Ausgabe 2024/4

Was geben wir weiter?

Teil 8 / 9
© Moni Egger: Letztes Menstruationsblut, Kohle und Kreide auf Papier
Publiziert 07.06.2025

Kinder bekommen hat auch damit zu tun, etwas weiter zu geben von sich selbst. Du, Rifa’at, hast das vorhin ja auch erwähnt «Jetzt ist irgendwie fertig.» Wie lebt ihr damit? Wie ist das für euch? Was gibst du weiter? Was lebt von dir weiter?

Sr. Ingrid: Das Thema Generationenfolge ist in der Schwesterngemeinschaft sehr aktuell. Unser Durchschnittsalter liegt bei 80 Jahren. Ich bin ja auch schon über 80. Was geben wir jetzt eigentlich weiter? Wir haben da oft darüber diskutiert. Alles, was unsere Ordensgemeinschaft früher geleistet hat, brauchen wir nicht mehr machen: Sozialarbeit ist organisiert, Schulbildung für Mädchen ist organisiert. Das war früher nicht. Ja, was geben wir weiter? Geben wir Spiritualität weiter? Und welche? Oder auch ganz konkret, was geben wir in Ilanz in der Umgebung weiter? Die schöne, moderne Kirche mit der grossen Anlage – was passiert mit ihr? Da sind viele offene Fragen. An diesen Fragen sind wir dran. Das letzte Projekt, welches wir umgesetzt haben, hat vor drei Tagen begonnen: Wir haben in unserem dicken Gebetbuch – das heisst «Antiphonale» und ist sprachlich noch von alter Sorte, da steht noch überall «der Herr» für Gott, also, da hab ich gesagt: «Wir können doch auch sagen ‹Frau Gott›» –
Veronika H.: … um ‹Gottes Willen!› (alle lachen)
Sr. Ingrid: … also, jetzt haben wir das wirklich geschafft, da eine Änderung umzusetzen! In einer kleinen Arbeitsgruppe haben wir mit Bleistift überall, wo es von der Melodie her passt, das Wort «Herr» ersetzt mit «Gott». Manche fanden das wirklich verrückt! Aber seit letztem Samstag singen wir jetzt immer so, wie wir es korrigiert haben. Damit unser Bewusstsein sich verändert. Ich habe das sehr gepusht. Aber man kann sich schon fragen, wem das etwas nützt. Wir haben ja keine Kinder, denen wir das weitergeben. Und trotzdem finde ich es wichtig, und ich merke, dass auch andere es wichtig finden bei uns. Es ist ein mühsamer Prozess, aber wir sind jetzt eingestiegen.
Veronika H.: Ganz kurze Klammer: Wem das nützt? Also mir nützt das sehr! Weil mir diese kleine Änderung im Gebetsbuch Hoffnung macht, wenn ich das höre. Dass sich Menschen so auf den Weg machen! Klammer zu.
Sr. Ingrid: Vielen Dank. Das wiederum nützt mir was! Also ja, unsere Aufgabe ist es, uns Gedanken zu machen und Versuche zu wagen. Ob das dann etwas wird … Also ich träume, dass sich in unserer Klosterkirche vielleicht noch eine kleine Gruppe bildet, vielleicht so ein paar kirchliche Mitarbeiterinnen, die spirituell wirklich gut auf dem Weg sind, für eine neue Zeit, für Menschen, die mit Kirche nichts mehr zu tun haben … aber die sind deswegen ja nicht ungläubig, oder abtrünnig und all das. Davon träume ich.
Veronika J.: Wenn du gesagt hast, man weiss nicht, was draus wird: Man weiss es bei Kindern auch nicht. Man weiss nicht, wie sich diese Menschen entwickeln. Und wie viele Tage sie auf der Welt bleiben werden.

Rifa’at, du hast ja in der Schweiz für den interreligiösen Dialog enorm viel geleistet und erreicht. Was bleibt davon, wenn du nicht mehr bist?

