Ihr habt alle angesprochen, dass Kinderhaben als normal gilt. Das zeigen ja auch diese Spiegelungen, die aus dem Umfeld so oft zu hören sind: «Hauptsache, du bist glücklich!» Was ja eigentlich heisst: «Es ist nicht ganz in Ordnung, es ist nicht normal, aber Hauptsache, du bist glücklich.» Wie erlebt ihr das?
Rifa’at: Das Umfeld ist schon sehr wichtig. Wobei ich hier grosse kulturelle Unterschiede erlebt habe. Das schweizerische Umfeld hat unsere Kinderlosigkeit einfach zur Kenntnis genommen. Aber im pakistanischen Umfeld war das anders. In einem traditionellen islamisch geprägten Milieu ist Kinderlosigkeit für eine Frau ein grosses Unglück. So wurde ich in pakistanischen Kreisen immer sehr bedauert. Und ich hab’ das dort natürlich auch entsprechend formuliert, ich habe gesagt: «Ich kann leider keine Kinder haben.» Das «leider» habe ich nicht überall eingefügt, aber dort schon. Ich komme aus einem sehr religiösen Umfeld. Das Frausein wird dort stark über das Muttersein definiert. Viele konnten nicht nachvollziehen, dass ich unter meiner Kinderlosigkeit nicht speziell leide. Aber ich habe das auch nicht allzu offen angesprochen.
Ich kann diese Haltung aber auch nachvollziehen. Wenn ich als Frau in einem Dorf irgendwo in Anatolien oder in Pakistan lebe, ja, was habe ich dann? Von Beruf, Ausbildung ist ja meist keine Rede, und wenn ich keine Kinder habe, was bleibt mir dann? Erstens hab’ ich keine soziale Absicherung, zweitens leidet der Status. Ich bin dann immer die arme Verwandte, die irgendwie auch noch da ist. So gesehen ist Kinderlosigkeit … also ich verstehe, wieso man das als grosse Tragik empfinden kann. Auch wenn ich selbst es anders erlebe.
Es hat sicher auch mit der Generation zu tun. Vor ein paar Jahren habe ich an einer internationalen Frauen-Konferenz in Teheran erwähnt, dass ich keine Kinder habe. Danach haben mich einige junge Frauen angesprochen: «Kann man als Frau ohne Kind ein erfülltes Leben haben? Kann man glücklich sein?» Zuerst dachte ich, sie wollen von mir Trost erhalten, weil sie selbst keine Kinder bekommen können. Aber dann habe ich gemerkt: Nein, die wollen keine Kinder. Es waren junge, gut ausgebildete Frauen aus Teheran mit guten Jobs im Aussenministerium. Alle verheiratet, und ihre Männer drängten zum Teil auf Kinder, aber sie selbst wollten nicht, – das geht jetzt in Richtung kinderfrei – weil sie das als Einschränkung wahrnahmen. Das hat auch mit den modernen Lebensumständen zu tun. Wenn ich in Pakistan Kinder bekommen hätte, meinem sozialen Status entsprechend, dann wäre das kaum mit Einschränkungen verbunden gewesen. Ich hätte alles machen können, meine Karriere verfolgen, und es hätte jede Menge Leute gegeben – Familienmitglieder oder Angestellte –, die sich um die Kinder gekümmert hätten. Ich hätte nicht einmal selber stillen müssen. Aber heute, wo alles auf die Kleinfamilie beschränkt ist, geht das nicht mehr. Da muss man alles selbst machen.
Veronika J.: Jetzt habe ich grad einen frechen Gedanken. Vielleicht steckt hinter diesem so klaren Bild, dass Kinderkriegen einfach normal ist für Frauen und dass Mutterwerden dazugehört, also, diese ganzen Bemerkungen von «Jaja, das kommt dann schon noch» und «Du findest schon noch den Mann deines Lebens» und so … das sind eigentlich einfach freundliche Verpackungen für … «hey, du musst da auch durch». Ich merke einfach, dass ich bei meinen Freundinnen, die Kinder haben, lieber etwas vorsichtig bin und nicht zu viel von meinen Freiheiten erzähle. Genauso wie sie wahrscheinlich mir gegenüber vorsichtig sind und mir nicht zu viel von den Freuden des Mutterseins erzählen.
