Ausgabe 2024/4

Resonanz und Zugehörigkeit – bis zuletzt

Teil 9 / 9
© Moni Egger: Letztes Menstruationsblut, Kohle und Kreide auf Papier
Publiziert 07.06.2025

Susanne: Da möchte ich gerne anknüpfen. Je mehr ich mir dessen bewusst werde, dass ich immer in Verbundenheit bin mit Menschen um mich herum, mit mir selbst, mit der Natur, mit der Welt – nur schon, indem wir einatmen und ausatmen und essen und ausscheiden und reden und zuhören – je mehr ich mir dessen bewusst bin, desto wohler fühlt es sich an. Und das … meine ich jetzt auch für diesen ganz anderen Zustand, nach dem Tod, also, die zwischenmenschliche Resonanz verliert man dann wahrscheinlich, denke ich, aber das Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit wird so stark … das Loslassen wird einfacher, alles kann übergeben werden, tritt in den Hintergrund. So stelle ich mir das vor, dann, dass ich in das grosse Ganze wieder eingefügt werde. Und das fühlt sich gut an.
(Stille)

Spannend. Jetzt sind wir bei der Mystik gelandet. Diese Erfahrung vom Eingebundensein hat eine mystische Komponente – und ist doch auch gleichzeitig eine ganz alltägliche Erfahrung. Wollen wir da noch hinschauen: Wo erlebt ihr euch als Teil von etwas Ganzem? Von Familienstrukturen, Beziehungen, Räumen, Orten …

Veronika J.: Ich habe eher eine Urerfahrung von «zu viel»: zu viel Familie (auch wenn sie klein ist), zu viel Nähe, zu viel Anspruch, zu viel Zuspruch, zu viel, zu viel, zu viel. Für mich ist die Bewegung im Moment darum eher: Abgrenzen, Raum schaffen, damit ich mich selbst überhaupt erst mal wahrnehmen lernen kann. Es war kein bewusster Entscheid, ich habe das auch nicht reflektiert, aber es ist wohl kein Zufall, dass ich hier in Zürich bin und meine Ursprungsfamilie in Wien. Nichtsdestoweniger gibt es aber auch eine Reihe von Orten, wo ich mich zugehörig fühle. Da gehört auch meine Familie dazu. Mit ihr bin ich fest verbunden, und das will ich auch. Das ist auch schön. Zugehörigkeit erlebe ich auch in guten Arbeitsbeziehungen. Auch wenn es ein Abwägen bleibt, weil es ja professionelle und keine privaten Beziehungen sind, erlebe ich in der Zusammenarbeit doch auch eine Resonanz, die mir gut tut. Oder mit meinen Patinnenkindern. Es ist sehr schön, sie regelmässig zu sehen. Vor allem das Patinnenkind, das in Zürich lebt. Dieses sehe ich fast jede Woche. Das Patinnenkind in Wien aber natürlich viel seltener. Das würde ich sehr gerne mal erleben: beide Patinnenkinder zusammen an einem Ort zu haben und dann ein Foto mit ihnen zu machen. Hingegen bei der Kirche … da hatte ich dieses Zugehörigkeitsgefühl auch einmal, aber da fühle ich inzwischen kaum mehr Resonanz.
Rifa’at: Das mit der «Kirche» ist bei mir genau andersherum. Wir hatten eine kleine pakistanische Community hier, ein paar Familien, viele sind inzwischen gestorben. Die anderen muslimischen Gemeinschaften sind meistens balkanisch oder türkisch geprägt. Früher war ich ihnen gegenüber eher auf Distanz bedacht – und umgekehrt. Ich wollte mich nicht vereinnahmen lassen. Aber jetzt merke ich doch, dass es da Akzeptanz und Wertschätzung gibt. Und das ist schön. Ja, das ist ein schönes Gefühl, wenn man in meinem Alter jetzt doch noch merkt, dass irgendwie nicht alles für die Katz’ war, was man gemacht hat, sondern dass mir auch in der weiteren muslimischen Community Wertschätzung entgegenkommt. Das ist eine schöne Erfahrung.

«Ich glaube, dass ich angenommen bin, als einmalige Schöpfung.»
Sr. Ingrid Grave

Sr. Ingrid: Ich war ja mein ganzen Erwachsenenleben lang in eine Gemeinschaft eingebunden. Aber natürlich war da nicht jede einzelne Mitschwester auf meiner Linie. Und doch habe ich immer wieder Menschen getroffen, die ähnlich denken wie ich. Das gab dann eine gute gemeinsame Grundlage. Und so glaube ich, sind wir doch ein bisschen vorangekommen. Auch wenn ich manchmal fast nur noch das Negative sehe. Diese ganze Schufterei für die Kirche. Und was hat es gebracht? Aber so war es vielleicht schon immer? Vielleicht denkt das jede Generation? Aber eigentlich glaube ich doch, dass mittendrin wohl, hoffentlich, etwas Unsichtbares wächst. Es bewegt sich ja immer etwas. Das gibt mir eine gewisse Bestätigung, dass nicht alles total falsch war, was ich im Leben gemacht habe. Und so werde ich wohl doch noch irgendwie in die selige Ewigkeit gelangen … (alle lachen). Wie auch immer die dann aussieht … (lacht) Also, Himmel, Hölle, Fegefeuer, das habe ich alles längst hinter mir. Aber ja, wie du vorher gesagt hast, Susanne: Wir gehen in etwas Ganzes ein. Ich glaube daran, dass ich das wirklich als Ich, als Individuum tun werde. Ich glaube, dass ich angenommen bin, als einmalige Schöpfung. Und wenn ich darin mein Bestes getan habe, und auch wenn anderes noch mangelhaft war … Der Rest ist Barmherzigkeit. Ich kann ja gar nicht immer alles richtig machen. Das geht gar nicht. Ich kann gar nicht mein ganzes Können, mein ganzes Wesen voll ausschöpfen. Aber ich vertraue darauf: Wenn Gott wirklich so gross ist, dann ist auch Gottes Barmherzigkeit gross!
Rifa’at: Sehr koranisch! Im Koran steht, das Einzige, wozu Gott sich den Menschen gegenüber verpflichtet, ist Barmherzigkeit!
Sr. Ingrid: Das ist ja wunderbar! Jetzt glaube ich es erst recht! (alle lachen)


