Es sei ein schlagartig einsetzender, wellenartiger Schmerz stärkster Intensität in der linken Flankenregion. Sein Blutdruck und die Herzfrequenz lassen auf einen grossen Stress schliessen. Wir diagnostizieren einen Harnleiterstein. Erfahrungsgemäss ist ein solcher Stein sehr schmerzhaft. Der Patient erhält daher grosszügig Schmerzmittel und wird für die weitere Behandlung stationär aufgenommen.
nebenan
In der nächsten Koje erscheint eine Frau in Begleitung ihres Ehemannes. Sie habe eine Nebenhöhlenentzündung, die sehr schmerze, und bittet um ein Antibiotikum. Die Messung ihrer Herzfrequenz, ihres Blutdrucks und ihrer Körpertemperatur ergibt keinen Hinweis auf eine starke Entzündung oder grossen Schmerz. Die Patientin sitzt auf einem Stuhl und wirkt gefasst. Sie verzieht beim Erzählen keine Miene, beschreibt aber Schmerzen, die auf der Skala von eins bis zehn einen hohen Wert von acht erreichen. Diese Schilderung hat die Pflegeperson bereits dazu veranlasst, zu einem stark wirksamen Schmerzmittel zu greifen. Die Frau verspürt jedoch nur wenig Linderung. Alle weiteren Untersuchungen sind unauffällig.
zwei Menschen – zwei Kommunikationen
Neben den unterschiedlichen Krankheitsbildern dieser zwei Personen sehe ich mich durch ihre unterschiedliche Kommunikation herausgefordert. Der männliche Patient wartet meine Fragen ab, antwortet in kurzen Sätzen und beschränkt sich inhaltlich nur auf die Beantwortung jener Fragen, die ich ihm stelle. Die weibliche Patientin hingegen beschreibt umfassende Empfindungen, die Qualität der Schmerzen ist aber nicht eindeutig zuordenbar; die Symptome sind «typisch» für einen harmlosen Infekt der oberen Atemwege. Darüber hinaus beschreibt sie Nebenerscheinungen wie Muskelverspannungen, Stress, Ängste sowie Beeinträchtigungen im Alltag. Letzte Woche habe es einen Umzug gegeben, die Kinder seien sehr fordernd. Sie erzählt mir detailliert ihre gesamte Krankheitsgeschichte seit Teenagerzeiten. Im Bewusstsein, dass alle Kojen voll sind und ich zwei Patient*innen noch gar nicht gesehen habe, werde ich ungeduldig.
Ich kann keine Warnsignale für eine grosse Bedrohung ihrer Gesundheit oder gar ihr Leben erkennen. Da für die Patientin ein grosser Leidensdruck besteht, könnte eine antibiotische Behandlung in Erwägung gezogen werden. Allerdings wurde noch keine weniger aggressive Therapie versucht. Ich entscheide, zunächst mit Schmerzmittel und Nasenspray zur Abschwellung der Schleimhäute zu beginnen und den weiteren Verlauf abzuwarten.
Dilemma
Aber werde ich den Beschwerden der Frau damit gerecht? Meine Massnahmen entsprechen in diesem Fall nicht ihrer Erwartung. Ich stehe zu meiner Entscheidung, doch sehe ich, dass die Patientin sich in ihrem Leiden nicht erkannt fühlt.
Manchmal kann ich bei der Behandlung von Personen verschiedener Geschlechter einen Unterschied erkennen. Viele männliche Patienten können mir Beschwerdebilder wie aus dem Lehrbuch beschreiben. Abklärung und Behandlung liegen in einem solchen Fall auf der Hand. Mein Wissen aus dem Studium erscheint mir dann wie massgeschneidert für männliche Patienten. Frauen kommunizieren nachweislich oft anders: detaillierter, mit einer Fülle an Informationen und teilweise nicht klar zuordenbaren Symptomen. Aus den vielen mitgeteilten Informationen muss ich dann die wesentlichen Punkte ermitteln. Ich verspüre dabei eine alarmierende Sorge, etwas Wesentliches zu übersehen. Mit Hilfe von gründlichen Abklärungen lassen sich bedrohliche Ursachen zwar meist ausschliessen. Aber nicht immer lässt sich ein eindeutiger, klarer Grund finden, der den subjektiv empfundenen Schmerz durch einen greifbaren Befund «objektivieren» würde. Dann bin ich ratlos und unzufrieden, dass ich trotz Medizinstudium und langjähriger Erfahrung als Ärztin nicht genug ausrichten kann. Es verbleibt die Option, symptomatisch zu behandeln und zu beobachten – oder einen psychischen oder seelischen Hintergrund der körperlichen Not zu vermuten. So können zum Beispiel Depressionen das Schmerzempfinden verstärken.
abgewertete Gefühle
Wenn eine Person so sozialisiert wurde, dass negativ bewertete Gefühle wie Angst oder Trauer nicht akzeptabel seien, körperlicher Schmerz jedoch beachtet wurde, könnte es sich auch darauf auswirken, wie sie Schmerz wahrnimmt und wie sie kommuniziert. Dies beeinflusst und erschwert die Erhebung der Krankheitsgeschichte und eine aus medizinischer Sicht gute Behandlung. Für das medizinische Personal kann das frustrierend sein und sich in Abwertung und Vorurteilen gegenüber bestimmten Personengruppen äussern: So konnte ich in meinem Arbeitsalltag erleben, wie Patient*innen aus dem Mittelmeerraum mit der Bezeichnung «Morbus Mediterraneus» abgetan wurden. Dies geschah zum Beispiel, wenn trotz starker Bauchschmerzen und hohem Leidensdruck «nur» eine funktionelle Ursache wie Verstopfung zu Grunde lag. Doch darf nur ein lebensbedrohlicher Zustand einen starken Schmerz rechtfertigen?
