Ausgabe 2024/4

Späte Reue

Teil 3 / 9
© Moni Egger: Letztes Menstruationsblut, Kohle und Kreide auf Papier
Publiziert 07.06.2025

Sr. Ingrid: Soll ich anfangen? Also, in Bezug auf Kinder habe ich den Eintritt ins Kloster nie bereut. Ich wollte ja ein Ordensleben führen. Aber man kann sich das tollste Kloster aussuchen, die Menschen dort sind halt nicht alle toll. Das ist ja überall so. Manchmal, wenn es schwierig war mit einzelnen Mitschwestern, habe ich mir abends gedacht: «Wenn ich nur einfach einen Menschen hätte, der mich absolut gut fände, und den ich auch absolut gut fände und wir würden uns blendend verstehen! … (Gelächter) … Mit dem könnte ich mich über alles austauschen.» Aber, ich wusste ja schon, dass es das gar nicht gibt, so eine Beziehung, wo alles nur gut ist. So um die dreissig rum ist mir einmal ein Mann begegnet, bei dem ich das Gefühl hatte: Mit dem hätt’ ich leben können. Aber gleichzeitig wusste ich klar und deutlich, dass ich das Kloster nicht verlassen wollte. Das hatte ich gewählt, und das stimmte für mich. Natürlich gab es auch Schwierigkeiten. Aber die gibt es überall.
Rifa’at: Mit meinem Mann hatte ich so einen Menschen. Wir waren sechsundvierzig Jahre zusammen. Mit ihm konnte ich über alles sprechen. Es war eine wunderbare Beziehung. Seit er verstorben ist, fühle ich mich manchmal schon ziemlich allein gelassen. Ich konnte ja keine Kinder bekommen, deshalb gibt es auch nichts zu bereuen. Und ich habe damit auch nicht gehadert, auch heute nicht. Aber es gibt mir schon manchmal zu denken. Auch die Eltern sind gestorben. Jetzt gibt es einfach noch mich. Vor mir ist nichts mehr und nach mir kommt niemand. Das war schon ein heftiger Moment, zu realisieren: «Und jetzt ist dann fertig.»
Auch praktisch gesehen wären Kinder im Moment vielleicht ein Vorteil: All die Gedanken, die ich mir jetzt machen muss von wegen Nachlass und Erbe. Wenn Kinder da wären, wäre das einfach geregelt. Aber trotzdem, ich würde nicht sagen, dass ich etwas bedauere. Selbst wenn man Kinder hat, weiss man ja nicht, ob die dann im Alter wirklich noch Ansprechpartner sind für einen oder nicht.

«Aus welchem Grund hätte ich überhaupt Kinder bekommen? Ich wünsche mir manchmal, dass ich diesen Reflexionsprozess, den ich in den letzten
vier Jahren durchlaufen habe, schon viel früher gemacht hätte.»
Susanne Imhof

Susanne: Ich bereue es aktuell nicht, dass ich keine Kinder habe. Aber ich bereue manchmal, dass ich so lange nicht realisiert habe, wie ich das Glück immer im Aussen gesucht habe: in der Partnerschaft, in der Familie, in den Kindern … und nicht einfach in mir selbst. Aus welchem Grund hätte ich überhaupt Kinder bekommen? Ich wünsche mir manchmal, dass ich diesen Reflexionsprozess, den ich in den letzten vier Jahren durchlaufen habe, schon viel früher gemacht hätte. Dass ich damals mit 35 Jahren wirklich hätte reflektieren können, ob ich Kinder möchte oder nicht und aus welchen Gründen. Das fände ich extrem spannend. Aber grundsätzlich bin ich zufrieden mit meinem Leben heute. Das würde ich aktuell nicht tauschen wollen.
Veronika J.: Mir ist eigentlich nie langweilig, und ich fühle mich sehr selten einsam. Das ist ja auch eine gute Erfahrung. Ich hoffe schon, dass das auch bis ins Alter hinein trägt. Ich kann ja auch so in Resonanz mit Menschen sein, ohne eigene Kinder zu haben. Aber eben, mir das selber zu glauben … und auch zu glauben, dass ich wirklich keinen Kinderwunsch habe und das nicht einfach ein psychologischer Schutzmechanismus ist, um nicht grad in Depression zu verfallen … da bin ich jetzt erst am Übergang, das wirklich zu realisieren.


Feministin mit unerfülltem Kinderwunsch

Meine Freundinnen bekommen Kinder. Eine nach der anderen. Wir reden über gleichberechtigte Elternschaft und Mutterschock, über Glück und Überlastung und Hormonschübe. Ich bin interessiert und engagiert. Und traurig. Zuerst ist kein Mann an meiner Seite, mit dem ich mir gemeinsames Elternsein vorstellen könnte. Später ist einer da, aber ich werde nicht schwanger. Es ist eine Traurigkeit, abgrundtief wie Liebeskummer. Ein Schmerz im ganzen Körper, im ganzen Leib.

«Frausein ist mehr als Muttersein», heisst es in meinen feministischen Kreisen ganz selbstverständlich. Ich höre es von jenen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden. Ich höre es von den Müttern, die sich nicht ausschliesslich über diese Rolle definieren wollen. Und ja, ich weiss, das stimmt. Und doch fühle ich es in dem Moment anders. Ich fühle einen Mangel. Ich fühle einen Verlustschmerz. Ich schweige darüber, vor allem in feministischen Kreisen. Da gibt es keinen Platz dafür. Oder bilde ich es mir nur ein? Niemand spricht es aus, es ist eine unterschwellige Botschaft: «Feministinnen leiden nicht unter unerfülltem Kinderwunsch. Feministinnen wissen, dass sie auch ohne Kind ganz Frau sind.»

Erst mit der Zeit merke ich, dass nicht mein Frausein von der Kinderlosigkeit betroffen ist, sondern mein Ichsein. Ja, ich bin ganz Frau, egal ob mit oder ohne Kind – was auch immer unter Frau* verstanden wird. Ich fülle mein Frausein, so wie es mir gut tut und für mich stimmt. Aber ganz Ich-Werden, auch ohne Kind, das musste ich zuerst lernen.