Ausgabe 2024/3

Armut, Gehorsam, Keuschheit: Die Evangelischen Räte heute

Die sogenannten Evangelischen Räte Armut, Gehorsam und Keuschheit sind christliche Haltungen, die in der römisch-katholischen Tradition zur Christusnachfolge gehören.

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© Veronika Henschel
Text: Hildegard Schmittfull / 31.10.2024

Sie sind biblisch begründet als Räte aus den Evangelien, also als etwas, das geraten, aber nicht geboten ist. Dies impliziert vielleicht schon, dass es eine innere Freiheit benötigt, den Ruf in eine solche Nachfolge zu hören. Dem reichen Jüngling rät Jesus in Matthäus 19,21, seinen Besitz zu verkaufen und das Geld den Armen zu schenken, wenn er vollkommen sein will. In Apostelgeschichte 4,32 wird erzählt, dass die ersten Christ:innen in Gütergemeinschaft lebten und alles miteinander teilten. Gehorsam wird mit Matthäus 20,26-28 verbunden, wo Jesus zur Einordnung in eine Gemeinschaft ruft, oder auch mit Philipper 2,7-11, in dem Jesu Ja zur Menschwerdung und seinem Weg bis zum Tod gleichzeitig als Erniedrigung und Erhöhung beschrieben wird. Ein keusches Leben zu führen, basiert auf dem Rat Jesu zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen (Matthäus 19,12). Da Jesu Religion die eheliche Lebensform favorisierte, können wir annehmen, dass seine eigene Ehelosigkeit durchaus provozierte.

Die Geschichte des Rätestandes 

Um ganz für Gott frei zu sein, gehen in den ersten Jahrhunderten einige Christ:innen in die Wüste und leben radikal asketisch. Es ist mit einer gewissen Tragik verbunden, dass gerade diese geisterfüllten Menschen den Boden für eine ambivalente Wirkungsgeschichte in der Kirche bereiten. Es entwickelt sich ein Verständnis von Askese, das mit Abwertung des Körperlichen, insbesondere der Sexualität, einhergeht. Das mündet ein in die Kategorisierung der Liebe zu Gott, die von Verheirateten geteilt und von Zölibatären ungeteilt gelebt wird. Diese Bewertung hält bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts an und ist von einem verhängnisvollen Dualismus zwischen Körper und Geist begleitet. Die Geschichte des Rätestandes ist geprägt durch einander entgegengesetzte Strömungen. Auf der einen Seite finden wir in ihr grosse geistige Aufbrüche – denken wir nur an Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila, durch die das Christentum nachhaltig beeinflusst wird. Auf der anderen Seite beklagen wir Verfall und Fixierung in erstarrten und leer gewordenen Formen.

Erstarrung und Schattenseiten

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bedeutet das klösterliche Leben eine radikale Distanzierung von allen weltlichen Belangen. Die Räte erhalten den Charakter einer Schutzfunktion, um vor möglichen Gefahren und den Lockungen der Welt zu bewahren. Persönliche freundschaftliche Beziehungen sind beispielsweise verboten. Die Pflege der Askese erhält einen eigenen Stellenwert: Abhängigkeit und das Brechen des eigenen Willens finden mehr Gewicht als das Hören auf den inneren Anruf zu einem Leben aus dem Geist Christi. Der Entfaltung und Vervollkommnung des Menschseins, dem «Mensch-Werden», wird wenig Bedeutung beigemessen. Die Schattenseite des Rates zur Armut ist nicht selten sichtbar in der Enge und Trockenheit einzelner Ordensleute oder in der Anhäufung von Besitz in manchen Klöstern. Der Rat zum Gehorsam wird verschattet durch spirituellen Machtmissbrauch. Und schliesslich begegnet uns die Schattenseite der Keuschheit in den unzähligen Schlagzeilen über sexuellen Missbrauch. 

Chance durch das II. Vatikanische Konzil

Erstmals in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche wird 1964 im 42. Artikel der vatikanischen Konstitution «Lumen Gentium» gesagt, dass alle Christgläubigen jeglichen Standes zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind. Damit wird die ungute Wertung, die die Ordensleute über die Ehepaare stellt, verabschiedet. Zudem wird ein neues Askeseverständnis formuliert, nämlich dass «das Gelöbnis der Evangelischen Räte (…) der wahren Entfaltung der menschlichen Person nicht entgegensteht, sondern aus ihrem Wesen heraus sie aufs höchste fördert.» Damit liegt der Tenor nicht mehr in einer Askese der Abtötung, sondern in der Askese der Entfaltung, d.h. hin zu mehr Mensch-Sein und zur Entfaltung der Liebes- und Beziehungsfähigkeit. Mit der Einladung des II. Vatikanums, zu den spirituellen Quellen zurückzukehren, erneuert Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts Pia Gyger (1940 – 2014) die Spiritualität und die Ökumenische Gemeinschaft des Katharinawerks Basel, deren Mitglied ich bin. In diesem Kontext sind meine nachfolgenden Ausführungen zu verstehen. 

