Ausgabe 2023/4

Mutmacherinnen | Gegen den Luxus der Hoffnungslosigkeit

Während ich diese Zeilen schreibe, brennen Wälder, Steppen und Häuser: in Griechenland, in Kanada, auf der kanarischen Insel Teneriffa. Vor 17 Stunden hat ein Hurrikan die Küste Kaliforniens erreicht.

Deprecated: preg_match(): Passing null to parameter #2 ($subject) of type string is deprecated in /var/www/vhosts/ownb.it/fama.ch.ownb.it/wp-content/themes/fama.ch/cache/latte/ecd4758ac8.php on line 20
© RU Kollektiv – DisTanzen 2020 – 2022
Text: Geneva Moser / 26.05.2025

Heute sind es hier 34 Grad Celsius und eine Hitzerekordmeldung jagt die nächste. Vor wenigen Tagen wurden in Nürnberg und anderen deutschen Städten die Keller wegen Starkregen überflutet. Zu den unübersehbaren Folgen der Klimakatastrophe kommen noch alle Abgründe menschlicher Grausamkeit weltweit. – Unter diesen apokalyptischen Vorzeichen am Morgen überhaupt aufzustehen, ist an sich schon eine Leistung, denke ich manchmal.

Und erst recht: Mich hinsetzen und einen Artikel schreiben, der Hoffnung vermittelt? Der sich nicht in den Jammertaldiskurs, im Unglücksrezitativ verstrickt? Schwierig. Doch mir ist, als würde die Theologin und Aktivistin Dorothee Sölle, deren 20. Todestag in diesem Jahr begangen wird, über meine Schulter schauen und mich ermahnen: «Wir können uns den Luxus der Hoffnungslosigkeit nicht leisten! Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde.» Natürlich hast du Recht, Dorothee … Aber: Was sät denn den «Zwiespalt in meine, unsere Hoffnungslosigkeit, damit wir uns nicht zementieren im Unglauben», was lässt die Visionen nicht verkümmern?

Kosmos Hildegard

Unlängst habe ich einen Artikel über die heilige Hildegard geschrieben, anlässlich ihres 925. Geburtstages. Die mittelalterliche Benediktinerin fasziniert noch fast tausend Jahre nach ihrer Geburt, wenn auch das Vermächtnis Hildegards im kollektiven Gedächtnis gerne auf Kräuterkunde reduziert wird. Die hochkomplexen theologischen Schriften der Universalgelehrten bleiben dabei meist unerwähnt. Zugänglich ist der «Kosmos Hildegard» nicht, das steht fest. Die Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen hat viel und vielseitig geschrieben bzw. diktiert: Liber Scivias, Liber Vitae Meritorum, Liber divinorum Operum, Causae et Curae, Physica – so lauten die Buchtitel. Dazu kommen kleinere Schriften, Briefwechsel sowie eine Sammlung Gesänge und ein Singspiel. Während die Autorinnenschaft der beiden Schriften zu Natur­ und Heilkunde nicht unumstritten ist, gelten die drei Visionsschriften mit zahlreichen Abschriften als sicher von Hildegard stammend. Alle drei reihen sich in eine Schrifttradition von geistlichen Wegweisungen ein.

Vision und Erfahrung

Wie gelangt der Mensch zur Erlösung, zum Heil? Wie lässt sich das Verhältnis von Gott und Mensch bestimmen? Wie steht es um Gut und Böse in dieser Welt? Welcher Sinn und welche Ordnung liegen dem Kosmos zugrunde? Als Grundlage für ihre Ausführungen zur Beantwortung dieser Fragen dienen der Autorin Erfahrungen, die sie als Visionen beschreibt. Wie wir uns diese Visionen genau vorzustellen haben – und ob dabei halluzinogene Substanzen, akute Migräneanfälle oder ein emanzipatorischer Kniff, um der männlich­klerikalen Zensur zu entgehen, eine Rolle spielten –, braucht uns hier nicht weiter zu beschäftigen. Fest steht: Die Autorin hat visionäre Bilder und schreibt diese nieder, ordnet sie in ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihren eigenen Lebenskontext ein und deutet sie so, dass sie für andere Menschen nützlich sein können. Sie tut das beispielsweise – überraschend aktuell – in ihrer Schöpfungsspiritualität.

