Ausgabe 2023/4

Und es jammerte sie | Gedanken zu einer biblischen Wendung

Und als sie es auftat, sah sie das Kind, und siehe, das Knäblein weinte. Da jammerte es sie, und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein. (Exodus 2,6)

Deprecated: preg_match(): Passing null to parameter #2 ($subject) of type string is deprecated in /var/www/vhosts/ownb.it/fama.ch.ownb.it/wp-content/themes/fama.ch/cache/latte/ecd4758ac8.php on line 20
© RU Kollektiv – DisTanzen 2020 – 2022
Text: Christine Stark / 26.05.2025

«Da jammerte es sie …», was für eine Formulierung, mitten in einer Geschichte, in der Bejammernswertes geschieht, aber niemand jammert. Es geht um die Verfolgung neugeborener Knaben durch den Pharao, die dazu führt, dass eine Mutter ihren Sohn in einem geflochten Korb im Nil aussetzt. Die Person, die es hier jammert, ist die Tochter des Pharaos, die dieses «Kästlein» im Schilf entdeckt und öffnet. Sie wird das Kind bei sich aufnehmen und ihm den Namen Mose geben. Zugegeben, es ist eine altertümliche Sprache, die uns hier in der Lutherbibel entgegenkommt, auch in der anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 revidierten Version. Es ist ein in gewisser Weise altbackenes Bibeldeutsch. Die Verkleinerungsformen «Kästlein», «Knäblein» und «Kindlein» wirken für heutige Ohren manieriert und erinnern eher an Märchensprache. Andere Übersetzungen sind deutlich weniger verschnörkelt und bemühen sich um einen sachlicheren Ton. Doch geht möglicherweise auch etwas verloren, wenn es statt «es jammerte sie» lediglich heisst: «Da hatte sie Mitleid.»

Die Eingeweide spüren

Die Erzählung der Rettung des Säuglings Mose ist die erste Bibelstelle, in der die Lutherbibel diese ganz eigene Formulierung «es jammerte sie/ihn» benutzt. Und es ist die Einzige, bei der es eine Frau ist, die es jammert. Die meisten Belege der Wendung finden sich in den Evangelien, entsprechend ist es hauptsächlich Jesus, den es jammert. Ausser ihm jammert es im Neuen Testament sonst nur noch zwei Gleichnisfiguren: den barmherzigen Samariter (Lukas 10,33) und den barmherzigen Vater (Lukas 15,20). Doch was steht da eigentlich im neutestamentlichen Urtext? Das griechische Verb splanchnizesthai bezieht sich auf die Eingeweide, die splanchna. Ähnlich sagen wir im Deutschen zum Beispiel, dass uns etwas «an die Nieren geht». Es gibt Erlebnisse, die sich in unserem Innersten bemerkbar machen, sei dies an den Nieren oder allgemeiner an den Eingeweiden. Wir spüren eine körperliche Reaktion, etwas widerfährt unseren Innereien. Es ist nicht etwas, das ich aktiv suche oder tun kann, sondern mein Körper reagiert auf etwas, das mich innerlich derart berührt, ja aufwühlt, dass ich den Jammer der anderen leibhaftig spüre.

Mehr als Mitleid

Wir alle kennen derartige Gefühle und Empfindungen in der Mitte unserer Leiber, sei es ein Sich­Zusammenziehen oder ein schmerzhaftes Gefühl von Leere. Mein Körper involviert mich, wenn mich anderes Leid trifft, er bringt mich im wahrsten Sinne des Wortes zum Mit­Leiden. Kein Wunder dass splanchnizesthai in vielen Bibeln einfach mit «Mitleid haben» übersetzt wird. Jedoch klingt mir das zuweilen zu nüchtern, mir fehlt das leibliche Empfinden, das im griechischen Wort anklingt und für mich persönlich in der Wendung «es jammerte sie/ihn» in meinen Eingeweiden spürbar wird. Zudem schwingt beim Begriff Mitleid etwas Asymmetrisches mit, als manifestiere sich im Mitleid die Ungleichheit zwischen der Person, die leidet, und derjenigen, die sie lediglich bemitleidet. Einen solchen missverständlichen Beigeschmack finde ich in der Wendung «es jammert sie/ihn» nicht. Vielmehr bringt sie zum Ausdruck, wie sich jemand unmittelbar in das Leid einer anderen Person involvieren lässt. Erstaunlicherweise spielt es keine Rolle, ob die Notleidenden selbst jammern, sondern die Not anderer jammert mich und bringt mich ihnen auf diese Weise körperlich näher, weil mein Innerstes aufgewühlt wird oder sich zusammenzieht. Aus dieser Nähe heraus (und nicht von oben herab) erwächst dann der Impuls, je nach meinen Möglichkeiten, die Not zu lindern.

