Ausgabe 2024/3

Steinige Wege, neue Pfade: Ein buddhistischer Nonnenorden im Aufschwung

Die kontroverse Diskussion um die Gleichstellung der Frauen wird seit der Frühzeit des Buddhismus geführt.

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© Veronika Henschel
Text: Gabriele Helmer / 31.10.2024

Frauen in asiatischen Ländern kämpfen bis heute um die gesellschaftliche Gleichstellung in ihren jeweiligen Ländern, was sich auch in der mangelnden Repräsentation der Frauen im Buddhismus widerspiegelt. Es ist an der Zeit, noch stärker die Möglichkeiten in der Gegenwart zu thematisieren. Dies entspricht auch der Lehre des Buddha, nämlich zu leben und zu handeln im Hier und Jetzt.

In den Gesellschaften Westeuropas haben Vorkämpferinnen der Ersten Frauenbewegung im 18. und 19. Jahrhundert erste Schritte für die rechtliche, soziale und kulturelle Emanzipation der Frauen erreicht. So thematisierte zum Beispiel Louise Otto-Peters, die als Gründerin der deutschen Frauenbewegung gilt, das Wahlrecht für Frauen. Und sie tat dies in der ersten deutschen Frauen-Zeitung, die sie 1849 gegründet hatte. Auch die christliche Frauenbewegung setzt sich seit dieser Zeit für mehr Rechte ein. Ein aktuelles Beispiel ist die Initiative Maria 2.0 in der römisch-katholischen Kirche, eine von Frauen in Deutschland ausgehende Bewegung. Diese Frauen kämpfen gegen eine männerdominierte Kirche und für den Zugang zu Weiheämtern für Frauen.

Aufbruch buddhistischer Frauen …

Um die Gleichstellung im Buddhismus zu befördern, haben sich auch im Buddhismus einige Netzwerke und Frauenbewegungen gebildet. Zentral hierfür ist die Wiederbelebung und Etablierung buddhistischer Nonnenorden. So entstand bereits im Jahr 1987 während der ersten Nonnen-Konferenz in Bodhgaya (Nord-Indien) eine Organisation namens «Sakyadhita International», was übersetzt werden kann mit «Töchter des Buddha». Dies ist ein Dachverband, der Frauen aller buddhistischen Traditionen, sowohl ordinierten als auch Laienfrauen, ein länderübergreifendes Netzwerk bietet. Diese internationale Konferenz findet seitdem alle zwei Jahre in einem anderen asiatischen Land statt, zuletzt 2023 in der Stadt Seoul, Korea. Sakyadhita bietet Frauen aus verschiedenen buddhistischen Traditionen und buddhistisch interessierten Frauen ein Forum, in dem diese ihr Wissen und ihre Erfahrungen austauschen können und dadurch voneinander lernen. Ein wichtiges Ziel ist es, den Nonnenorden auf internationaler Ebene zu etablieren und den kulturübergreifenden Austausch zu pflegen. Seit 2022 gibt es den eingetragenen Verein «Sakyadhita Germany» unter dem Vorsitz von Frau Dr. Carola Roloff, alias Jampa Tsedroen. Weitere wichtige Organisationen auf internationaler Ebene, die die Gleichstellung buddhistischer Fragen voranbringen wollen, bilden das Netzwerk Buddhistischer Frauen in Europa, das Committee of Bhikkhuni Ordination (CBO) sowie die Bhikkhuni Allianz. In Deutschland entstand die Deutsche Buddhistische Ordensgemeinschaft (DBO), ein Zusammenschluss von Nonnen und Mönchen verschiedener buddhistischer Traditionen, die nach den Regeln des Vinaya leben. In der Schweiz bildet die Schweizerische Buddhistische Union (SBU) den Dachverband der verschiedenen buddhistischen Gemeinschaften und Traditionen. Für die Etablierung des Nonnenordens ist die Solidarität unter Nonnen und Mönchen aller buddhistischer Schulen auf nationaler und internationaler Ebene von grosser Bedeutung. Die Entwicklung der digitalen Technik erleichtert dafür notwendige Kontakte und gegenseitige Unterstützung.

… aus patriarchalen Strukturen

Die patriarchale Prägung des Buddhismus wurde im Zuge seiner Verbreitung mit überliefert, auch in westlichen Gesellschaften. Buddha lehrte, Dinge zu hinterfragen – auch diese Prägungen. Es stellen sich daher Fragen, ob buddhistische Traditionen aus asiatischen Ländern noch zeitgemäss und kompatibel mit den Normen und Werten in westlichen Gesellschaften sind, oder ob man über Anpassungen nachdenken sollte, um die Entwicklung des Nonnenordens voranzubringen. Die tragenden Werte der buddhistischen Lehre sind Selbsterkenntnis, Gewaltfreiheit, Mitgefühl, liebende Güte und Verantwortung. Diesen Werten wird die derzeitige Rolle der Frauen im Buddhismus weder in asiatischen Ländern noch in westlichen Gesellschaften gerecht, da den Frauen der Zugang zur vollen Ordination nicht unein­geschränkt ermöglicht wird und die Gleichstellung von Nonnen und Mönchen nicht gegeben ist. Es stellen sich herausfordernde Fragen: Welche Traditionen, welche Überlieferungen des Buddhismus werden sich im kulturellen Kontext westlicher Gesellschaften verbreiten? Wie finden Ziele und Massnahmen der Gleichberechtigung Eingang, wie können sie integriert werden?

