Ausgabe 2025/1

Aufgewacht

Wie bist Du eigentlich zur Feministin geworden? Das fragten wir uns gegenseitig in der FAMA-Redaktion. Wir alle können uns an Erlebnisse erinnern, die uns feministisch, theologisch, politisch aufgeweckt haben. Die Erweckungserlebnisse der FAMA-Redakteurinnen.

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© Wir alle im Stadtgewimmel, Orlanda Verlag
von Jeannette Behringer, Moni Egger, Amira Hafner-Al Jabaji, Laura Klingenberg, Veronika Jehle, Sabine Scheuter, Simone Rudiger, Veronika Henschel, Christine Stark, Geneva Moser / 26.05.2025

Christine Stark, *1971
«Wake me up, before you gogo» ist ein unsäglicher Ohrwurm aus den 80ern, der Zeit meiner Pubertät, in der mein ganzes Ich erwachte. Rückblickend albtraumartig wurde ich zunehmend unglaublich unlogischer Rollenerwartungen gewahr. Warum nochmal sollte ich plötzlich schlechter in Physik sein als Menschen ohne Brüste? Und warum blieb ich darin trotz Mens richtig gut? Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer trieben zum Weiterdenken an. Und so lasen, dachten und diskutierten meine Freundin Julia und ich uns so richtig wach.

Moni Egger, *1976
Ich hatte das Glück, in einem feministischen Haushalt aufzuwachsen. Wobei ich als Jugendliche an diesem Glück ganz schön gelitten habe. Was mir daheim vorgelebt wurde und was ich in der Schule erlebte, passte in keiner Weise zusammen. Ich war 15 und ziemlich zerrissen. So wie die Mädchen in der Schule wollte ich auf keinen Fall sein: Beinenthaarung, Schmink- und Abnehmtipps interessierten mich nicht. Mein Körper hatte sich schon früh – für mich viel zu früh – verändert. Ich fühlte mich nicht wohl darin. 1991 nahm meine Mutter mich mit zum Frauenstreik. Was für ein Tag! Frauen, Frauen, Frauen … so unterschiedlich, wie sie halt sind. Ich fühlte mich aufgehoben, zugehörig – ein ganz neues Gefühl!

Sabine Scheuter, *1965
Es geschah in einer Projektwoche am Gymnasium zum Thema Körpersprache. Unsere Gruppe musste sich in zwei Reihen aufstellen, die Mädchen auf der einen und die Jungs auf der anderen Seite des Raumes. Dann sollten wir die Seiten wechseln. Schulter an Schulter gingen wir los. Was in der Raummitte passierte, hatte auch das Vorbild und die Erziehung meiner emanzipierten Mutter nicht verhindern können: Gemeinsam mit allen anderen Mädchen drehte ich mich ab und wich aus. Die Jungs konnten mit geraden Schultern durchmarschieren. Diese Erfahrung gab den Anstoss für mein lebenslanges feministisches Engagement.

Veronika Jehle, *1985
Plötzlich stand ich vor der Fernseh-Kamera. Und fand, zumindest mit der Zeit, meine eigene Stimme, im politischen Sinn und im kirchenpolitischen. Ich hatte mich nicht aktiv als Sprecherin für das «Wort zum Sonntag» beworben (eine Bewerbung ist gar nicht möglich), und als ich überraschend zum ersten Vorsprechen eingeladen wurde, war ich sicher, dass ich kein weiteres Mal eingeladen werden würde. Es kam anders. Ich empfand diese Aufgabe als echte Verantwortung: Als Einladung und als Wink mit dem Zaunpfahl zugleich, aufzuwachen, Haltungen und Meinungen weiterzuentwickeln, Farbe zu bekennen.

Veronika Henschel, *1992
Dass mein Glaube auch politisch ist, liegt mir quasi in den Genen: Mein Grossvater wurde 1938 Teil der Bekennenden Kirche in der damaligen DDR. Später bespitzelte und verhaftete man ihn als Studentenpfarrer. Durch die Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen auf meinem Lebensweg, die meine endlosen Fragen geduldig mit mir diskutierten, durfte dieser Teil von mir sichtbar werden und sich entwickeln. Und der Feminismus – tja, der kam aus der Not heraus, und aus der Sehnsucht nach Gutem Leben für alle.

Laura Klingenberg, *1989
Die Spannung zwischen meinem Wesen als frauenliebende Frau und dem kirchlichen «Wind», der mich in den Jahren meines jungen Erwachsenenalters umgab, hat mich Anfang zwanzig wachgerüttelt. Die Erfahrung, wie kirchliche Praxis und theologisches Gedankengut einengen können, öffnete mir die Augen dafür, die Bibel sowie die christliche Religion generell kritischer zu betrachten. Die Motivation, mich als frauenliebende Frau bewusst in diese Spannung zu begeben und dazu beizutragen, den christliche Glauben frauen*- und LGBTIQA+-freundlicher zu gestalten, war geboren.

Simone Rudiger, *1971
Mit etwa zwölf Jahren wurde ich nach einer entrüsteten Widerrede auf ein Statement eines Klassenkameraden hin – er hatte Frauen auf ihren traditionellen Platz am Herd verwiesen – von unserem Deutschlehrer «Emanze» genannt. Weil ich Herrn Blumer mochte und er mich wohl auch, deutete ich diesen Übernamen als Kompliment, ohne seine Bedeutung zu kennen. Vielleicht war ich damals noch nicht Feministin – auch mit diesem Begriff konnte ich damals nichts anfangen – aber auf dem besten Weg dazu.

Amira Hafner-Al Jabaji, *1971
«Sie brauche keine Ausbildung zu machen, sie würde eh heiraten.» Ihre Brüder, «anständige«, gebildete Männer, hielten ihr, «der Dummen», später ihr gesamtes Erbe vor. Deutsch-protestantischer Machismus.
Sie solle sich anständig kleiden, sprechen, benehmen. Jetzt würde er noch über seine Tochter entscheiden, später ihr Mann. Als Frau würde sie die Hälfte dessen erben, was männliche Nachkommen erhielten. Arabisch-muslimischer Machismus.
Ab 14 Jahren: Widerstand. Anstrengung. Kampf. Rebellion. Später erhielt das den Namen: «Gender Dschihad!»

Geneva Moser, *1988
Als ich 21 war, wurde eine Freundin von mir vergewaltigt. Sie zeigte den Täter an, hatte aber im geltenden Sexualstrafrecht und in der damals herrschenden Stimmung der Akzeptanz von Sexismus wenig Chance auf Gerechtigkeit. Diese Erfahrung der Hilflosigkeit hat mich erschüttert. Etwas später wurde weltweit unter dem Begriff «Slutwalk» demonstriert: für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, auf körperliche Unversehrtheit und gegen Verharmlosung von sexualisierter Gewalt. Da machte ich mit: Ich entdeckte die Kraft von queer-feministischem Protest.

Jeannette Behringer, *1968
Erwachen beschreibt einen Prozess. Mein feministisches Erwachen gründet in der Beobachtung des finanziellen Ungleichgewichts zwischen meiner Mutter und meinem Vater. Die Möglichkeiten waren sehr ungleich verteilt, in der guten Absicht, uns Kindern ein gutes Leben zu bieten. Mein Vater mit mehr als 100% Arbeit, mit immer neuen Möglichkeiten. Meine Mutter ohne Ausbildung, mit einer Tätigkeit in der Fabrik und den Aufgaben in unserer Kindererziehung. Mein Erwachen hiess: Autonomie. In jeder Phase meines Lebens.