Gab es in eurer Biografie Vorbilder, die ein Leben ohne Kinder führten, welches ihr als positiv wahrgenommen habt?
Veronika J.: Ich glaube, ich habe das als Kind eigentlich immer unter der Brille des Defizits betrachtet. Es gab schon einige ältere Frauen, die mal so eingeladen waren bei uns, so Damen, mit denen man dann Konversation gepflegt, und schön gegessen hat. Die hatten keine Kinder, aber das war mehr … Eigentlich hätte ich am liebsten genau das gemacht, was Kinder jetzt bei mir manchmal machen, diese Frauen gefragt: Wieso hast du keine Kinder? Und wie fühlt sich das an? Bist Du nicht traurig deswegen? Und ist das nicht komisch? Das hätte ich eigentlich auch gerne gemacht, aber hab’ ich natürlich nicht. Dann gab es die Priester, denk ich grad. Also Nonnen hatte ich in meinem Umfeld nicht, aber die Priester. Aber gut, die waren ja Priester. Die waren sowieso irgendwie so was anderes.
Sr. Ingrid: Immer noch! (Gelächter)
«… die Frage nach dem Glück wurde nicht gestellt. Das ist doch sowieso eine Frage, die sich nur in unserer Wohlstandskultur stellt. Es ist eine sehr moderne Diskussion.»
Rifa’at Lenzin
Rifa’at: In meinem Umfeld gab es schon auch kinderlose Ehepaare. Aber die Frage nach dem Glück wurde nicht gestellt. Das ist doch sowieso eine Frage, die sich nur in unserer Wohlstandskultur stellt. Es ist eine sehr moderne Diskussion. Heutzutage braucht man keine Kinder mehr, um sozial abgesichert zu sein. Solange das nicht der Fall ist, stellt sich die Frage gar nicht.
Sr. Ingrid: Ich denke an zwei meiner vielen Tanten. Tante Leni und Tante Gesi, die hatten leider keine Kinder bekommen, oh wie schade. Das galt damals einfach als Pech. Damit musste man leben lernen. Die eine hat dann nach dem Krieg ein Kind adoptiert, eine Kriegswaise. Da war das Mädchen schon sechs Jahre alt, und das ist ganz gut gegangen. Und die andere hatte immer wieder die eine oder andere meiner Schwestern für längere Zeit zu Besuch. Ihr hat man schon angemerkt, dass sie unglücklich war damit, dass sie keine eigenen Kinder hatte. Dann kam bei der siebten Schwangerschaft meiner Mutter eine ledige Angestellte in unsere Familie, Terese, sorgend fast wie eine Freundin. Sie war so alt wie meine Mutter. Bei ihr hatte ich immer das Gefühl: Sie hat sich entschieden lieber ledig zu bleiben, als irgendwo einem Mann untergeordnet zu sein. Es war eine ganz einfache Frau, sie hat nur die Volksschule besucht, nichts Spezielles gelernt. Sie habe ich noch klar vor mir.
Susanne: Ich kann mich an zwei kinderlose oder kinderfreie Frauen im Bekanntenkreis meiner Eltern erinnern. Um die eine, … ich fühlte um sie herum immer so eine Art Defizit, auf mich wirkte sie irgendwie suspekt – aber wenn ich heute an sie zurückdenke, schien sie eigentlich sehr glücklich zu sein. Die andere war eine Künstlerin. Bei ihr schien es nicht, als würde ihr etwas fehlen. Sie hatte ja die Kunst. Und dann war da noch eine Tante, die keine Kinder hatte. Sie hat uns immer lustige Geschenke gemacht. Das hat mich letzte Weihnachten ziemlich eingeholt, als ich mit der Familie meines Bruders und mit meinen Eltern gefeiert habe, wegen der Kinder klassisch mit Baum und so. Ich habe den Kindern kleine Geschenke mitgebracht. Und dann wurde die Verbindung gemacht, und ich war plötzlich diese kinderfreie Tante. … Es fühlte sich an, als ginge es gar nicht mehr darum, wer ich bin, es war einfach diese Rolle. Und, das muss ich sagen, das war für mich sehr emotional. Ich war auf einmal wie verschwunden. Nur noch die Rolle, das Klischee, die kinderlose Tante, die Süssigkeiten bringt. Unglaublich, das ist jetzt die nächste Generation – und diese Kinder erleben dasselbe wie ich damals.
Keine Wahl …
Und was, wenn der Körper nicht will? Was, wenn es eben nicht meine Entscheidung ist? Weil der Körper in weiser Voraussicht, dass eine Schwangerschaft ihn an den Rand seiner sowieso schwindenden Kräfte bringen würde, nicht zulässt, was ich mir wünschte. Oder ist es doch meine bewusste Entscheidung gegen eine Schwangerschaft, gegen ein Kind? Im Wissen, dass ich das meinem unentwegt um mein Überleben kämpfenden Körper nicht zumuten kann – oder gar darf. Weil die Gesellschaft einer Frau mit Behinderungen den Kinderwunsch eben gar nicht zugesteht. «Ihrer Gesundheit wegen», würden die Ärzt*innen sagen. «Deiner Verantwortung wegen, kein unnötiges Leid zu (er) zeugen», die Gesellschaft. «Deiner Lebensqualität wegen», meine Familie. «Meines Partners wegen», würde ich sagen – wissend, dass ich immer öfter zu krank bin, um für mich selbst sorgen zu können.
Ich bin mit mehreren Geschwistern aufgewachsen, kann mir ein Haus ohne Kindergeschrei und Rumgepampe über Hausaufgaben und verschwundene Klaviernoten eigentlich gar nicht vorstellen. Wenn meine Freund*innen und ich über die Zukunft sprechen, erwische ich mich beim Gedanken daran, wie unsere Kinder später einmal zusammen spielen werden – best friends in zweiter Generation. Aber dass ich zu dem Kinderreigen beitragen werde, ist eher unwahrscheinlich. Ob ich das Alter erreiche, in dem meine Freund*innen Eltern werden, trauen sich die Ärzt*innen nicht zu sagen, traue ich mich kaum zu denken. Und so wurde aus «Wehe, du machst mich zum Opa, bevor ich 50 bin!» zuerst «Langsam könnte mal das erste Enkelkind kommen!» und schliesslich Stille. Weil die Liste der seltenen Diagnosen länger, die der Lebensziele immer kürzer wurde. Ich werde wohl – so rede ich mir ein, sei es am vernünftigsten – immer die coole Tante mit dem bunten Leben bleiben. Besser als die Mama, die im Wissen um die eigene medizinische Ausweglosigkeit ein Kind in die Welt gesetzt hat, um noch weiterzuleben, wenn sie schon bald nicht mehr ist.
Weil ich eben nicht entscheiden kann, sondern es definitiv die eine Antwort auf die Frage nach Kindern gibt: Nein. Aus so vielen Gründen und Perspektiven. Ich bin 25. Ich denke grade wenig an Kinder – und doch hätte ich gerne die Wahl.
Laura Glas