Ich schnattere fröhlich mit der Hundedame, bis ihr menschlicher Begleiter mich unterbricht: «Es ist ein Er, keine Sie – also … es war ein Er. Jetzt ist er kastriert.»
Aha. Der die das Hund schaut mich ratlos an. Mein Hirn rattert. Hundedame ist falsch, Rüde ist auch falsch. Was dann? Reproduktion definiert also Geschlecht? Ein Er ist dann kein Er mehr, wenn er keine Nachkommen zeugen kann? Mein Hirn rattert weiter. Das stellt Fragen: Sind Frauen nach der Menopause deshalb weniger Frau? Was ist mit trans Männern, die schwanger werden können? Sind zölibatär lebende Menschen geschlechtslos?
Klar, der die das Hund ist ein Tier, und bekanntlich möchte der Mensch diese deutlich von sich unterscheiden, aber die Frage nach dem Wesenskern von Geschlecht, die ist doch speziesübergreifend interessant. Sie beschäftigt die Menschheit seit Urzeiten (vielleicht auch die Tierwelt, wenn ich diesen Hundeblick richtig interpretiere). Liegt das Geschlecht in einem bestimmten Organ – einem ausgestülpten oder eingestülpten Penis? Liegt es im Gleichgewicht der Säfte, in deren Kälte oder Wärme? Liegt es vielleicht in den Genen, den Gonaden, den Hormonen, im Rosa oder Hellblau der Babyklamotten oder im sozialen Auftreten? Und welche Rolle spielt die Selbstwahrnehmung, die innere Wirklichkeit?
Die binäre Ordnung – und ihre Brüche
Nach wie vor orientiert sich unsere Gesellschaft an einer binären Geschlechterordnung, wie sie im globalen Westen mit der Industrialisierung aufkam: Nicht mehr ständische Unterschiede definierten primär den sozialen Platz in der Gesellschaft, sondern Geschlecht wurde zum zentralen Unterscheidungsfaktor. In dieser Denkordnung werden (ausschliesslich) zwei scharf voneinander getrennte Geschlechter unterschieden, die sich als Gegensätze aufeinander beziehen. Dieses System wird mit Regeln und Normen abgesichert und dort, wo es ins Wanken kommt, auch mit Gewalt durchgesetzt: Von der ersten Stunde an hatte dieses System mit Menschen umzugehen, die nicht in diese Ordnung passen. Sei es, weil ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale keine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht zulassen; oder weil sie eine Geschlechtsinkongruenz erleben, bei der das ihnen zugewiesene Geschlecht nicht mit der inneren Wahrheit übereinstimmt; oder indem ihr Sozialverhalten nicht in die vorgeschriebene Rollenerwartung passt; oder weil ihr Begehren sich nicht (ausschliesslich) auf das andere Geschlecht bezieht etc. Die Sichtbarkeit dieser Menschen hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen – damit auch ihre rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung, aber auch die Gewalt und der Hass gegen sie.
Besonders binäre Orte
Manche Orte zeichnen sich durch eine besonders eindeutige binäre Strukturierung aus und offenbaren dadurch auch die Prekarität und die Bruchstellen dieses Systems: So erlebte ich als Jugendliche (und eigentlich auch heute noch) Gemeinschaftsduschen und Umkleidekabinen in Bädern oder Sporthallen als verunsichernde Orte. Sie funktionieren nach der Logik: Männer und Frauen getrennt, damit beim Umziehen und Duschen keine Blicke voller Begehren stören. Wenn in der Männerdusche keine Frauen sind, werden die Männer ja schliesslich von niemandem angeschaut und umgekehrt. Diese Logik ist … nunja … unlogisch. Einerseits lässt sie Menschen aussen vor, deren Geschlechtsidentität oder Geschlechtskörper nicht männlich oder weiblich ist, andererseits geht sie von einem generell heterosexuellen Begehren aus. Für mich heisst das in der Regel, dass ich an solchen Orten permanent hoffe, niemand möge merken, dass mein Begehren nicht heterosexuell ist. Selbst wenn ich selbstverständlich die anderen Menschen in der Umkleidekabine nicht überproportional intensiv oder häufig anschaue – eher im Gegenteil – denke ich ständig, ich könnte unangenehm auffallen und stören. Dieser Ort gibt mir das Gefühl, ich sei falsch. Dabei ist er schlicht eine architektonische Entscheidung, gestützt auf ein heteronormatives Geschlechtermodell.