Pionierinnen im Nonnenorden

Trotz zahlreicher Hindernisse sind bereits viele mutige und engagierte Frauen weltweit den steinigen Weg gegangen, um die volle Ordination zur buddhistischen Nonne zu erlangen. All diesen Pionierinnen ist es zu verdanken, dass das Pflänzchen des buddhistischen Nonnenordens langsam, aber stetig wächst und zu blühen beginnt. Zu beobachten ist diese kontinuierliche Entwicklung zurzeit in einem Nonnenkloster der Theravāda-Tradition in Deutsch- land im Allgäu. Die Gründung des Nonnenklos­ters Anenya Vihara geht auf die buddhistische Nonne Ayya Khema (1923 –1997) zurück. Die Theravāda – Nonne, geborene Ilse Kussel, wuchs als Tochter eines jüdischen Börsenmaklers in Berlin auf. Sie kam in den USA zum ersten Mal mit dem Buddhismus in Berührung, reiste anschließend nach Sri Lanka, wo sie 1979 in der Theravāda-Tradition zur Novizin, Sᾱman. eri genannt, ordiniert wurde. 1988 wurde sie in Los Angeles in chinesisch-buddhistischer Tradition in den Stand der Bhikkhuni einer vollordinierten Nonne gehoben. Nach ausgedehnten Reisen kehrte Ayya Khema nach Deutschland zurück. Mit der Nonne hatte eine kleine Gruppe Praktizierender Ende 1988 die Idee entwickelt, sich einen festen Ort in Deutschland für ihre buddhistische Praxis zu suchen. Sie fanden ein Haus im Allgäu. Ayya Khema beabsichtigte einen Ort zu schaffen, an dem Nonnen, Mönche, Laiinnen und Laien gemeinsam praktizieren können. Der Nonnenorden lag ihr besonders am Herzen. Sie gründete das Buddha-Haus und das Wald­kloster Metta-Vihara in Buchenberg bei Kempten im Oberallgäu.

Nonnenkloster Anenya Vihara

Für einige Zeit wurde das Projekt auch nach ihrem Tod gemäss ihren Vorstellungen fortgesetzt, bis die ordinierten Frauen der Gemeinschaft den Wunsch nach einem eigenen Ort verspürten und umsetzten. Sie fanden unweit des Buddha-Hauses eine geeignete Bleibe. Im April 2007 übernahm Bhikkhuni Mudita die Leitung des Klosters. Es gründete sich ein Verein, deren Vorstand die bürokratischen und finanziellen Angelegenheiten übernahm. Die Wege der Frauen dieser Gemeinschaft trennten sich nach drei Jahren und Bhikkhuni Sucinta übernahm von 2010 bis 2017 die Leitung des Klosters. Beiden Nonnen, Bhikkhuni Mudita und Bhikkhuni Sucinta, ist es zu verdanken, dass das Kloster bis zum heutigen Tag besteht und derzeit eine Blütezeit erlebt. Zu nennen sind hier auch Anagarikas, Laiinnen, die ihren Haushalt aufgegeben haben und in einer Klostergemeinschaft der buddhistischen Lehre folgen, und Samaneris, Nonnen mit der niedrigeren Ordination in der Vorbereitungsstufe zur vollen Ordination, und alle Mitarbeitenden. Im März 2018 ging die Leitung des Nonnenklosters an Ayya Palanyani über, die seit sechs Jahren die Äbtissin des Klosters ist. Unter ihrer Leitung fand am 2. Juli 2023 eine Ordination von drei Frauen zu vollordinierten Nonnen statt. Damit entstand die erste vollständige Theravāda-Bhikkhuni-Sangha, dies bedeutet fünf vollordinierte Nonnen, in Europa. Dieses Datum ist ein bedeutender Tag, sowohl für den Nonnenorden aller buddhistischen Traditionen als auch für die Rezeptionsgeschichte des Buddhismus in westlichen Gesellschaften. Die monastische Gemeinschaft ist damit dazu befähigt, Gemeinschaftsaktionen wie zum Beispiel das Rezitieren der Ordensregeln durchzuführen. Die Anenya Vihara in Vorderburg/Oberallgäu ist ein Ausbildungskloster der Theravāda-Tradition, das zum Ziel hat, spirituell interessierte Frauen auf ihrem Weg bis zur Nonne zu begleiten. Es ist ein sicherer Ort für die Praxis der Bhikkhuni-Sangha, die nach dem Dana-Prinzip lebt, was grosszügiges Geben bedeutet. Das Kloster und seine Gemeinschaft ist in die örtliche Umgebung integriert. So gehen die Nonnen auf Almosengang in den umliegenden Städten. Auf den Wochenmärkten werden sie herzlich willkommen geheissen, und es dauert nicht lange, bis sich ihre mitgebrachten Körbe mit Gemüse und Obst gefüllt haben. Auf diese Weise entsteht ein interreligiöser Dialog, bei dem sich Christ:innen und Buddhist:innen begegnen. Das Bestehen des Klosters und dessen Gemeinschaft beruht in vollem Umfang auf der Grosszügigkeit freiwilliger Spenden. Dadurch haben buddhistisch interessierte Frauen und Ordinierte die Möglichkeit, sich der buddhistischen Lehre zu widmen. Dieses Kloster ist ein Beispiel dafür, wie es gelingen kann, nach den Regeln des Vinaya zu leben und dabei den kulturellen Kontext im Blick zu behalten. Die internationale Vernetzung und Solidarität buddhistischer Laienfrauen und Nonnen sowie die Unterstützung von Laienmännern und Mönchen aller Traditionen ist ein zentraler Baustein der Entwicklung eines buddhistischen Nonnenordens.