterte gestalterische Möglichkeiten.

Gemeinschaftsprojekt

Die am Projekt beteiligten Personen haben unterschiedliche berufliche Hintergründe. RU wollte einen Raum schaffen (häufig in Online­Treffen), innerhalb dessen wir uns auf kreative Weise über die Beziehung von Leben und Tod austauschen konnten. Künstlerische Vorkenntnisse sollten dabei keine Rolle spielen. Die Erfahrung und der Austausch zu persönlichen Geschichten, Vorstellungen, Erzählungen zu Leben und Tod … haben sich in die Stoffstücke eingewoben – sind mit den visuellen Ergebnissen verstrickt –, wie wir es auch alle sind.

Zum Abschluss der ersten Phase haben wir im November 2022 ein Treffen und eine Ausstellung mit den Teilnehmer:innen in Basel gefeiert. Das noch nicht abgeschlossene Gemeinschaftswerk wartet darauf, seine 45 Teile zu einem neuen Wandgemälde zu vereinen, das hoffentlich durch die Strassen von Basel und in anderen Städten der Schweiz touren wird.

RU dankt allen Menschen, die Teil dieses Gemeinschaftsprojekts geworden sind und ihre Ideen und Kreativität eingebracht haben, um eine neue Interpretation des Basler Totentanzes zu schaffen.

1 Eine Abbildung gibt es z.B. hier: https://www.ckk-bs.ch/basler_totentanz
2 Eine Abbildung gibt es z.B. hier: https://www.kunstmuseum-so.ch/de/sammlung/werke/25653-honor