missachteter Schmerz
Nicht wenige Frauen plagen regelmässig intensive Menstruationsschmerzen. Gesellschaftlich wird dieser Umstand wenig beachtet. Als Ärztin, unter dem Druck funktionieren zu müssen, habe ich selbst oft zu Schmerzmitteln gegriffen und die Beschwerden ignoriert. Trotzdem bedeutet es nicht, dass die betroffenen Frauen mehr Schmerzen aushalten könnten, weil sie regelmässigen Schmerz gewohnt sind. Vielmehr besagt die Literatur, dass Menschen unter regelmässigem oder langwährendem Schmerz ein Schmerzgedächtnis ausbilden können, das sie sogar noch viel sensibler gegenüber jeglichen Schmerzen machen kann.
Ich persönlich erinnere mich, dass ich bei Krankheit oder Verletzungen vor allem von weiblichen Personen negatives Feedback bekam, wenn ich «jammerte», und dass sie mir Schmerzen bei Verletzungen sogar absprachen.
Vom Schwimmunterricht liessen sich einige Klassenkameradinnen befreien, wenn sie ihre Tage hatten. Dies stiess bei anderen Mitschülerinnen auf Unverständnis und Abwertung. Es hiess dann schnell, sie wollten sich vor der Anstrengung drücken, die Menstruation sei dabei nur ein dankbarer Vorwand.
Als Jugendliche riss ich mir beim Sport die Bänder des Sprunggelenkes. Mein Fuss wurde im Spital geröntgt. Dabei musste ich den verletzten Fuss in einer bestimmten Stellung halten, was mir schier nicht gelang. Die Röntgenassistentin begann, an meinem Fuss zu zerren und zu schieben. Ich empfand diese Behandlung als sehr grob. Als mein Vater mein schmerzverzerrtes Gesicht sah, bat er darum, etwas vorsichtiger zu sein. Die Röntgenassistentin antwortete darauf: «Das muss sie auch noch lernen.»
mögliche Folgen
Welche Konsequenzen hat das für die Frauen im Umgang mit eigenen Schmerzen? Schulen wir unser Schmerzgedächtnis, wenn wir im Alltag weiter die Zähne zusammenbeissen und über unsere Grenzen gehen? So mancher Schmerz, der mir in meinem medizinischen Alltag begegnet, könnte von einer «Überlagerung» durch Ängste, Stress oder einem intensivierten Schmerzgedächtnis kommen. Die subjektiv empfundene Not ist dann sehr gross, auch wenn sie sich körperlich nicht nachvollziehen lässt. Ich kann verstehen, wenn medizinische Fachpersonen in dieser Situation frustriert oder genervt sind. Aber auch, dass sich Patient*innen dann nicht ernst genommen fühlen.
Könnte es für solche Patient*innen ein Grund sein, erst sehr spät ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen? Sogar, wenn es sich tatsächlich um einen gefährlichen medizinischen Notfall handelt? Einerseits begründet durch die Angst, nicht ernst genommen zu werden, andererseits, weil sie gelernt haben, auch andere Schmerzen auszuhalten und zu ignorieren? Oder aber im Gegenteil, könnte eine Folge sein, dass diese Menschen durch ihr erhöhtes Schmerzgedächtnis stärker und ängstlicher auf geringere Schmerzreize reagieren und schneller ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen? Welche Rolle könnte es spielen, dass viele medizinische und pharmakologische Studien von und mit Männern durchgeführt werden? Wissen wir noch zu wenig über den weiblichen Körper? Welche Rolle spielt unsere Sozialisierung?
neue Forschung – neue Sicht
Das Problem einer an Männern orientierten Medizin wurde erkannt. Das relativ neue Gebiet der Gendermedizin berücksichtigt Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern. Dass sich die Wahrnehmung und Behandlung von Frauen im Gesundheitssystem ändert, ist aber ein langsamer Prozess. Wie kann ich meine Arbeit entsprechend gestalten? Wenn eine Frau über starke Schmerzen klagt, ist es in dem Fall kein «Jammern», sondern eine authentische Selbstoffenbarung. Auch wenn Schmerz subjektiv ist, sollte er in meinen Augen sehr gut überprüft werden. Eine angemessene Schmerztherapie ist wichtig, damit sich der Schmerz nicht chronifiziert.
Aber nicht nur das System empfinde ich als Herausforderung, sondern wie wir Frauen uns selbst in verletzlichen Situationen behandeln. Was sagen wir zu Kolleginnen, die krank, menstruierend, schwanger oder in Mutterschaft sind? Ärgern wir uns über die zusätzliche Arbeitsbelastung und nehmen das der Kollegin übel, oder fordern wir bei den Arbeitgeber*innen mehr Unterstützung ein?
Ich reflektiere meine Rolle als Mutter: Was sage ich, wenn meine Tochter hinfällt und herzzerreissend weint? Ist eine oberflächliche Schürfwunde «nicht so schlimm»? Was hätte ich selbst gern gehört? Etwas wie: «Ich sehe, wie weh es dir tut. Hast du dich erschreckt? Komm, ich tröste dich! Willst du mir erzählen, wie das passiert ist? Zum Glück sieht die Wunde aus, wie wenn sie schnell heilen wird.» Ich hoffe, damit kann ich ihr helfen, ihren Schmerz angemessen zu verarbeiten. Und schliesslich mehr Empathie im Umgang mit eigenem wie auch fremdem Schmerz zu empfinden.