Susanne: Ja, da ist vielleicht etwas dran. Ich habe vor etwa drei Jahren damit angefangen, weil es mich interessiert, die Leute zu fragen: Warum hast du Kinder? Welche Überlegungen standen dahinter? – Da habe ich gemerkt, dass dieses Thema total tabu ist. Und vor allem, dass ich als kinderlose Single sowas frage. Die Gefragten haben dann immer gedacht, dass ich Kinder nicht mag. Aber ich mag Kinder, ich habe nur keine. Meine Frage hat auf jeden Fall viele Emotionen ausgelöst, aber wirklich darüber sprechen wollte niemand. Sogar unter befreundeten, gleichaltrigen Personen, bei denen ich das Gefühl hatte, die können genauso frei oder unfrei entscheiden wie ich, sogar bei denen kam mir entgegen: Darüber spricht man nicht! Kinder bekommt man einfach, aber man spricht nicht offen darüber.
Regretting motherhood
Dass frau Mutterschaft auch bereuen kann, rückt seit einigen Jahren aus der Tabuzone in die Öffentlichkeit. Am diesjährigen Filmfestival in Locarno wurden gleich zwei Filme zum Thema gezeigt: «Salve Maria» von Mar Coll, Spanien 2024, und «Le paradis de Diane» von Carmen Jacquier und Jan Gassmann, Schweiz 2024. Beide Filme stellen sich dem Thema auf sehr unterschiedliche Weise. Aber gemeinsam ist ihnen, dass sie weder urteilen noch beschönigen. Sie zeigen die tiefgreifenden Auswirkungen, die eine Geburt für eine Frau haben kann. Auch wer im Unterschied zu den Protagonistinnen in die neue Rolle als Mutter findet, wird sich atmosphärisch in vielen Aspekten wiedererkennen: Das beklemmende Eingeschlossensein in einer Art Cocon in den ersten Wochen nach der Geburt, dabei aufkommende Gefühle von Einsamkeit und Entfremdung vom Partner, von sich selber oder auch vom Neugeborenen – sie treten nicht nur im Zusammenhang mit Wochenbettdepressionen auf, wie einige Filmkommentare suggerieren. Die dunkle Seite von Geburt und Mutterschaft ist wohl vielen Frauen so vertraut wie fremd. Fremd nicht, weil unbekannt, sondern weil dafür sowohl Bilder wie Sprache fehlen. Die Regisseur:innen von «Le paradis de Diane» haben für ihren Film über 50 Interviews geführt mit Frauen, die mit ihrer Mutterschaft hadern. In einem Interview in der Zeitschrift «Annabelle» sagten sie: «Fast alle hatten eine Art ‹Geheimnis›, Dinge, für die sie sich schämten, Gefühle, die sie nicht einordnen konnten und die sie noch mit niemandem geteilt hatten». Alle Frauen hätten ein grosses Bedürfnis gehabt, darüber zu sprechen. In beiden Filmen löst sich ein Stück der Beklemmung in dem Moment, wo die Protagonistinnen gegenüber ihren Partnern das Unaussprechbare aussprechen.
Es ist das Verdienst beider Filme, dass sie ein Tabu mutig und ohne zu moralisieren aufgreifen. Damit wird gleichzeitig die gesellschaftliche Idealisierung von Mutterschaft hinterfragt. Erst wenn auch die Unmöglichkeit, Mutter zu sein, zur Sprache kommt, eröffnen sich neue Möglichkeiten von Mutterschaft. Dann erhalten Frauen* endlich die Freiheit, sich als Mutter im ganzen Spektrum zu verhalten. Eine Wahl, die Männer in Bezug auf die Vaterschaft seit jeher haben.
Ist es Zufall, dass die Regisseur:innen dafür in ihren Filmtiteln auf die christliche Tradition Bezug nehmen? Maria verweist auf die wirkmächtige marianische Antiphon «Salve regina», die mit dem Lob der Mutter der Barmherzigkeit beginnt und mit dem Lobpreis der gütigen, milden und süssen Jungfrau Maria endet. Damit ist der ganze Bilderbogen der idealen Mutter aufgespannt, in dem mit der Mutterschaft auch die Sexualität begraben wird. Dianes wütend-verzweifelte Rückeroberung ihres Körpers und ihrer Identität in «Le paradis de Diane» kann auch auf dem Hintergrund dieser Folie gelesen werden. Das Paradies, dessen Verlust in patriarchaler Lesart mit dem weiblichen sexuellen Begehren verbunden wird, ist der heruntergekommene Tourismusort, in den sie sich flüchtet, gerade nicht, genauso wenig wie die Mutterrolle, vor der Diane geflohen ist. Es geht um zerbrochene Ideale und Erwartungen und die Rückeroberung von sich selbst, jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen.
Ursula Vock