Ausgabe 2024/4

Die eigene Mutter

Teil 6 / 9
© Moni Egger: Letztes Menstruationsblut, Kohle und Kreide auf Papier
Publiziert 07.06.2025

Veronika J.: Zum Stichwort «Mutterrolle« fällt mir noch etwas anderes ein. Dieser Sog, von dem wir gesprochen haben, der war auch bei meiner Mutter gut fühlbar. Als ich mit dem erwähnten älteren Mann zusammen war, der keine Kinder mehr wollte, da hat sie immer wieder gesagt: «Ja, ist doch super, wenn ihr’s schön habt. Du hast ja auch noch etwas Zeit, es wird dann schon auch noch der Moment kommen, wo du den Richtigen findest und die Familie gründest.»
Susanne: Ja, das kenne ich auch! (lachen) So etwa vor einem Vierteljahr habe ich mit meiner Mutter telefoniert. «Geht es dir gut?», hat sie gefragt. Und ich: «Ja, es geht mir gut …» Und dann noch dreimal: «Gell dir geht es gut?» – «Ja, mir geht es gut.» – «Ist alles gut?» – «Ja, ist alles gut.» Und dann war es auf einmal, wie wenn eine Last von ihren Schultern gefallen wäre, so fühlte es sich an für mich. Ich glaube, sie hat einfach so lange gebraucht, bis sie ihr Bild verändern konnte. Danach habe ich gedacht: «Doch, ich glaube, sie glaubts mir jetzt.» (Gelächter) Und jetzt dürfen wir beide glücklich sein.

«Immer wieder kommt der Gedanke: Vielleicht mache ich mir etwas vor. Vielleicht ist das einfach ein psychologischer Schutz…»
Veronika Jehle

Veronika J.: Da bist du glaub schon einen Schritt weiter als ich. Wenn ich dir so zuhöre, merke ich, dass ich es mir manchmal selbst noch nicht so ganz glaube, dass ich wirklich glücklich bin. Immer wieder kommt der Gedanke: Vielleicht mache ich mir etwas vor. Vielleicht ist das einfach ein psychologischer Schutz, um mir nicht einzugestehen, dass ich eigentlich …
Rifa’at: … etwas anderes möchte?
Veronika J.: … ja. Und dass ich nicht das erreicht habe, was alle erreichen, was ich auch immer erreichen wollte … ich weiss auch nicht. Aber ich glaube wirklich, dass es darum geht: Zu vertrauen, dass es stimmt, dass es so sein darf – und dass das auch trägt. Aber dann kommen andere Leute … Ach ja, das könnte ich mir mit meiner Mutter jetzt eins zu eins so vorstellen: «Veronika, wie geht’s dir denn?» – «Mama, mir geht’s gut.» – «Das ist aber schön. Geht’s dir gut. Was machst du denn immer so?» So, als hätte man ja nichts zu tun, wenn man keine Familie hat. (lachen)
Sr. Ingrid: Meine Eltern waren zuerst auch nicht begeistert, als ich mich fürs Kloster entschieden habe. Sie hatten Sorge, ob das die richtige Entscheidung war. Als ich aus dem Haus ging und mich verabschiedet habe fürs Noviziat – also die erste Zeit im Kloster, bei der es um die Entscheidung geht, ob ich dableibe oder nicht – da hat mein Vater zu mir gesagt: «Wenn es dir dann da nicht gefällt, dann kommst du zurück, egal, was andere Leute schwätzen!» Das hat mir gut getan. Aber als sie dann gemerkt haben, dass es mir gut ging im Kloster, da waren sie schon auch ein bisschen stolz auf ihre Tochter. Um Kinder oder nicht Kinder ging es dabei aber nie. Ich wollte ja auch etwas Spirituelles.
Susanne: Die Beziehung zu den eigenen Eltern verändert sich ja im Erwachsenenalter sehr. Vielleicht ist das einfacher, wenn man Kinder hat? Dann können die Eltern die Grosselternrolle einnehmen. Ich hatte jedenfalls zunächst ein bisschen Angst, dass die Beziehung zu meiner Mutter gefährdet ist, weil: Alle meine Geschwister haben Kinder, da ist sie als Grossmutter automatisch präsent. Aber bei mir? Aber eigentlich bietet das auch eine grosse Freiheit, die Mutter-Tochter-Beziehung ganz neu zu gestalten, gerade ohne die selbstverständlichen Grosselternkontakte. Ich finde, bei uns ist mit der Zeit eine neue Beziehungsqualität entstanden. Die ist nicht mehr über die Mutter- oder Tochterrolle definiert, sondern wirklich von Mensch zu Mensch. Das hat etwas sehr Verbindendes.