Prophet*innen

Hildegard beschreibt in Liber Vitae Meritorum, wie sie die Klage und den «wilden Schrei» der Elemente hört, die «schon stinken wie die Pest» und nach Gerechtigkeit rufen. Diese bildhafte Sprache passt nahtlos in heutige Schreckensnachrichten von schreienden Elementen. Hildegard ruft die Menschen bereits im Mittelalter dazu auf, Verantwortung für das von Gott Geschaffene zu übernehmen, nicht um ihrer selbst willen, sondern als Antwort auf Gottes Schaffen. Gott kreiert aus Liebe, um sich mitzuteilen, um Beziehung zu suchen – bis heute – und sehnt sich nach der Antwort der Geschaffenen. Schon früh wird Hildegard als Prophetin bezeichnet. Sie selber kokettiert durchaus mit dieser Bezeichnung und nennt sich bisweilen «die kleine Posaune Gottes». Aber die Fähigkeit zur Prophetie ist für Hildegard, trotz ihres zeittypisch ausgeprägten Ständedenkens, etwas allgemein Menschliches: Alle Menschen sind zur Prophetie in der Lage. So lässt sich der Begriff der Prophetin bis heute verstehen: Weniger geht es um ein «Vorhersagen» der Zukunft oder um eine besondere Hellsichtigkeit als um die Fähigkeit, «hervorzusagen».

Apokalyptische Fähigkeiten

Da klingt an: herausschälen, sortieren, auf den Begriff bringen, beim Namen nennen. Also: im besten Sinne enthüllen, entlarven, offenlegen. Hinschauen und hinhören sind quasi «apokalyptische Fähigkeiten».

Ganz Benediktinerin, beginnt Hildegard ihre Visionsschriften mit dem Wort «höre!». Hildegards Alltag ist durchwirkt von den Texten der Bibel, ihr Tageslauf geprägt durch die Unterbrechung und das Einüben des Hinhörens in sieben liturgischen Zeiten, eingebettet in das Kirchenjahr, durch Zeiten der Gemeinschaft und Zeiten der Stille, der persönlichen Lektüre und der Arbeit. Die Richtschnur für dieses Leben bildet die Regel des heiligen Benedikt aus dem 6. Jahrhundert, die mit grosser Weite und Klugheit die Einzelheiten eines solchen Lebens bis heute definiert und durchdenkt. Hildegard war also geübt im Hinhören, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht–wie es bis heute Benediktiner*innen intensiv versuchen.

Inzwischen hat Dauerregen die Hitze hierzulande abgelöst und sorgt wieder für Rekordmeldungen: Inn und Rhein haben Hochwasser, in Biasca ist innert weniger Stunden so viel Regen gefallen, wie sonst jeweils im gesamten August. Florida bereitet sich auf den Hurrikan «Idalia» vor, hat in 46 Bezirken den Notstand ausgerufen und warnt zudem vor Sturmfluten. Wieder ruft mir Dorothee zu: «Jetzt versink nicht in Todeswissen! Nur keine ritualisierte Hoffnungslosigkeit! Man kann Gott gar nicht präziser leugnen als mit dem Satz ‹Wir können sowieso nichts machen›. Gott braucht uns doch als ihre Freund*innen – sie hat keine anderen Hände als unsere.» Gute Ermahnerin Dorothee…

«Inselchen der Menschlichkeit»

Mit einigem Staunen bin ich unlängst über diesen Satz mit den Händen Gottes, in leicht veränderter Formulierung zwar, bei einer ganz anderen Autorin gestossen: bei Clara Ragaz­Nadig. Auch sie feiert bald einen runden Festtag: Im Jahr 2024 ist ihr 150. Geburtstag. Die in Chur geborene religiöse Sozialistin, Feministin avant la lettre und Pionierin der Schweizer Sozialarbeit hat besonders an ihrem Wirkort Zürich vielfältige, wichtige Spuren hinterlassen: Nicht nur haben sie und ihre Mitkämpferinnen den Weg zum später errungenen Frauenstimm­ und Wahlrecht geebnet, sondern mit ihrem Engagement die Lebensbedingungen der Arbeiter*innen wesentlich verbessert und während des zweiten Weltkrieges vorgemacht, was Flüchtlingsarbeit heissen kann. In ihrem umfangreichen Nachlass findet sich ihr intensiver Briefwechsel mit der Frauenrechtlerin Emma Pieczynska­Reichenbach, die in der Wegmühle bei Bern gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Helene von Mülinen Gastgeberin eines feministischen Treffpunktes war. In diesen Briefen an die Freundin lese ich auch jenen Satz, geschrieben gegen Ende des ersten Weltkrieges und inmitten von Sätzen der Mutlosigkeit: «Und doch glaube ich auch wieder nicht, dass Gott uns einfach von oben her retten wolle. Wir müssen ihm bei unserer eigenen Rettung behilflich sein.» In beiden Sätzen, dem von Dorothee und dem von Clara, gibt es dieses Wir, ein tätiges Wir, das angesichts von Leid und Katastrophen mit seinen Händen versucht, göttliches Heil und Rettung zu erwirken. Ein «kleines Inselchen der Menschlichkeit», wie Clara schreibt.