Kinderlos in der Bibel – am Beispiel von Hanna

Kinder und Nachkommenschaft oder Vorfahren und Nachfahren sind ein wichtiger Lebensbereich. Wie etwa auch Ernährung und Hunger, Sicherheit und Bedrohung oder Gemeinschaft und Isolation werden darum Kinderlosigkeit und Elternschaft in der Bibel oft thematisiert. Viele biblischen Paare sind zuerst kinderlos. Dies wurde in der deutschsprachigen Bibelwissenschaft bis in die jüngere Zeit fast ausschliesslich als Problem der Frauen beschrieben, das keine grössere Bedeutung hat: «Frauen sind halt so, die wollen halt Kinder». Wenn der sozialgeschichtliche Kontext dazu genommen wurde, erhielt der Kinderwunsch eine gewisse objektive Legitimität: «Kinder sind wichtig als soziale Absicherung im Alter.» Gegen letzteres ist nichts einzuwenden. Aus meiner Sicht viel wichtiger ist jedoch die theologische und politische Dimension von Nachkommenschaft. Diese ist nicht geschlechtsspezifisch zugeordnet. Meist sind es aber die Frauen, die genau wissen, wann und inwiefern Nachkommen nötig sind. Das skizziere ich an Hanna, mit deren Geschichte die Samuelbücher beginnen.

Labile Verhältnisse

Nachdem in der Bibel der Auszug aus Ägypten und der Weg ins eigene, gelobte Land geschildert wurde, erzählen die Bücher Josua und Richter, wie sich das Leben in diesem Land gestaltet. Vor allem im Buch der Richter zeigt sich eine klare Struktur, ein Kreislauf, der sich mehrmals wiederholt. Vereinfacht: Eine Führungspersönlichkeit (ein Richter oder eine Richterin) tritt auf, das Volk lebt so, wie es Gott gefällt, alles ist gut. Die Führungspersönlichkeit stirbt, das Volk orientiert sich nicht mehr an Gott, alles geht bachab. Bis wieder eine neue Führungspersönlichkeit auftritt und der Kreislauf von neuem beginnt. So kann es nicht weitergehen. Und so geht es auch nicht weiter. Dies erzählen die darauffolgenden Samuelbücher. Mit Samuel tritt eine Führungspersönlichkeit auf, die auf Gott hört und diese Verantwortung zunächst an Saul, danach an David weitergibt. Gemäss der biblischen Erzählung folgen jetzt stabilere Zeiten.

Hanna weiss, was es braucht

Am Anfang dieser Stabilisierung steht Hanna. Sie ist zwar die Lieblingsfrau ihres Mannes, aber Peninna, seine zweite Frau, bekommt ein Kind nach dem anderen, während Hanna kinderlos bleibt. «Bin ich dir nicht mehr wert, als sieben Söhne?» versucht ihr Mann Elkana sie zu trösten. Aber nein, das ist er nicht, denn es geht um etwas anderes. Hanna begibt sich ins Heiligtum und betet inbrünstig um ein Kind: «Wenn du mir ein Kind schenkst, Gott, dann soll dieses Kind in deinem Dienst stehen!», schwört sie. Es geht nicht (nur) um ihr persönliches Glück. Es geht um etwas grösseres. Tatsächlich bekommt Hanna wenig später einen Sohn: Samuel. Sie behält ihn bei sich, bis er abgestillt ist. Dann bringt sie ihn ins Heiligtum, wo er eine religiöse Ausbildung absolviert. Auf dem Rückweg singt Hanna ein Loblied auf die Macht und Grösse Gottes (1Samuel 2,1-10). Kinderlosigkeit resp. Kinderhaben ist darin nur ein Randthema, überhaupt geht es nicht um Hannas persönliches Empfinden, sondern um die Umkehrung der Verhältnisse: Gott schafft Gerechtigkeit. Dieses Lied der Hanna dient übrigens als Vorbild für das Magnifikat, das zu Beginn einer anderen «Stabilisierungsgeschichte» Maria singen wird (Lukas 1,46-55). An Hannas Geschichte zeigt sich also einmal mehr das Miteinander von Menschen und Gott hin zu einer stabilen, guten Ordnung. Später, so heisst es, kümmert sich Gott auch noch persönlich um Hanna, und sie bekommt drei weitere Söhne und zwei Töchter.

Moni Egger