Ausgabe 2024/4

Kinderlos oder kinderfrei

Teil 2 / 9
© Moni Egger: Letztes Menstruationsblut, Kohle und Kreide auf Papier
Publiziert 07.06.2025

Niemand von uns hier am Tisch hat eigene Kinder. Wie würdet ihr euch bezeichnen, kinderlos oder kinderfrei?

Veronika J.: Für mich würde ich sagen: drei Viertel kinderfrei und ein Viertel kinderlos. Weil, eigentlich fühle ich mich gut, so wie es ist, je länger je mehr. Aber manchmal gibt es Momente, da fühlte ich mich doch «kinderlos», wie wenn da etwas fehlt.
Sr. Ingrid: Der Begriff «kinderfrei» ist für mich relativ neu. Ich hätte bis jetzt gesagt, ich bin kinderlos. Ich habe halt einfach keine Kinder. Aber … kinderfrei, das deutet schon an, dass Kinder auch belastend sein können oder mich daran hätten hindern können, mein Leben so zu gestalten, wie ich es getan habe.
Susanne: Ich würde sagen, ich bin kinderlos kinderfrei geworden. Das heisst für mich, dass ich erst eine «Lücke» gespürt habe und mich jetzt «ganz» fühle.
Rifa’at: Für mich ist kinderlos ein neutraler Begriff. Es wäre mir noch nie in den Sinn gekommen, mich als kinderfrei zu bezeichnen. Ich habe einfach keine Kinder. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich zu einer anderen Generation gehöre.

Warum keine Kinder? Mögt ihr kurz erzählen, wie es dazu kam, dass ihr keine Kinder habt?
Sr. Ingrid:
Ich bin in einer grossen Familie als Älteste von sieben Kindern aufgewachsen. Manchmal denke ich, ich habe meine Muttergefühle damals schon ausgelebt. Zwischen mir und meiner jüngsten Schwester liegen fünfzehn Jahre. Später bin ich dann ins Kloster gegangen, darum ist ja klar, dass ich keine Kinder habe. Aber ich bin natürlich nicht deswegen ins Kloster eingetreten, weil ich keine Kinder wollte, sondern, weil mich das Klosterleben angezogen hat. Andererseits … ich hatte bei meiner Mutter schon bemerkt, wie anstrengend es ist, so viele Kinder zu haben. Beim Eintritt ins Kloster war mir jedenfalls sehr bewusst, dass dieser Entscheid bedeutet, dass ich keine Kinder haben werde. Das war für mich aber kein Opfer. Ans schwangerwerden hatte ich nie gedacht. Der Verzicht auf Partnerschaft hat mich viel mehr beschäftigt. Nicht nur beim Eintritt, auch später. Rifa’at: Für mich und mein Umfeld war Kinderhaben gar keine Frage. Es war selbstverständlich. Aber als Kind habe ich unter den anderen Kindern immer sehr gelitten. Sie haben mich geplagt, weil ich eine Hörbehinderung habe. Kinder können ziemlich grausam sein. So hatte ich auch später nicht wirklich Sehnsucht nach eigenen Kindern. Bis heute tue ich mich vor allem mit kleinen Kindern schwer, weil ich sie wegen meiner Hörbehinderung nur schlecht verstehe. Trotzdem fanden mein Mann und ich es irgendwie schade, dass wir keine Kinder bekommen konnten. Für unsere Beziehung war das aber sicher einfacher. Ich bin Muslimin mit pakistanisch-kulturellem Hintergrund, mein Mann ist Schweizer. Bei anderen bi-kulturellen Paaren habe ich gesehen, wie viel Konfliktpotential in Erziehungsfragen liegt. Es hätte die Beziehung enorm belastet, wenn wir uns dauernd darüber hätten verständigen müssen. Ich hatte ganz andere Vorstellungen als er.

«Für mich ist kinderlos ein neutraler Begriff. Es wäre mir noch nie in den Sinn gekommen, mich als kinderfrei zu bezeichnen.»
Rifa’at Lenzin

