Ausgabe 2024/3

Schwestern: Frauenklöster in der Reformationszeit

Zwei ehemalige Äbtissinnen, eine Klarissin und eine Benediktinerin, beide mit Namen Katharina, haben ihre grossen und begüterten Abteien aufgegeben. Beide befinden sich im Jahr 1529 im von dramatischen Ereignissen aufgewühlten Diessenhofen in der damaligen Gemeinen Herrschaft Thurgaus.

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© Veronika Henschel
Text: Irene Gysel / 31.10.2024

Die ehemalige Benediktinerin Katharina von Zimmern ist seit vier Jahren verheiratet und wohnt seit 1527 im Städtchen am Rhein. Sie nimmt, so muss man gemäss vorhandenen Unterlagen schliessen, die ehemalige Klarissin Katharina Truchsess von Waldburg zusammen mit deren Schwester Waldburga bei sich auf. Die drei Frauen sind Cousinen. In Diessenhofen erleben sie nun aus nächster Nähe mit, wie die Dominikanerinnen des nahe gelegenen Klosters Katharinental bedrängt werden, dasselbe zu tun wie sie: ihr Kloster zu übergeben. Aber die dortigen Nonnen wehren sich mit aller Kraft und Hartnäckigkeit. Schliesslich müssen sie nach gewalttätigen und demütigenden Ereignissen fliehen, jedoch ohne sich ergeben zu haben. Im Kloster leben eine Tochter und zwei Cousinen von Katharina von Zimmerns Ehemann Eberhard von Reischach. Die Auseinandersetzung betrifft die ehemalige Äbtissin des Zürcher Fraumünsters mithin auch ganz direkt familiär.

Mutiger Entscheid 

Drei verschiedene Schicksale treffen an einem Ort aufeinander und lassen erahnen, welche schwierigen Entscheide den Klosterfrauen zur Zeit der Reformation abverlangt wurden und wie unterschiedlich sie reagierten. Vielleicht war es für die meisten von ihnen überhaupt das erste Mal, dass sie eigenständig über ihr Leben bestimmen konnten, da viele bereits als Kinder oder als noch unmündige junge Frauen von ihrer Familie ins Kloster gegeben worden waren, meist aus ökonomischen Gründen und in einem Alter, da sie noch kaum ermessen konnten, was der Eintritt bedeutete.

Als erste hatte Katharina von Zimmern im Dezember 1524 die königliche Abtei Fraumünster als sogenannte «gemischte Schenkung» der Stadt Zürich übergeben und ein gutes halbes Jahr später geheiratet. Der Begriff bezeichnet eine freiwillige Übergabe verbunden mit einer lebenslangen Rente, die aus der Schenkung bezogen wird. Die Rente war im Fall Katharina von Zimmerns äusserst grosszügig. Nach bisherigen Erkenntnissen ist die Übergabe der Abtei Fraumünster in dieser radikalen Form die erste überhaupt und bezeugt grossen Mut. 

Verantwortliches Ringen 

Die Äbtissin Katharina Truchsess von Waldburg übergab das Klarissenkloster Königsfelden, ebenfalls eine königliche Gründung, am 1. März 1528 der Stadt Bern. Wie ihre Cousine Katharina von Zimmern vier Jahre früher begründete sie ihren Schritt mit den «Läufen der Zeit», führte aber ihren Entscheid mit einer theologischen Begründung aus. Aus Gottes Gnade sei die evangelische Lehre «ausgebrochen», und sie habe daraus «genommen», dass ihre Religion und ihr Orden, den sie bisher für gut hielt, nun für «ungemäss» befunden werde. Ihrem Entscheid gingen fünf schwierige Jahre des Hin und Her voraus. Anders als im Fraumünster, wo die Äbtissin nach dem Tod ihrer leiblichen Schwester und nach dem Austritt einer weiteren Frau als noch einzige adelige Chorfrau keine Rücksicht auf Mitschwestern nehmen musste, stand die Truchsessin einem Konvent von 27 Frauen vor. Unter ihnen übrigens sechs Geschwisterpaare. Adelige Familien gaben bemerkenswert oft zwei Schwestern gemeinsam in ein Kloster. 