Rifa’at: Also zuerst vielleicht noch eine Stufe vorher: Die Kinderlosigkeit bringt es natürlich auch mit sich, dass man mehr Zeit hat für andere Dinge. Vieles wäre nicht möglich gewesen, wenn ich mich hätte um Kinder kümmern müssen. Ich glaube, das muss man ganz nüchtern sehen. Es gibt ja ein paar grosse Orientalist- und Islamwissenschafterinnen, von denen ist, so viel ich weiss, keine auch nur verheiratet, und von Kindern keine Rede.
Was ich weitergebe? Es ist eine berechtigte Frage, nach so vielen Jahren. Was hat man erreicht? Aber auch: Muss man überhaupt etwas erreichen? Ich weiss nicht. Zum Glück gibt es immer wieder Leute, die neu dazustossen. Sie stellen die Fragen, die wir vor 20 Jahren schon gestellt haben. Wir verdrehen dann innerlich die Augen. Aber es ist legitim. Das muss man akzeptieren, dass jede Generation ihre Erfahrungen machen kann, darf. Wir haben im interreligiösen Think-Tank einen Leitfaden für den interreligiösen Dialog erstellt, damit nicht alle in dieselben Fettnäpfchen treten müssen wie wir auch schon. Aber vielleicht ist es wie mit der heissen Herdplatte: Erst wenn man sie selbst angefasst hat, glaubt man, dass sie wirklich heiss ist. Es ist schon eine grosse Befriedigung zu sehen, was wir alles gemacht haben. Aber ob das der nächsten Generation nützt? Es sind ja auch immer andere gesellschaftliche Bedingungen.
Damals, bei der Minarett-Initiative, als in einer Volksabstimmung der Bau von Minaretten verboten wurde, hatten sich die Kirchen und interreligiöse Kreise im Vorfeld extrem engagiert – und es hat nichts gebracht. Das war eine grosse Ernüchterung. Was müsste man tun, um gesellschaftlich wirksamer zu sein? Es gibt keine Antwort, wir müssen einfach dranbleiben. Heute geht es ganz konkret um die Rechte von Minderheiten. Da sind die Grenzen des Dialogs erreicht. Jetzt geht es um gesellschaftliche Teilhabe, das Verhandeln von Rechten und Pflichten.

Und ihr, Susanne, Veronika, wie blickt ihr auf diese Frage «was gebe ich weiter»?

Susanne: Man vergisst manchmal, dass das mit dem «Weitergeben» in Familien ja durchaus auch eine problematische Seite hat. Kinder nehmen von ihren Eltern auch schwierige Eigenschaften oder Erfahrungen mit. Da fühle ich mich freier. Wer von mir etwas mitnimmt, macht das hoffentlich freiwillig. Aber ja, das sage ich jetzt von meinem aktuellen Standpunkt aus. Ich weiss ja nicht, wie das ist, wenn ich … Sr. Ingrid: … wenn du mal in meinem Alter bist … Susanne: … wenn ich jemals dein Alter erreiche!
Sr. Ingrid: Ich bin jetzt 87, nur damit das alle wissen. (lacht laut) Susanne: Also, ich weiss nicht, wie sich das anfühlt, wenn ich 87 bin. Aber irgendwie habe ich nicht das Gefühl, … hmm … dass mein Leben … an dem Sinn gewinnt oder Sinn verliert, was zurückbleibt. Ist nicht das wichtiger, was einfach gelebt wird? Ich glaube, dass das auf irgendeine Art und Weise weitergetragen wird. Ich habe das Gefühl, dass ich dann, wenn’s so weit ist, ganz entspannt anderen das Feld überlassen kann.
Veronika H.: Ich finde es auch spannend, dass man bei dieser Frage immer direkt an positive Dinge denkt … (allgemeine Zustimmung) Also, ich bin zum Beispiel froh, dass ich meine Zähne nicht weitergebe … (Gelächter)
Menschen bekommen in der Regel auch Dinge mit von ihren Eltern, an denen sie sich abarbeiten müssen, manchmal ein Leben lang. Nicht nur, aber gerade auch beim Thema «transgenerationales Trauma».

«Menschen bekommen in der Regel auch Dinge mit von ihren Eltern, an denen sie sich abarbeiten müssen, manchmal ein Leben lang.»
Veronika Henschel

