Ausgabe 2024/3

Im Dienste der Menschen - Ägypten: Besuch in einem fast gewöhnlichen Kloster

Irgendwo zwischen Kairo und Alexandria, mitten in der Wüste, ziert ein unscheinbares Gittertor den Strassenrand. Dahinter verbirgt sich unvermutet eine ganze Welt: Anafora, ein spirituelles Zentrum, in dem Nonnen, Mönche und andere zusammenleben.

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© Mina Rostom
Text: Veronika Henschel / 31.10.2024

Palmen, einfache Häuser, verschiedenste Tiere, landwirtschaftliche Felder, zwei Kirchen, ein Amphitheater, Wasserstellen und viele Korbstühle zu kleinen Gruppen zusammengestellt – das alles gehört zum sichtbaren Teil von Anafora. Über zwanzig Schwestern leben hier, gemeinsam mit Brüdern, Priestern und anderen Menschen, die ihr Leben dieser Gemeinschaft gewidmet haben. Seit 25 Jahren sind sie Gastgeber*innen für Gruppen, betreiben Landwirtschaft, beten gemeinsam und führen Bildungsprogramme durch. Ihre Vision ist «a hand to lift up every person, the whole person»1, ihre Basis sind Respekt, Akzeptanz, Verantwortung.

Anders als andere

Schwester Ilaria war schon immer an monastischem Leben interessiert. Sie suchte länger nach einer Kongregation, die zu ihr passt. Nach Anafora kam sie eigentlich nur, um eine Verschnaufpause von ihrer Suche zu haben, um zu beten für den weiteren Weg. Doch sie kam immer wieder zurück, und irgendwann wollte sie bleiben. «In anderen Klöstern kannst du kommen und sie testen, ob du zu ihnen passt», erzählt Schwester Ilaria. «In Anafora war das anders. Da sagten sie: ‹Komm und teste uns, ob wir zu dir passen.› Das war ungewöhnlich.» Auch in anderen Dingen unterscheidet sich das Leben in Anafora von anderen Klöstern. Es ist offener, freier und die Gemeinschaft ist im ständigen Kontakt mit der Aussenwelt. Auch, dass so viele verschiedene Menschen zusammenleben – Männer und Frauen, unterschiedliche Nationalitäten, geistliche und weltliche Menschen – ist besonders für ein koptisch-orthodoxes Kloster. Deshalb hat Schwester Ilaria Anafora gewählt: Es ist anders. «Ich mag keine Routine», sagt sie.

Ein Ort der Einfachheit

Eine Pause von der alltäglichen Routine zu haben, das wünschen sich viele der Gäste, die nach Anafora kommen. Sie geniessen die Ruhe und die Natur, beides hilft beim ungestörten Beten. Viele kommen für Camps mit einer Gruppe, und darauf ist Anafora auch ausgelegt. Es gibt Seminarräume und zahlreiche Sitzgruppen auf dem ganzen Gelände. Die Gruppen kommen häufig aus Kairo oder Alexandria, aber auch aus anderen Teilen Ägyptens. Sie alle erfahren hier die koptisch-orthodoxe Kirche in einem ganz anderen Rahmen als sonst, beispielsweise ist der Kirchenraum simpel gehalten, ein grosser Unterschied zu den oftmals reich verzierten koptischen Kirchen. Damit möchte Anafora auch ein kleines Zeichen des Protests setzen: gegen Oberflächlichkeit und Extravaganz. Auch die Tendenz der Klöster, in immer homogeneren Gruppen zusammenzuleben, möchte Anafora aufbrechen. Daraus ergibt sich nicht nur das Zusammenleben mehrerer Geschlechter, sondern auch verschiedener Natio­nalitäten, sozialer Klassen, Bildungshintergründe. Sie alle suchen ein Leben in Einfachheit, vereint in Jesus Christus. Und sie alle stellen sich in den Dienst für die Menschen.

Bessere Chancen durch Bildung

Zum Dienst für die Menschen gehört in Anafora neben der Möglichkeit zum Gebet auch Bildung. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Frauen, weil sie in der Gesellschaft marginalisiert werden. Sie haben nicht die gleichen Möglichkeiten und Bildungschancen wie Männer, vor allem im Süden Ägyptens. Eigentlich sollten Frauen aus ganz Ägypten teilnehmen können, aber die Ressourcen sind limitiert. Deshalb konzentrieren sich die Programme auf Frauen aus der Diözese von Bischof Thomas, dem Gründer Anaforas, die ebenfalls im Süden liegt. Fast 150 Frauen nehmen jedes Jahr an den Programmen teil. Es gibt beispielsweise das Programm Sotiria, wo Frauen als Verantwortungsträgerinnen und Führungskräfte in der Gesellschaft ausgebildet werden. Oder Aksia, das Programm für women empowerment. Zu den Trainings treffen sich die Frauen während eines Jahres alle zwei Monate für eine Woche in Anafora. Sie erhalten Kurse in Projektmanagement, um sich ein Einkommen sichern zu können. Dabei werden sie psychologisch und spirituell unterstützt, auch die Kosten für Reise und Unterkunft werden übernommen. Ausgewählt werden die Frauen von Coaches und Leiterinnen in den Kirchen, mit Unterstützung der Priester in den Dörfern. 