Soziales Elend

Im Jahr 1912 reisten Clara Ragaz und ihr Mann, der Theologieprofessor Leonhard Ragaz, nach England, «um hauptsächlich mit den sozialen Bestrebungen dort in Fühlung zu treten», wie sie ihrer Freundin Emma berichtet. Beide in bürgerlichen Verhältnissen verwurzelt und lebend, interessieren sie insbesondere die Settlements, «deren Sinn ja war, dass Menschen aus der ‹oberen› Schicht der Gesellschaft das Leben der ‹untersten› Schicht wenigstens eine Zeitlang brüderlich teilen wollten. Das war auf der einen Seite, im franziskanischen Sinn Selbstzweck, auf der andern aber wollte man, echt englisch, auf diese Weise erfahren, wie dem Proletariat sozial am besten zu helfen sei», wie Leonhard Ragaz in seiner Autobiografie ausführt. Er schildert in einem Artikel im Jahr 1914, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Neue Wege, eindringlich, welche Armut ihnen begegnete: Im Londoner East End «stiessen wir auf ein Elend, das wir nicht glauben konnten […]. Hier blickte man aus schmutzigen Gassen in Wohnungen hinein, die mehr Höhlen für wilde Tiere gleichen; hier starren uns Gesichter entgegen, aus denen die Scheu und der Zorn des gehetzten, oder auch die Stumpfheit des abgehetzten Tieres sprechen; hier brütet eine Atmosphäre des Verbrechens, die uns am hellen Tage etwas wie eine Empfindung der Bangigkeit einflösst. Wir haben das Gefühl, dass wir erst jetzt das Antlitz des Elends in seiner ganzen Furchtbarkeit gesehen haben.»

Der «Settlement-Plan»

In den Settlements finden die beiden die ideale Antwort auf solches Elend und sind tief beeindruckt von Browning Settlement. Clara steht zudem in engem Austausch mit der späteren Friedensnobelpreis­Trägerin Jane Adams, die in Chicago ein Settlement gegründet hatte, und ist von deren Arbeit inspiriert. Es dauerte allerdings noch einige Jahre, bis sie diese Idee auf ihre Weise in Zürich verwirklichen sollten. Leonhard Ragaz trat zunächst 1921 von seiner Stelle als Theologieprofessor zurück. Damit gibt die Familie nicht nur die materielle Sicherheit und den Beamtenstatus auf, sondern auch jegliche soziale und kulturelle Anerkennung in ihren Kreisen. Der «Settlement­Plan» wird konkreter. Clara schreibt an Emma: «Dazu kommt noch, dass seine und mehr oder weniger ja unsere Pläne dahingehen, unser Leben so viel als möglich dem Proletariat zu widmen. Ich denke, mein Mann hat Ihnen geschrieben, dass wir gerne eine Art Settlements­ oder Volkshochschularbeit betreiben möchten.» Die Suche nach einem geeigneten Ort hatte begonnen.

«Teppich weben und das Evangelium verkünden»

1922 finden sie eine Immobilie im Arbeiter*innenviertel Aussersihl und ziehen in das Mehrfamilienhaus an der Gartenhofstrasse 7. Sie werden diesen Ort für die nächsten 20, 30 Jahre gemeinsam zu einem Zentrum für Arbeiter*innenbildung, Flüchtlings­ und Friedensarbeit und Nothilfe machen – eine «Gemeinschaft von Mensch zu Mensch» – Tag und Nacht. Bis heute zeugt ein Schild an der Tür des Hauses davon: «Bei Nacht bitte hier läuten». Clara Ragaz­Nadig entwickelte innerhalb und neben diesem fordernden Projekt immer ihre eigenen Themen und Schwerpunkte, sie widmete sich insbesondere der internationalen Friedensarbeit und dem Einsatz für Frauenrechte. Sie schreibt, angesichts der materiellen Sorgen, die mit dem Umzug an die Gartenhofstrasse 7 einhergehen, an ihre Freundin Emma: «Nur möchte ich von mir aus lieber einen Broterwerb neben dieser Arbeit, weil mir dann immer Paulus als Vorbild vorschwebt: Teppich weben und das Evangelium verkünden, nicht nur das Evangelium verkünden und die andern für das Brot sorgen zu lassen.»