Politisches Geschacher 

In Königsfelden diskutierten sie bereits 1523 die neue Lehre und lasen Schriften von Luther und Zwingli. Die Klosterfrau Margaretha von Wattenwyl schrieb Zwingli einen Brief, der erhalten ist. Auch mit Bullinger, dem späteren Nachfolger Zwinglis, korrespondierten die Nonnen. Sie rangen um ein eigenes Urteil und entschieden sich dann mehrheitlich für den neuen Glauben. Als der Rat von Zürich 1523 den Nonnen von Oetenbach erlaubte auszutreten, verlangten die Königsfelderinnen dasselbe Recht. Bern erlaubte es vorerst nicht. Die Äbtissin handelte souverän. Obwohl sie wohl selber nicht, oder noch nicht, von den neuen Ideen überzeugt war, stellte sie sich vor ihren Konvent und verteidigte ihre Nonnen gegenüber den nun aufkommenden massiven Anschuldigungen. Als Bern nach und nach die Austritte erlauben musste, ging es vor allem darum, welche Vermögenswerte die Austretenden mitnehmen konnten. Bern wehrte sich gegen die Forderungen der Nonnen und liess die Klosterschätze bewachen. Der Konvent jedoch argumentierte überzeugend und hartnäckig. Man habe einen grossen Teil des Vermögens beim Eintritt miteingebracht oder später selber erarbeitet! Und vor allem: Die Nonnen liessen sich nicht auseinander­dividieren und gegeneinander ausspielen. Sie handelten als Gemeinschaft. Nach und nach erstritt sich eine jede ihre Lösung. Die Berner erwiesen sich als wenig grosszügig. 

Ohne brüderliche Unterstützung 

Als eine der Letzten verliess Äbtissin Katharina das Kloster Königsfelden. Ihre Schwester Waldburga schrieb ihren Rücktritt einige Tage später. Den beiden Frauen, Katharina bereits 58jährig, standen drei Möglichkeiten offen: Eintritt in ein anders Kloster, Rückkehr zur Familie oder Heirat. Ihr Bruder Wilhelm, der als Adliger im grossen Stil auf seinem Schloss Trauchburg üppig lebte und residierte, hatte sie zwei Jahre zuvor in einem zehnseitigen Brief aufgefordert, sich nicht vom «teuflischen Geist der neuen Sekte» verführen zu lassen und demütig und bescheiden im Kloster zu bleiben oder in ein anderes einzutreten. Keinesfalls könnten sie auf die Unterstützung der Familie zählen. Mit Hilfe des Anwaltes Hans Escher aus Zürich, ehemaliger Anwalt Katharina von Zimmerns, und einer Dreiergruppe von erprobten Diplomaten, unter ihnen Katharina von Zimmerns Ehemann Eberhard von Reischach, hatten sie sich eine Rente erstritten von der sie, wie sie später schreiben werden, jedoch kaum leben konnten.

Politischer Druck

Katharina von Zimmern nimmt die beiden Truchsess von Waldburgschen Schwestern bei sich in Diessenhofen auf. Ein Brief der Truchsessinnen mit Absender Diessenhofen ist erhalten. Nun entscheiden sich die Diessenhofener Bürger 1529 in einer extra dafür einberufenen Gemeindeversammlung mehrheitlich für den neuen Glauben und verlangen einen Prediger, der das Evangelium auslege. Auch auf Drängen von Zürich üben sie grossen Druck auf das Kloster aus, das vor ihren Toren liegt und dessen Nonnen beim alten Glauben bleiben wollen und sich mit allen Mitteln gegen eine Schliessung wehren. In mehreren Briefen bitten die Dominikanerinnen Verwandte um Hilfe und schildern, was ihnen angetan wird. Man wolle ihnen ihre Kutten entreissen oder umfärben, sie sollen die Bilder und Statuen aus der Kirche ausräumen und ihr Kloster aufgeben. 