Wandel im Verständnis 

Die Psychologin und Zenlehrerin Gyger ist inspiriert vom kosmisch-evolutionären Weltbild des Jesuiten Teilhard de Chardin und überzeugt, dass der Wandel und die Dynamik des Lebens in der Spiritualität Ausdruck finden müssen. Ausserdem ist es ihr wichtig, dass psychologische, mystische und politische Dimensionen in das Verständnis der Evangelischen Räte einfliessen. Bei deren Einübung geht es darum, sich der persönlichen, der gemeinschaftlichen und der kollektiven Ebene bewusst zu werden. Angesichts schreiender Ungerechtigkeit auf der Welt, in der ein Grossteil der Menschheit am Existenzminimum lebt, und in der die Ressourcen der Erde ausgebeutet werden, versprechen unsere Mitglieder Armut und ein Leben in Gütergemeinschaft. In einer Zeit, in der Autonomie und Unabhängigkeit besonders hochgeschätzt sind, versprechen unsere Gemeinschaftsmitglieder, ihre Macht als Dienst der Liebe einzubringen und ihre Begabungen für Gemeinschaft und Welt verfügbar zu machen. In einer Gesellschaft, in der so viel pervertierte Sexualität und sexueller Missbrauch ausgelebt wird, versprechen unsere Gemeinschaftsmitglieder Jungfräulichkeit und Keuschheit und begreifen ihre Sexualität als eine göttliche Kraft der Liebe. 

Was Armut meint

Durch das Einüben des Evangelischen Rates der Armut soll der Besitztrieb gewandelt werden vom Haben-Wollen zum Sein. Wir unterscheiden drei Aspekte in der konkreten Einübung im Alltag. Mit der Wesensarmut werden wir unserer Verwiesenheit auf Gott hin bewusst. Wir lernen, unser egozentrisches Ich vom grossen «ICH BIN» in der Tiefe unseres Wesens zu unterscheiden. Bei der Armut in Beziehungen geht es darum, unsere mitmenschlichen Beziehungen so zu gestalten, dass Liebe, Nähe und Zärtlichkeit wachsen können, indem wir uns zeigen, wie wir sind, ohne Masken oder gespielte Stärken. Wir zeigen uns bedürftig und transparent in unseren Grenzen und Schwächen. In der materiellen Armut richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf den achtsamen Umgang mit Gütern aus, d.h. nicht mehr zu brauchen, als wir zum Leben benötigen, und alles andere solidarisch zu teilen. 

Was Gehorsam meint

Für uns hat Gehorsam zwei Aspekte: Wesensgehorsam verwirklicht sich in dem Masse, wie wir bereit sind, die aus unserer göttlichen Mitte aufsteigenden Impulse zu hören, ihnen zu gehorchen, sie zu verwirklichen und so unser Wesen zu entfalten. Damit führt der Wesensgehorsam zu einer Selbstverwirklichung, die identisch ist mit Christusverwirklichung. Sachgehorsam bezieht sich auf das im Hier und Jetzt Notwendige: in unserer konkreten Situation der Gemeinschaft, beispielsweise bei der Mitarbeit in einem Mädchenwohnheim, bezogen auf die Zeichen der Zeit, zum Beispiel den Klimawandel, und in unserem soziokulturellen Kontext wie beispielsweise mit der Aufnahme von Geflüchteten. Wenn Wesens- und Sachgehorsam zusammenspielen, können wir von Berufung sprechen. 

Was Keuschheit meint

Durch den Evangelischen Rat der Jungfräulichkeit sollen Geschlechtlichkeit und Sexualität so entfaltet und integriert werden, dass diese Urkräfte zum wärmenden und strahlenden Feuer in gelebten Beziehungen werden. Unter Jungfräulichkeit verstehen wir die Hingabe an den Dreifaltigen Gott, auf dass sich in uns geistig vollzieht, was an Maria leiblich geschah. Eine Hingabe, die bewirkt, dass wir in unserem ganzen Sein immer tiefer berührt werden von jener Wirklichkeit, die in der Bibel so beschrieben wird: «In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.» (Apostelgeschichte 17,28) Unter Keuschheit verstehen wir jene Ergriffenheit und Achtung vor der Würde des Menschen, die letztlich nur aus unserer tiefsten Mitte erfahren und gespeist werden kann. Ein keuscher Mensch verdrängt seine Sexualität nicht, sondern gestaltet sie entsprechend seiner Berufung. Er erfährt immer tiefer, dass es keine Verwandlung ohne den Leib gibt. Keuschheit ist die Frucht der Jungfräulichkeit, die sowohl den Verheirateten bzw. jenen, die in einer hetero- oder homosexuellen Partnerschaft leben, als auch den zölibatär Lebenden geschenkt wird, wenn auch in je anderer Gestalt. Dies ist nicht mit sexueller Enthaltsamkeit gleichzusetzen, die jenen aufgegeben ist, die sich zum Zölibat verpflichten. 

Ausblick

Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, ihrer Sehnsucht nach dem Göttlichen Ausdruck zu verleihen. Diese wirkt bei manchen Menschen als Suche nach einem Mehr, nach einem Grösseren als sie selbst. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass das Leben nach den Evangelischen Räten gesellschaftlich in eine Krise geraten ist. Es hat seine Strahlkraft verloren. Vielleicht ist dies ein Hinweis, dass über Alternativen nachgedacht werden muss, zum Beispiel ob eine lebenslange Bindung durch Gelübde noch zeitgemäss ist. Darüber hinaus müssen wir uns als Gemeinschaften fragen, wie wir es sichtbar machen können, dass Selbstverwirklichung und Christusverwirklichung ein Leben in Fülle ermöglicht.