Erinnern ermutigt

So war für Clara die (harte, körperliche und intensive) Arbeit im Gartenhof also in erster Linie Verkündigung. Sie verstand sich als Botin einer Freudenbotschaft – und «webte» mit ihren Händen gleichzeitig den Teppich der Friedensförderung und der Gleichberechtigung. Sie übersetzte und schrieb, hielt Vorträge und lehrte. Ihre Vision, so mein Eindruck, brauchte den Resonanzraum naher und intensiver (Frauen­)Freundschaften existenziell. Von ihnen holte sie sich Trost, Inspiration und Rückmeldung.

Die Gelingensgeschichte der Familie Ragaz­Nadig zu erinnern, ist hilfreich. Dass im heutigen Stadtbild von Zürich zwar ein winziges Weglein mit dem Namen «Leonhard-Ragaz­Weg» zu finden ist, aber keinerlei Zeichen von Clara Ragaz­Nadig, ist ein typisches Beispiel der androzentrischen Geschichtsschreibung, ja Geschichtsauslöschung. «Nur wer Erinnerung hat, hat auch Zukunft und Hoffnung», pflichtet mir Dorothee über die Schultern bei und zitiert den Philosophen Ernst Bloch: «Die Erinnerung ist die Triebkraft der Vision vom ganzen Leben.» Hoffentlich ändert das kommende Jubiläumsjahr – 150 Jahre Clara Ragaz­Nadig – an dieser Erinnerungslücke so einiges!

Spassverderberin!

Ich unterbreche meine Schreibarbeit, weil ich in der Zeitung von einem weiteren MeToo­Fall lese: Die spanische Spitzenfussballerin Jennifer Hermoso wurde wenige Minuten nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft vom Verbandschef Luis Rubiales ungefragt und ungewollt auf den Mund geküsst – öffentlich, im Fussballstadion, die ganze Welt ist Zeug*in. Hermoso äussert sich zum Vorfall und beschreibt den Kuss als Grenzüberschreitung, als unangenehm. Aber Rubiales beschwichtigt, streitet ab, stellt auf stur. Und erhält weltweit Unterstützung: Jennifer Hermoso ist Spassbremse, Spielverderberin. Sie übertreibe. Sie wird lächerlich gemacht. Eine meiner Lieblingskulturwissenschaftlerinnen, Sara Ahmed – sie hat übrigens heute, während ich diese Zeilen schreibe, Geburtstag – hat einen Begriff geprägt, der mich schon seit Jahren begleitet: Killjoy, oder eben: Spassbremse, Spielverderberin. Sara Ahmed analysiert in ihrem Buch The Promise of Happiness, wie es die Rolle der US­amerikanischen Hausfrau in den 1950er Jahren ausmachte, für die Harmonie und das Glück der Familie zu sorgen. Ihre Aufgabe war es, Wohlbefinden zu schaffen. Die feministische Bewegung, die mit dieser Rolle brach, fiel zunächst durch ihre Wut, ihr Unglücklichsein auf. Feministin zu werden, hiess, unglücklich zu werden und jenen Ort der Kritik aufzusuchen, der ausserhalb der «guten Stimmung», des Lachens und Zufriedenseins liegt.

Falsche Naivität

Widerstand, so formuliert es Dorothee über meine Schulter, heisst auch, sich der falschen Naivität des «es wird schon besser werden!» zu widersetzen, einem «falschen Vertrauen, das noch nicht einmal in der Lage ist, die Opfer überhaupt wahrzunehmen, das so tut, als existierten sie nicht, denn uns geht’s ja gut». In Sara Ahmeds Analyse: Wenn etwas als diskriminierend benannt wird, dann wird es greifbar, fassbar. Für diejenigen aber, die die Diskriminierung vorher nicht gefühlt haben, wird sie erst im Moment der Benennung existent – und die gute Stimmung bricht. Sara Ahmeds grosse Leistung ist es, dass sie dieser Rolle eine ironische Selbstbezeichnung gab: Feminist Killjoy.

Ein Hoch auf die mutigen Spassbremsen unserer Zeit, arbeiten sie doch an der Hoffnung. Dorothee ergänzt: «Meine Erfahrung lehrt mich, dass Menschen, die an irgendeinem Punkt ihres Lebens in Formen des Widerstands, des Protests, der Verweigerung engagiert sind, den Luxus der Hoffnungslosigkeit überwunden haben.»