Angst und Verzweiflung 

Zwei Schwestern, Barbara und Küngolt von Reischach, Cousinen Eberhards, die eine in der Stellung der Vizepriorin, wenden sich an ihre Verwandten im Hegau und bitten inständig um Hilfe. Ihre Briefe zeugen von grosser Angst und Verzweiflung. Man wolle ihr Kloster niederbrennen, ihnen alles stehlen, sie seien persönlich in Gefahr. Vorsorglich bringen die Nonnen ihr Hab und Gut samt Vieh auf Booten nach Schaffhausen, das ihnen Sicherheit verspricht. Die Briefe sind im Reischach’schen Familienarchiv erhalten und neu entdeckt worden. Ob in anderen Familienarchiven weitere unentdeckte Briefe von Klosterfrauen oder sogar Äbtissinnen liegen und auf Entdeckung warten?

Drei Wege

Drei Frauengemeinschaften, drei unterschiedliche Entscheidungen. Katharina von Zimmern, die schon früh offen ist für das reformatorische Denken, dann aber ihre wohl ausweglose Situation erkennt und ihre Abtei früh übergibt, Katharina von Waldburg, die lange um ihre Überzeugung ringt und mit ihrem Konvent ausgiebig diskutiert, dann klar evangelisch argumentiert, und schliesslich die Diessenhofener Dominikanerinnen, die ihr Kloster unter keinen Umständen aufgeben wollen. Die Nonnen von Diessenhofen berichten von einem Besuch der beiden ehemaligen Königsfelderinnen in ihrem Kloster im Sommer 1529. Ihr Gespräch ist leider nicht überliefert. Jedes Kloster hat seine eigene Geschichte, wie es auf die Herausforderung der Reformation reagierte, und letztlich musste auch jede Nonne selber über ihren zukünftigen Weg entscheiden. 

Versuchte Einflussnahmen 

In den meisten Fällen versuchten ihre Familien, sie zu beeinflussen, ähnlich wie es der Bruder der Truchsessinnen tat. Er konnte sich nicht durchsetzen: Die beiden Schwestern traten trotz seiner Drohungen nicht in ein anderes Kloster ein. Sie zogen auch nicht zu ihm auf sein Schloss, was er ihnen in einem späteren Brief anbot. Trotz geringer finanzieller Mittel suchten sie ihren eigenen Weg und waren sehr wohl fähig, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Auch in Katharina von Zimmerns Familie stiess ihr Entscheid auf Unverständnis und auf grosse Ablehnung. Eine einzige der Diessenhofer Dominikanerinnen, übrigens die Tochter Eberhards aus erster Ehe, tritt aus. Sie ist schwanger, steht kurz vor der Geburt und will heiraten. Alle anderen bleiben standhaft. Als die Stadt ihnen einen evangelischen Prediger aufzwingt, halten sie sich im Gottesdienst die Ohren zu. 

Vertreibung und Rückkehr

Eine Zürcher Delegation, unter ihnen wiederum Eberhard von Reischach, nimmt die Frauen einzeln ins Verhör. Am Ende teilt man jeder mit, die anderen seien mit der Aufgabe des Klosters einverstanden und hätten ihre Kutten ausgezogen, was schlicht gelogen ist. Nur die Jüngste fällt auf das plumpe Manöver herein, die Anderen lassen sich nicht über den Tisch ziehen. Die Zürcher behaupten auch, sie würden im Auftrag der sieben alten Orte sprechen, die den Thurgau gemeinsam verwalteten, was nicht stimmt. Letzten Endes jedoch müssen die Nonnen fliehen, zuerst nach Schaffhausen, von dort aus nach Engen in den Hegau. Sie nehmen mit, was sie mitnehmen können. Die Diessenhofer Bürger:innen verwüsten die Kirche. Nach 1532 jedoch, nach der Niederlage der Reformierten bei Kappel, kehren die Frauen zurück und führen ihr Kloster weiter. Zur Entscheidung werden nicht nur theologische Gründe beigetragen haben. Die Briefe der beiden Schwestern aus Katharinental zeigen noch eine andere Dimension auf. Die Frauen haben offenbar eine Gemeinschaft aufgebaut, die sie getragen hat. Sie haben gemeinsam ein grosses Gut bewirtschaftet, haben ihre Häuser und ihre Kirche eigenständig verwaltet, ihre Gottesdienste mitgestaltet, ihre Kirche ausgeschmückt. Ganz wie es die frühen Beginen getan hatten, die sich freiwillig zu kleinen Gemeinschaften zusammenschlossen und ihr Leben weitgehend selbstbestimmt lebten.