Leiblich von Gott sprechen

Das griechische Bedeutungsfeld von splanchnizesthai und splanchna hat eine hebräische Verwandte, die ebenfalls auf konkrete Leiblichkeit verweist. So ist das Verb für «sich erbarmen» (rḥm) mit der Bezeichnung für den «Mutterleib» (ḥæm) verwandt, der im Plural (raḥamīm) wiederum nichts anderes als «Eingeweide» bedeutet. Erbarmen ist also auch im Hebräischen keine abstrakte oder gar kognitive Angelegenheit, sondern eine körperliche Regung, die mit dem Mutterleib verknüpft und versinnbildlicht wird. Auch diese Vorstellung verbindet eine zwischenmenschliche Regung mit dem Innersten unserer Körper. Weibliche Leiblichkeit formt Metaphern und Sprache. Hinzu kommt, dass das Wortfeld Erbarmen/Barmherzigkeit eindeutig religiöse Sprache ist, die Gott verständlich zu machen versucht. Die Rede von Gott greift also menschliche Regungen und körperliche Erfahrungen auf und macht Gott damit in einer tieferen Weise verständlich. Gott wird nicht als Teil einer abgehobenen himmlischen Sphäre erzählt, die über allem erhaben ist, sondern als empfindsam und involvierbar, als unmittelbar und geradezu leiblich auf die Welt und ihre Menschen bezogen.

Weiblich von Gott sprechen

Eine Metapher, die diese Bezogenheit illustriert, ist diejenige der familiären Verbindung. Gott wird als Elternteil der Menschheit vorgestellt, die göttliche Bezogenheit als väterlich und mütterlich beschrieben. Hier spielt auch das Wortfeld von «Mutterleib» und «sich erbarmen» hinein. Als antike Textsammlung ist die Bibel dabei freilich nicht von möglichen Geschlechterstereotypen frei. Jedoch bleibt beeindruckend, wie die Bezogenheit durch körperlich nachvollziehbare Regungen erzählt wird. In einem Prophetenspruch im Buch Hosea schildert Gott die Beziehung zum erwählten Volk wie diejenige einer Mutter zu ihrem Sohn. Da geht es ums Laufenlernen, darum, ein Kleinkind an die Wange zu heben oder umgekehrt sich zu ihm herabzuneigen, um ihm zu essen zu geben (Hosea 11,1­4). Doch das herangewachsene Volk vergisst seine Kinderstube und wendet sich von Gott ab. In Gottes Innerstem entbrennt ein regelrechtes Gefühlschaos: Das Herz sträubt sich, Mitleid entbrennt, es glüht der Zorn. Gott lässt sich aufwühlen und verabschiedet sich im Widerstreit der Emotionen vom Zorn mit der Begründung: «Denn Gott bin ich und kein Mann» (Hosea 11,9b). Die Absage an eine einseitige Männlichkeit ist der Höhepunkt eines Textes, der von Gott in Metaphern von mütterlich­weiblichem Handeln erzählt.

Sich berühren lassen

Egal ob Mitleid, Barmherzigkeit, splanchnizesthai, rḥm oder die lutherdeutsche Formulierung «es jammerte sie/ihn»: Griffige Worte machen Gott ungeahnt greifbar, weil wir sie mit unseren Körpern verknüpfen, ja sogar leibhaftig nachempfinden können. Kein Wunder also, dass genau auf diese Art auch das Mitfühlen Jesu erzählt wird, nämlich dass es ihn immer wieder jammert. Natürlich enthält die Bibel zahlreiche andere Worte und Metaphern, die nicht in dieser unmittelbaren Weise körperlich sind. So steht sogar bei dem eingangs zitierten ersten Beleg der Lutherbibel von «es jammerte sie/ihn» ein völlig anderes hebräisches Wort im Urtext als rḥm. Doch in der Übersetzung berührt mich jene Geschichte gerade mit dieser besonderen Formulierung in meinen Eingeweiden. Hier wird nicht gejammert, wohl aber weint das Knäblein. Dies wiederum jammert die Pharaonentochter und bringt sie dem Kindlein innerlich so nahe, dass sie sich ihm zuwendet. Aus dem Nachempfinden wird echtes Mitfühlen, das den Impuls weckt, aktiv zu werden und dem Jammer etwas entgegenzusetzen.