Ausgabe 2024/4

Faktor Geschlecht

Teil 5 / 9
© Moni Egger: Letztes Menstruationsblut, Kohle und Kreide auf Papier
Publiziert 07.06.2025

Die soziale Schicht und die Kultur sind sicher wichtig in diesem ganzen Themenfeld. Und natürlich das Geschlecht. Wir sitzen hier an einem Tisch mit lauter weiblich sozialisierten Personen. Diese Idee, dass man sich entscheiden muss zwischen Berufslaufbahn und Kinderhaben oder auch die klaren Erwartungen ans Kinderhaben, die gibt es bei männlich sozialisierten Menschen viel weniger.

Veronika J.: Es gibt ja auch Männer ohne Kinder. Aber es ist schon typisch, dass wir das Thema meist aus Frauenperspektive anschauen.
Susanne: Vielleicht bringt die Gleichstellung da auch eine Veränderung? Ich meine, in der Bubble, wo Familie von beiden Eltern gemeinsam organisiert und getragen wird, wo auch beide Karriere machen ausserhalb der Familie. Ich kann beobachten, wie in dieser Bubble auch Männer mehr und mehr in diesen Sog kommen. Dass sie also auch einfach diesem Sog folgen und Familie leben und gar nicht überdenken, ob Elternschaft ihnen gut tut oder nicht.
Ich finde aber, die Verbindung zwischen Mutterschaft und Glück müsste unbedingt entkoppelt werden. Bei einem Mann, so habe ich das Gefühl, wird Glück viel weniger dem Vatersein zugeordnet. Natürlich, ich denke schon, dieses Erlebnis: «Ein Mensch wächst in mir», das muss unglaublich intensiv sein, unglaublich speziell. Ich glaube jedoch, wenn diese Verbindung entkoppelt werden könnte, also, wenn Frauen Glück auch anders erreichen können als mit Familiengründung – dann gefährdet dies das geschlechterhierarchische System. Dieses macht die Frauen immer noch mehr verantwortlich für Nachwuchs als die Männer. Auch deshalb ist aus meiner Sicht diese Verbindung so eng.
Geneva: Dieses Mutterideal hängt auch mit einem sehr engen Familienverständnis zusammen. Was ist das eigentlich, Familie?
Susanne: Genau, was heisst das eigentlich «Familie»? Wo ist «Familie»? Wo ist Anfang und Ende von «Familie»? Das muss doch nicht einfach die Kernfamilie sein. Das sehen wir ja auch an anderen Kulturen, dass es da noch andere Möglichkeiten gibt. Also, ich nenne diese Kernfamilien manchmal «Hasenstallhaltung» (Gelächter), und das war für mich nie attraktiv. Jedenfalls: Genau zur Zeit meiner Trennung mit diesem Partner, mit dem ich gerne ein Kind gehabt hätte, haben mein Bruder und seine Partnerin ihr erstes Kind bekommen. Da ich aus der gemeinsamen Wohnung raus wollte, habe ich eine Weile bei ihnen auf dem Sofa geschlafen. Das war schon sehr skurril: Sie hatten jetzt genau das, was ich mir zu dem Zeitpunkt auch gewünscht hätte und bei mir nicht eintraf – und ich war da bei ihnen auf dem Sofa.
Und doch war auch eine Verbundenheit zwischen uns, denn bei mir und bei ihnen war das Leben mit einem Mal ganz anders. Diese Zeit hat uns sehr nah zusammengebracht. Heute bin ich sehr gerne und oft mit meinen Nichten zusammen – aber ich bin auch froh, dass ich immer wieder gehen darf. Vor etwa zwei Jahren haben mein Bruder und seine Partnerin mich gefragt, ob ich nicht Teil von ihrer «Familie» sein möchte und so ganz offiziell auch für ihre Kinder da sein. Und so ist es jetzt. Für mich, in meinem Herzen, sind sie auch «meine» Kinder – aber natürlich habe ich viel weniger Organisatorisches und Aufwand mit ihnen als mein Bruder und seine Partnerin.


unfreiwillig kinderfrei

Für mich war immer klar, dass ich eine grosse Familie haben werde – mit Kindern, Mann, Haus und Hund. Mehr noch als ein Wunsch, war es eine Tatsache, eine innere Klarheit. Und dann steht da plötzlich schwarz auf weiss, dass dem nicht so sein wird. Meine Welt stürzt in sich zusammen. Zwingt mich, genau hinzuschauen, was da wirklich ist und was trotzdem werden könnte.

Anfangs suchten mein Mann und ich nach anderen Lösungen: Adoption? Dafür waren wir schon zu alt. Samenspende? Aber soll unser Kind nicht auch zum biologischen Vater eine Beziehung haben dürfen? Co-Parenting? Zu hohes Risiko, jedenfalls so lange wir niemanden kennen, mit dem/der/denen so ein riesiges Projekt zu verwirklichen wäre. So blieb lange Zeit Schmerz und Trauer. Nicht komplett einnehmend oder überschwemmend, eher wie ein unterschwelliges Leck, durch das andauernd Energie verloren geht. Wobei, die Energie nicht wirklich verloren ging, sie wurde buchstäblich zum Verarbeiten gebraucht. Irgendwann tauchten Wörter in mir auf, wuchsen zu einem Text, Bilder entstanden, eine Melodie. Die Energie aus dem Schmerzleck versickerte nicht mehr, sie wurde zu schöpferischer Kraft. Je mehr vom Schmerz im Aussen sicht- und hörbar wurde, desto mehr freier Raum entstand im Innen. Canto al viento: Heute kann ich dastehen und in den Wind hinein singen, die verlorenen Träume loslassen und lächeln dabei.

Ich bin es nicht freiwillig, ich hätte es anders gewollt, aber heute fühle ich mich kinderfrei.

«Canto al viento» ist ein Musikvideo zu diesem Prozess und Teil der Ausstellung «unfreiwillig kinderfrei» von combikultur.