Fehlgeburt

Schwanger! Endlich! Viele Ovulationstests, viele Versuche ohne Erfolg, immer wieder ein Hoffen und Bangen… dann endlich hat es geklappt. Was für ein Geschenk! Und klar, ich wusste: Nicht zu früh freuen, in den ersten drei Monaten kann auch noch alles anders kommen. Aber das stellte ich in den Hintergrund: Ich wollte mich einfach nur über das Leben freuen, das da in mir heranwuchs.

Gegen Ende der achten Schwangerschaftswoche: Allmählich wurden mir die potenziellen Auswirkungen dieses Kindes auf mein Leben immer bewusster. Eine Angst machte sich breit, eine Enge: Was wird dies mit unserer Partnerschaft machen? Mit meinem Hobby in die Berge zu gehen? Will ich das wirklich? Plötzlich war ich mir einen Moment lang nicht mehr so sicher …

Anfangs der neunten Schwangerschaftswoche: Blutungen. Meine Gynäkologin sagte mir, ich hätte nichts falsch gemacht. Das könne es geben. Ich solle mich schonen. Die Untersuchung kurz davor habe ja gut ausgesehen. Auf dem Sofa liegend versuchte ich, mich mit Arbeit abzulenken. Gegen Abend sah ich plötzlich Blutfetzen im Urin. Fürchterliche Angst machte sich breit. Die Pflegefachfrau von der Notfallstation sagte mir am Telefon, ich könne abwarten oder vorbeikommen. Machen könne man sowieso nichts. Ich entschloss mich dazu, vorbeizukommen. Meine Frau beruhigte mich, blieb positiv, mein Anker. Im Notfall angekommen warteten wir – Minuten, die kaum verstrichen. Dann der Untersuch. Meine Frau erschrak ebenfalls, als sie das viele Blut sah. Ihre Positivität sank. Beim Ultraschall wagte ich kaum hinzuschauen. Die Gebärmutter hatte sich bereits wieder zusammengefaltet. Das Herz des Kindes schlug nicht mehr.

Die darauffolgenden 48 Stunden: Leere, Schmerz, Angst. Die Ärztin hatte mir gesagt, dass der Körper möglicherweise alles selber herausschaffen und der Fötus sich selbst ablösen werde. Wenn das nicht der Fall sei, müsse man nachhelfen. Mein Körper leistete «gute» Arbeit. Er schaffte es alleine. Nach zwei Tagen war «alles» draussen. Leer. Nach einigen Tagen kehrte wieder ein Stück Alltag ein, das Leben ging weiter – zumindest oberflächlich.

Was blieb: Viele Gedanken. Habe ich etwas falsch gemacht? War es, weil ich joggen war, oder weil ich Ende der achten Schwangerschaftswoche gezweifelt hatte? Ist es doch nicht richtig, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft Kinder zu bekommen? Ist «Gott» eben doch dagegen? Gedanken, die ich anderen sofort ausgeredet hätte, Gedanken, die mich persönlich aber noch eine Weile beschäftigten.

Ein paar Wochen später: Meine Frau und ich liefen durch die Nacht. Plötzlich hielt sie an, schaute in den Himmel und zeigte auf die Sterne: «Irgendeiner davon ist es nun, unser Kind», sagte sie zu mir. «Tschüss Sternenkind, wir lassen dich ziehen», flüsterten wir und hielten uns gegenseitig fest.