Sr. Ingrid: Das geht mir auch oft durch den Kopf, jetzt, mit den aktuellen Kriegen: An Kriegserfahrungen muss man sich auch abarbeiten. Ich weiss, das passt jetzt nicht genau zur Frage, aber als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, da habe ich oft ganz schlecht geschlafen, weil die Erinnerungen hochkamen, wie das damals war im Krieg in meiner Kindheit in Deutschland. Obwohl wir nicht im Kriegsgebiet gelebt haben und keine Flüchtlingsfamilie waren. Wir hatten sehr viel Glück gehabt da in diesen Dörfern … aber trotzdem, man kriegt so viel mit. Jetzt denke ich immer an alle, die nicht so viel Glück haben. Die armen Kinder! Die Eltern, deren Söhne tot nach Hause getragen werden …
(Stille)
Das wird ja auch weitergegeben. Ich merke es an einzelnen Mitschwestern meiner Generation: Jetzt wo sie alt sind, kommen die Erinnerungen aus der Kindheit hoch. Von Flucht und so. Das hat man sonst gar nicht gemerkt.
(Stille)
Veronika J.: Wenn wir bei dem Thema Flucht sind, habe ich das Gefühl, dass da bei meiner Familie auch einiges da ist, was jetzt wiederum mich beschäftigt. Mein Grossvater war zehn Jahre alt, als er fliehen musste. Das war in meiner Familie zwar immer bekannt, aber doch eigentlich kein grosses Thema. Das kommt mir schon auch nahe, jetzt, in dieser Situation.
Im Zusammenhang mit der Frage, was ich weitergebe oder was von mir bleibt, wenn ich nicht mehr bin, sind für mich zwei Stichworte wichtig: Bewusstsein und Resonanz. Es gibt mir Hoffnung, wenn ich mir vorstelle, dass es so etwas wie ein Bewusstsein gibt, das lebt und sich entwickelt und in das wir alle … eingewoben sind. Das ist natürlich nur ein Bild. In dieses Gewobene geben wir alle etwas hinein und nehmen auch etwas heraus. Ich fühle mich als Teil von einem Netz, von etwas Grossem. Das hat sicher mit den Erfahrungen zu tun, die ich als Seelsorgerin bei Sterbebegleitungen gemacht habe. Ein Gefühl von: «Du gibst sehr viel weiter, und du gibst nichts weiter, es ist alles und nichts, was zählt im Leben.» Nehmen und geben oder immer mehr auch fliessen.
Und Resonanz gehört auch dazu. Ich möchte mich selbst ja eigentlich freier machen von diesem Bezug auf einen Menschen, einen Mann, aber trotzdem gehört Verbundenheit wesentlich dazu. Es ist wie ein Urvertrauen, immer in Resonanz mit anderen, vielleicht auch ein Getragensein.


Zum Begriff „kinderfrei“

«I’m not childless, darling. I’m childfree.» Ich bin nicht kinderlos, Liebling. Ich bin kinderfrei. – Zugeschrieben wird dieses Bonmot Tallulah Bankhead, einer der grossen US-amerikanischen Schauspielerinnen der 30er und 40er Jahre. Das Wort «kinderfrei» ist also keine Erfindung der heutigen Zeit, keine Errungenschaft der 68-er Generation oder der feministischen Bewegung der 1980er-Jahre. Wer sich auf die Spur dieses Begriffes macht, wird durch die Jahrzehnte immer wieder punktuell fündig: 1972 erschien ein Artikel im Time-Magazine zur Gründung der «National Organization for Non-Parents» der den Begriff nutzt; in der feministischen Bewegung der 1970er-Jahre sei der Begriff geläufig gewesen, sagt Wikipedia; Anfang der 1990er-Jahre rezensiert ein Artikel der «Zeit» das neu ins Deutsche übersetzte Buch der US-amerikanischen Autorin Susan Lang «Wir Frauen ohne Kinder», welches den Begriff der Kinderfreiheit ebenfalls nutzt1. Die bekannte Radiosendung «On Point» machte im Jahr 2013 unter dem Titel «The choice to be childfree» Kinderfreiheit zum Thema. So richtig etabliert hat sich der Begriff aber im deutschen Sprachraum nicht. Die Pionierin der feministischen deutschen Sprachwissenschaft, Luise Pusch, schreibt im Jahr 2014, gegenüber dem Begriff wolle sie «Bedenken anmelden»: «Zwar gönne ich gestressten Eltern jede Menge ‘kinderfreie Wochenenden’, aber freiwillige Nicht-Eltern als ‘kinderfrei’ zu bezeichnen, ist unzart gegenüber dem zarten Kindergemüt. Kinder haben was Besseres verdient.»2 Also unzart und nutzlos? Gerade in den letzten Jahren tauchen Fernsehsendungen, Blogs und Netzwerke auf, die das Potential dieses Begriffes nutzen: Die Betonung der Wahlmöglichkeit, die Entstigmatisierung von (insbesondere weiblichen) Lebensentwürfen ohne Kinder, die Freiheiten und die Erfüllung, die auch oder gerade ohne Kinder möglich sind. Einen Anfang solchen Empowerments machte die deutsche Autorin Sarah Diehl mit ihrem Buch «Die Uhr, die nicht tickt» (2014). Ihr Engagement für reproduktive Selbstbestimmung bringt Sarah Diehl immer wieder auf die Formel: Vertraut den Frauen. Ob es nun um Abtreibung, gewollte Kinderlosigkeit, queere Elternschaft oder um einen Kinderwunsch geht: Menschen mit Uterus entscheiden selber. Und es braucht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, um diese Entscheidung treffen zu können.

Geneva Moser


1 https://www.zeit.de/1993/03/kinderlos-kinderfrei
2 https://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/kinderlos-oder-kinderfrei/