In einem Interview blickt ihr auf die feministischen Anfänge in den Schweizer Kirchen und sagt: «Wir waren viele.» Wie sieht es heute aus?
Silvia: Hier in der Schweiz (und einigen Teilen Westeuropas) ist seit längerem ein grosser Exodus aus den kirchlichen Institutionen und wohl auch aus den christlichen Traditionen und Denkräumen im Gange. Aber auch in den Frauenkirchenbewegungen fehlt es an Zukunftsfähigkeit. Wer sich nicht für die christliche Tradition interessiert, hat weder einen Bezug zu deren kritischer feministischer Aufarbeitung noch zu den feministischen Entwürfen. Das heisst: Die Adressat:innen brechen weg.
Ihr habt von einer «Staffelübergabe» an die jüngeren Generationen gesprochen. Wie fühlt sich das an?
Silvia: Gut, entlastend. Mögen andere Frauen mit anderen, den gegenwärtigen Zeiten angemessenen Ideen und Praktiken eigene Wege gehen. Den Stab übergeben heisst ja, mit Rennen aufhören, durchatmen, sich erholen. Es war eine intensive Zeit, eine schöne, spannende und anregende Zeit, in der wir alle viel gelernt haben, und nun ist die Zeit, auch andere Dinge zu tun und zu schauen, was die Frauen heute unternehmen, um den Stab weiterzutragen.
Doris: Auch für mich fühlt es sich gut an! Es heisst: Ich habe meinen Teil gemacht und freue mich, dass es weitergeht, dass es jüngere Frauen gibt, die auf ihre eigene Art und Weise viele unserer Anliegen weiterführen und auch Neues schaffen. Zum Beispiel in der IG Feministische Theologinnen und in der FAMA, die sich stetig verjüngt!
Ihr erwähnt, dass eine Basis geschaffen wurde, von der nun eben die Staffelübergabe stattfinden kann. Ein Beispiel sind Bücher als Grundlagen der feministischen Theologie. Auch in der FAMA wurde schon viel Zeitloses publiziert, auch von euch. Welches Thema wurde noch nicht (ausreichend) erörtert?
Silvia: So viel wurde zu so vielen Themen, die einen beschäftigen können, bereits publiziert. Was ich mir allenfalls wünschte, wäre eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten der Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz – unter feministischem Blickwinkel (wenn es denn einen solchen gibt). Ich neige hier zu eher pessimistischen Einschätzungen, finde vieles sehr beängstigend und bin der Meinung, dass auch für diese rasante Entwicklung gilt: Auch wenn eine neue technologische Entwicklung viele Gewinne und Erleichterungen bringt, und sie wird uns ja auch so schmackhaft gemacht, so sind erfahrungsgemäss doch die negativen bis destruktiven Seiten solcher Neuerungen immer auch ökonomisch interessanter und gewinnbringender.
Doris: Was mich zurzeit beschäftigt, ist die aktuelle Gender-Debatte rund um den Begriff «Frauen». Dass man, um vom binären Geschlechterkonzept (Frau/Mann) wegzukommen, nicht mehr von «Frauen» reden soll. Ich bin voll und ganz dafür, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein und die rechtliche Anerkennung für non-binäre Menschen geschaffen werden, dass Menschen die Freiheit haben, vielfältige Formen von Geschlechtsidentitäten zu leben jenseits der Zweigeschlechtlichkeit. Aus frauenrechtlicher Sicht beunruhigt es mich aber, wenn bestimmte Gruppen den politisch wichtigen Begriff «Frauen» zum Verschwinden bringen wollen. Als Feministin stellt sich mir die Frage: Wie kann weltweit für Frauenrechte politisch gekämpft werden (die derzeit höchst gefährdet sind!), und wie soll gegen Gewalt an Frauen und gegen ihre geschlechtsspezifische Diskriminierung vorgegangen werden können, wenn die politische Kategorie «Frauen» abgeschafft wird? Über diese Fragen würde ich in der FAMA gerne etwas lesen.
Ihr erwähnt in einigen Gesprächen, dass es für euch sehr ermächtigend war, die FAMA zu gründen. Ihr habt ja aber nicht nur begonnen, sondern seid viele Jahre aktiv bei der FAMA dabeigeblieben. Wie habt ihr Durststrecken überwunden?
Silvia: Vielleicht trügt die Erinnerung, aber ich erinnere mich nicht an Durststrecken. Es war manchmal einiges auch mühsam (Autorinnen finden, Layouten), aber alles in allem habe ich es einfach als sehr spannende und schöne Zeit mit tollen Frauen in Erinnerung. FAMA-Sitzungen, z.B. Jahresplanungen, waren immer verdichtete Zeit, Netze auswerfen, Ideen einholen, umsetzen in Einzelthemen und am Ende eines Wochenendes waren da vier Jahresthemen und ein Heft (zumindest geplant). Und wir hatten viel Spass dabei. Auch das.
Doris: Da ich in den Anfangsjahren lange Zeit die ganze Administrationsarbeit für die FAMA gemacht habe (inklusive Etiketten drucken für den Versand der Hefte!), gab es in dieser Hinsicht bei mir schon auch Ermüdungserscheinungen. Aber die FAMA-Hefte inhaltlich zu planen und zu gestalten, das war pure Freude! Und das FAMA-Redaktionsteam war der Ort, wo wir gemeinsam debattieren konnten, wo wir dank dem Wissen und den Ideen unserer Kolleginnen und der Autorinnen immer wieder Neues lernten, wo wir am Puls der Zeit blieben. Das vermisste ich nach dem Abschied von der FAMA am meisten: dass ich diesen feministisch-theologischen Ort des Debattierens und des Sich-gegenseitig-Anregens nicht mehr hatte.
Die Fragen stellte FAMA-Redaktorin Veronika Henschel.