Susanne: Ich dachte immer, dass ich Familie haben werde. Oder … nein, ich glaube, eigentlich dachten das eher die anderen von mir. Bei meiner Mutter empfand ich das so, sie war sich sicher, dass ich eine gute Mutter würde: Karriere als Hausfrau und Mutter. Ich meine, praktisch begabt wie ich bin – die ideale Hausfrau … (alle lachen) … Das stand für mich irgendwie fest, und das habe ich nie hinterfragt. Aber als ich dann in einer festen Beziehung war und mein Partner seinen Familien- und Kinderwunsch äusserte, da stieg ein starkes Bild in mir auf. Es gab eigentlich keinen Grund «nein» zu sagen, aber gleichzeitig war da dieses Bild: Wenn ich jetzt «ja» sage zu Kindern, dann werde ich mit vierzig ausbrechen und alle verlassen – und das will ich den Kindern nicht antun. Das war sehr stark. Die Beziehung ging später auseinander. Der nächste Partner war angehender Arzt und wünschte sich eine grosse Familie, er sprach immer wieder von sechs Kindern (die andern raunen hörbar). Ich hatte in der Zwischenzeit mein Studium abgeschlossen und einen spannenden Beruf. Für mich war klar, dass wir die Betreuung 50/50 bez. 40/60 regeln müssen. Aber er sagte, er könne in seinem Beruf nicht reduzieren. «Na gut,» sagte ich, «dann machen wir halt fünf Tage Krippe, kein Problem.» Aber er fand, das gehe nicht und meinte: «Wenn das Kind dann da ist, dann schaffen wir das schon.» Aber ich habe gemerkt: «Nein, dann schaffen wir’s bestimmt nicht.» (Zustimmendes Gemurmel der anderen.) Auch diese Beziehung ging auseinander. In der nächsten Beziehung wollte ich Kinder, ich hätte es mir vorstellen können. Wahrscheinlich auch, weil ich mit 40 Jahren keine Zeit zum «Aufschieben» mehr hatte. In dieser Beziehung hätte ich mir also ein Kind gewünscht, aber es hat nicht geklappt. Rückwirkend glaube ich, ich habe mich irgendwie nie wirklich für oder gegen Kinder entschieden. Alle Beziehungen sind nicht wegen dem Thema Kinder in die Brüche gegangen. Inzwischen war ich 41 und wieder Single. Da habe ich mitleidige Blicke geerntet. Ich merke erst jetzt so langsam, wie stark dieser Sog ist, der Sog zum sogenannt «normalen Weg». Das sagt ja niemand, es ist ja scheinbar für alle eine freie Entscheidung – aber die gesellschaftliche Erwartung ist so stark, eben ein Sog. Das merke ich erst jetzt, wo ich aus diesem Sog rausgefallen bin. Ich bin völlig ok mit der Situation, wie sie ist, und als Nebeneffekt lebe ich den Nichten und Neffen vor, dass es auch einen anderen Lebensweg gibt. Sonst hätten wir ihnen in unserer Familie einfach wieder diesen «normalen Weg» vorgelebt.
Veronika J.: Ja, das denke ich auch. Kinder haben zu wenig Vorbilder für diese Lebensweise. Ich bin gerade erst 39 geworden und Single. Und ich fühle mich sehr ähnlich, wie du das geschildert hast, Susanne. Früher habe ich es selbst als normal angesehen, Kinder zu haben. Ich bin katholisch aufgewachsen und war auch recht religiös. Heiraten, Kinder, Haus, das war so meine Schiene, da habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Und dann ging meine Ehe zu Ende, just in dem Moment, als wir uns entschieden hatten, Kinder zu bekommen. Und auch bei späteren Trennungen war diese Frage mit beteiligt, denn zusammen Kinder haben, heisst ja auch, sich voll zu committen. Das wird mir jetzt erst Jahre danach bewusst. Jedenfalls war ich danach länger in einer Beziehung mit einem älteren Mann, der schon zwei erwachsene Kinder hatte. Er hat von Anfang an klargestellt, dass er keine weiteren Kinder möchte. Er war der erste Mensch, der offen über die Schwierigkeit – also er liebt seine zwei Söhne über alles, sie haben eine tolle Beziehung – aber, der offen darüber gesprochen hat, was für ’ne Mühe Kinder sind. Also, dass Kinderhaben nicht einfach nur «das Schönste auf der Welt» ist, sondern auch enormen Aufwand bedeutet. Da habe ich zum ersten Mal wirklich darüber nachgedacht, dass es auch andere gute Wege gibt, als Kinder zu bekommen. Auf dem Weg hierher habe ich dieses Buch zu Ende gelesen: «Die Uhr, die nicht tickt» von Sarah Diehl. Und jetzt denke ich plötzlich: «Vielleicht hab’ ich tatsächlich keinen Kinderwunsch!» Im Buch kommt aber auch das Thema «späte Reue» vor. Das wollte ich euch in diesem Gespräch unbedingt fragen, wie das bei euch ist. Vor allem ihr beide, Rifa’at und Sr. Ingrid, ihr seid ja schon ein bisschen weiter im Alter. Für mich hatte es bisher immer etwas Erleichterndes, zu denken «du hast ja noch Zeit».


Faktisches

Im Verhältnis zur ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz ist die Zahl der Geburten so tief wie noch nie. Eine Erhebung des Schweizerischen Bundesamts für Statistik von 2018 zeigt, dass 8,8% der 20- bis 29-Jährigen keine Kinder möchten. Bei Frauen mit Tertiärabschluss (höhere Berufsausbildung oder Hochschulabschluss) macht der Anteil der Kinderlosen 31% aus, während er bei Frauen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II oder ohne nachobligatorische Ausbildung 20% beträgt (https://www.bfs.admin.ch/ asset/de/10428253). Ein Blick in Statistiken weltweit zeigt, dass die Bevölkerungszahlen fast überall stagnieren oder rückläufig sind. Es ist nur von Frauen die Rede, weil statistische Erhebungen immer noch mit binären Geschlechterkonzepten arbeiten.

Was Zahlen jedoch nicht erzählen können, sind die Gründe für die verschiedenen Lebensentwürfe. Jedenfalls ist die bewusste Entscheidung für ein Leben ohne Kinder ein jüngeres Phänomen und keineswegs mehr auf ein klösterliches Leben beschränkt. Umgekehrt gilt auch das Kinderbekommen als bewusste Entscheidung, vor allem in Wohlstandsgesellschaften. Entsprechend ausdifferenziert ist der Markt der Möglichkeiten von Kinderwunschbehandlungen.

Geneva Moser