Ein Stück Geschichte

Entstanden ist Anafora aus der Sehnsucht heraus, den Geist des ursprünglichen monastischen Lebens in die heutige Welt zu holen. Dieses nahm etwa im 3. Jahrhundert nach Christus seinen Anfang, als der römische Herrscher Konstantin das Christentum als Mittel zur Einigung seines Reiches sah. Ausserhalb dieser Grenzen wurde der christliche Glaube abgelehnt, das persische Reich wollte nicht der gleichen Religion angehören wie die römischen Feinde. Innerhalb des römischen Reiches florierte das Christentum, es entstanden riesige Basiliken, und das Amt des Bischofs wurde als «Prinz der Kirche» institutionalisiert. So ähnelte die Kirche immer mehr einem Imperium mit pompösen Gebäuden und allem Klimbim. Doch wie bei jeder Bewegung gab es auch hier bald eine Gegenbewegung. Menschen machten sich auf die Suche nach der Erfahrung, die die ersten Menschen, die Jesus nachfolgten, gemacht hatten. Der heilige Antonius ist wohl der bekannteste unter ihnen: Wie bereits die Jünger*innen zu Zeiten Jesu liess er alles zurück, um sein Leben vereint mit Christus zu verbringen. Damit wurde er zu einem Vorbild.

Gute Wurzeln geben Halt

Bischof Thomas, der Gründer Anaforas, liess sich auf Reisen von vielen anderen Orten inspirieren, an denen spirituelle Gemeinschaft gelebt wird. Er sieht den Kampf zwischen Extravaganz und Einfachheit auch im 21. Jahrhundert und wollte mit Anafora einen Ort schaffen, wo sich Menschen wieder auf das wirklich Wichtige besinnen können. Sie sollen ihre Wurzeln stärken können, denn «ein Baum mit guten Wurzeln kann sich leicht entfalten und Früchte tragen». Neben den ständigen Bewohner*innen des Klosters gibt es immer wieder auch Freiwillige aus aller Welt, die bei der täglichen Arbeit unterstützen. Die vielen Besuche können auch herausfordernd sein für eine Gemeinschaft. Doch die Gemeinschaft trifft sich mehrmals am Tag, auch zum Gebet, und hat von Zeit zu Zeit ganze Tage, um sich nur dem Gemeinschaftsleben zu widmen. 

Anafora – auch ausserhalb

Einzelne Menschen der Gemeinschaft leben auch ausserhalb von Anafora, wie zum Beispiel Sara. Sie hat früher in Anafora gelebt und wohnt jetzt in Kairo. Sie ist für die Bildungsprogramme zuständig. «Ich lebe als eine Anafora-Person in Kairo, ich versuche hier so zu leben wie da, mit der gleichen Vision, den gleichen Aktivitäten», erzählt sie. Sie vermisst Anafora, und gleichzeitig ist ihr anzuhören, wie sehr Anafora eben nicht nur ein Ort ist sondern ein Gefühl, eine Haltung, eine Gemeinschaft. Ganz in Worte gefasst werden kann Anafora nicht, vielmehr muss es erlebt werden. Anafora selbst funktioniert durch Mund-zu-Mund-Berichte, ohne andere Arten von Werbung. So sei das in Zeiten Christi ja auch gewesen – man sei Christus begegnet, habe darüber gesprochen und andere mitgebracht, schmunzelt Bischof Thomas. Ausserdem wollten sie niemanden dazu überreden, nach Anafora zu kommen. Die Menschen sollten aus freien Stücken ihren Weg dorthin finden und eine gute Erfahrung machen.

Der Ort des täglichen Gebets

Eines der Herzstücke von Anafora ist die einfache, kleine Kirche in der Mitte eines Platzes. Sie wird nachts von Scheinwerfern beleuchtet, tagsüber ist sie nur durch die Mosaik-Kreuze an der Aussenwand erkennbar. Die grosse und mit einer Rosette verzierte Holztür lädt zum Eintreten ein. Der Raum innen ist schlicht: Die Wände sind weiss und von Aushöhlungen durchzogen, in denen Kerzen leuchten. Der Boden ist mit bunten Teppichen ausgelegt, darauf stehen Gebetsbänke, es gibt ein paar wenige Stühle an den Seiten. Die Decke wölbt sich leicht. Im vorderen Bereich wird sie von winzigen Glaskreisen durchzogen, die sich um ein einziges grosses Glasauge gruppieren. Während der Morgenmesse erleuchten die ersten Sonnenstrahlen durch dieses Auge den ganzen Raum. Eine reformierte Christin erinnert dieser Raum eher an Taizé als an eine koptisch-orthodoxe Kirche. Doch sobald die ersten Töne der Liturgie erklingen und der erste Weihrauch die Luft durchzieht, besteht kein Zweifel mehr, wo wir hier sind.

Die Welt im Blick

Die neuere Kirche, am komplett anderen Ende Anaforas, könnte unterschiedlicher nicht sein. Zwar zieren die gleichen bunten Teppiche den Boden – die vielen Farben stehen für die Vielfalt der Menschen – doch die Wände sind überzogen mit unzähligen farbenfrohen Motiven. Die gesamte Bibel ist an den Säulen und Mauern zu entdecken. Auch modernere Zeichnungen sind zu finden, wie beispielsweise Menschen in zeitgemässer Kleidung. Damit soll gezeigt werden: Christus ist gestern, heute, morgen – und über jede Zeit hinaus. Und noch ein weiteres Bild schmückt die neuere Kirche: die Hand Gottes mit unterschiedlichsten Menschen darin. Das ist wohl eine der Essenzen von Anafora, dieser Gemeinschaft, die sich im 21. Jahrhundert auf die Ursprünge des Klostertums und der Botschaft Jesu besinnen möchte: Gottes Liebe kennt keine Grenzen.

 1 «eine Hand um jede Person hochzuheben, die ganze Person»