Selbstbestimmung

Die Auseinandersetzungen und die verschiedenen Positionen erinnern an die bekannten und gut aufgearbeiteten Geschichten der Argula von Grumbach in Bayern, Caritas Pirckheimer in Nürnberg, Jeanne de Jussie und ihrer Gegenspielerin Marie Dentière in Genf. 

Wie aktiv Frauen mitgedacht, mitdiskutiert und mitgekämpft haben, wird langsam bewusst. Die Frauen waren gebildet und, wie die Briefe der beiden Diessenhofer Nonnen zeigen, auch politisch sehr gut informiert. Und sie verfügten über Beziehungen und Kanäle, konnten Hilfe anfordern und waren handlungsfähig. Dieses gemeinsame Handeln in der Öffentlichkeit haben Frauen durch die Aufhebung der klösterlichen Gemeinschaften verloren. 

Backlash

Fragen bleiben offen. War die Reformation ein Zeitfenster, in welchem Frauen eigenständige Entscheidungen treffen konnten und das sich in den folgenden Jahrhunderten wieder schloss? Stärkte ihnen die Auseinandersetzung und Diskussion in ihrer Gemeinschaft den Rücken? Warum haben die verbliebenen Frauenklöster in den katholischen Gebieten in den folgenden Jahrhunderten diese Chance gemeinsamen Handelns kaum wahrgenommen? Die Zeit nach der Reformation war in jeder Hinsicht schwierig und für viele Frauen düster und teilweise tragisch: Sie war geprägt von einem Aufflammen des Hexenwahns und Hexenverfolgungen, Bedrohung durch das osmanische Reich, Konfessionskriege, Vertreibungen, Pestwellen. Trotzdem nahm die Bevölkerung zu. Den Frauen wurde demnach zugemutet, in schwierigen Zeiten viele Kinder auf die Welt zu bringen. Letztendlich waren es dann im 19. Jahrhundert die neu gegründeten Frauenvereine, die anfingen, sich zu emanzipieren. Die Saat des freien Denkens, die vom Humanismus ausgegangen und von den Reformator:innen ausgebaut worden war, hat dort erneut zu keimen begonnen. Das Verlangen nach Wissen, nach Bildung und nach freiem, selbstverantwortetem Handeln erwies sich als Kraft und Motor, sich zusammenzufinden und gemeinsam etwas aufzubauen. 

Abspann

Am 3. August 1530 heiratete Katharina Truchsess von Waldburg im Zürcher Fraumünster den Söldnerführer Georg Göldli, Freund und Kampfgefährte Eberhards, nun 60-jährig. Sie war offenbar mit den Reischachs von Diessenhofen nach Zürich gezogen. Nach der Niederlage von Kappel zog das Ehepaar ins damals für kurze Zeit reformierte Konstanz, Waldburga blieb bei ihnen. Katharina von Zimmern, durch die Schlacht Witwe geworden, blieb in Zürich. 

Das Kloster Katharinental erlebte nach 1531 eine neue Blütezeit und wurde erst 1869 vom Kanton Thurgau aufgehoben.

Irene Gysel, Lehrerin, Pfarrfrau, Mitbegründerin der Ökumenischen Frauenbewegung, bis 2013 Redaktorin beim Schweizer Fernsehen, bis 2015 Kirchenrätin der Reformierten Zürcher Landeskirche. Mitarbeit an den Büchern über Katharina von Zimmern 1999 und 2019, Autorin ihrer Biografie 2024.