Klöster als binäre Orte
Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren die meisten Klöster. Während die ständische Trennung in höhergestellte Chorfrauen und Priester gegenüber körperlich hart arbeitenden Laienschwestern bzw. -brüdern nach dem zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft wurde, ist die Geschlechtertrennung der Gemeinschaften weiterhin bis auf wenige Ausnahmen unhinterfragt. Und der Verzicht auf Partnerschaft und geteilte Sexualität ist seit jeher ein strukturierendes Prinzip des Lebens in klösterlicher Gemeinschaft. In den meisten Gemeinschaften gibt es zwar Angestellte aller Geschlechter und gerade bei tätigen Orden auch Begegnungen mit allerlei Menschen in den jeweiligen Arbeitskontexten. Aber die Gemeinschaften selber sind in der Regel im Selbstverständnis entweder männlich oder weiblich, und diese Anforderung gilt auch für eintretende Neulinge. Natürlich, diese Geschlechtertrennung ermöglicht bis heute insbesondere den (kontemplativen) Frauengemeinschaften eine hohe Selbstbestimmung und Unabhängigkeit – gerade innerhalb der klerikalen, patriarchalen Kirche. Und sie ist natürlich auch abgestützt auf die katholische Lehre, die nach wie vor von ausschliesslich zwei Geschlechtern ausgeht, Heterosexualität voraussetzt, Sexualität nur innerhalb der heterosexuellen Ehe denkt und Geschlecht auch inhaltlich qualifiziert: Männer haben andere Charaktereigenschaften und dadurch auch andere Aufgaben in dieser Welt als Frauen. Das «geweihte Leben» ist in diesem Verständnis gewissermassen eine besondere Berufung, da es «das innerste Wesen der christlichen Berufung offenbart und darstellt», wie das apostolische Schreiben Vita Consecrata (1996) betont. Das Schreiben operiert mit einer Trennung zwischen der Welt, dem Irdischen, welchem auch die Sexualität angehört, und einer erhabenen, heiligen Welt, in der die Evangelischen Räte anzusiedeln sind: «Der Ordensstand […] macht die Erhabenheit des Gottesreiches gegenüber allem Irdischen und seine höchsten Ansprüche in besonderer Weise offenkundig.» Auf geteilte Sexualität zu verzichten, ist in diesem Verständnis erhaben und ein Abglanz des Reiches Gottes.
Ausschlüsse
Glücklicherweise bin ich wenigen Ordensleuten begegnet, die ein solches Ideal ihrer Lebensform hochhalten. Realistisches und lebensnahes Ringen um die eigene Sexualität und auch um die Herausforderungen dieser zeugnishaften Lebensform sind verbreiteter. Auch ein bejahender Blick auf Sexualität ist inzwischen wohl weithin Common Sense unter Ordensleuten. Dennoch ist dieses Denken in der DNA klösterlichen Lebens verankert und formt es weiterhin. Die binäre Ordnung schafft, quasi analog zur Dusche und zur Umkleide, Ausschlüsse: Wer nonbinär ist, weder männlich noch weiblich, findet kaum eine klösterliche Gemeinschaft. Auch sind die Gemeinschaften in ihrem öffentlichen Auftritt und mit ihrer Grundstruktur wenig einladend für Nonbinarität. Nicht-heterosexuelle Identitäten sind zwar nicht mehr überall absolut abgelehnt, aber doch immer noch weitgehend tabuisiert. Im Austausch mit lesbischen (auch ehemaligen) Ordensfrauen ist mir vielfach eine Grundstimmung der Angst vor Ablehnung, eine Atmosphäre des Schweigens und auch ein grosser Spagat zwischen explizit homophober kirchlicher Lehre und alltäglicher, pastoraler und persönlicher Realität begegnet. Die Identität als homosexuelle Person ist auch in einer zölibatären Lebensform relevant, so wie eine heterosexuelle Sexualität nicht einfach irrelevant wird.
Zurück ins Café …
… zurück zur Hundebegegnung. Was mich zunächst etwas irritiert hat, hat kreatives Potential: Wenn Reproduktionsfähigkeit oder -wille Geschlecht definieren kann, was geschieht dann in ihrer Abwesenheit? Natürlich, das ist nur eine Spielerei, aber wenn der die das Hund weder männlich noch weiblich ist, was dann? Zeigt die absurde Hundegeschichte nicht gut, dass Geschlecht eine fragile Angelegenheit ist, die in viel Wiederholungsarbeit gefestigt und stabilisiert wird – und es eben bei all der vermeintlichen Ewigkeit und Unumstösslichkeit nicht so ganz klar ist, woran wir Menschen Geschlecht festmachen? Diese Brüchigkeit hat transformatives Potenzial. Wenn ich die Aussage des Hundebegleiters tatsächlich ernstnehme und Geschlecht an Reproduktion kopple, wären Klöster als zölibatäre Orte nicht geschlechtlich vordefiniert. Nicht geschlechtslos, das ist gar nicht meine Vision, aber eben nicht vordefiniert. Böte damit nicht gerade der Sozialraum Kloster die Möglichkeit, alternative geschlechtliche Existenzweisen zu leben? Frei(er) von einer Zwangsbinarität. Das klingt doch geradezu nach christlicher Berufung: Räume der Freiheit eröffnen, Experimentierort sein, Zwangslogiken aufbrechen, Gerechtigkeit verwirklichen – gerade für Menschen jenseits der Zweigeschlechterordnung.