Ausgabe 2025/1

Schlaflos

In Wohlstands-Speck und Leinen-Wäsche gewickelt liege ich wach.

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© Wir alle im Stadtgewimmel, Orlanda Verlag
Text: Katja Wißmiller / 26.05.2025

Der schöne Mann neben mir schläft wie ein Baby. Eben liebte ich ihn noch, jetzt hasse ich ihn, weil er schon schläft und die Sorgen der Welt einfach weg-atmet.

Schnarchen sei ein Scheidungsgrund, habe ich früher oft gesagt. Ich wusste, dass die meisten diesen Satz nicht ernst nehmen. Die meisten kennen mich aber auch schlecht – was sich nach diesem Artikel etwas verändern könnte. Geschieden bin ich und nun glücklich, dass mein Lebensgefährte normalerweise nicht schnarcht. Aber er atmet im Schlaf und das zu laut für meinen Geschmack. Aber von allen, die ich bisher schlafend erlebte (inklusive Kindern, Eltern, Schlafsaal-Genossinnen) atmet er am wenigsten laut. Er ist der Leiseste und trotzdem: Atmen, während ich versuche einzuschlafen – geht gar nicht. Ich brauche ein eigenes Zimmer. Dort kann ich zwar auch nicht schlafen, aber wenigstens ebbt mein Ärger über den atmenden Mann ab.

Federkiel und Gänsehaut

Die meisten können Geräusche, die für sie selbst nicht relevant sind, einfach überhören. Ich kann das leider nicht. Inzwischen weiss ich, dass sich meine Wahrnehmung diesbezüglich von der meiner Mitmenschen unterscheidet, und ich konnte lernen, besser mit dieser Reiz-Überforderung umzugehen.

Mysophonie wird ein Symptom genannt, wenn bestimmte Geräusche regelrechten Hass auslösen. Sie gilt nicht als Krankheit. Vielleicht leide ich an dieser Nicht-Krankheit. In Stresszeiten lösen Alltagsgeräusche bei mir Schweissausbrüche, Panik und erschreckend eruptive Wutanfälle aus. Der Leidensweg beginnt morgens, wenn das Plastik-Geknister der Haferflocken-Packung zu Explosionen in meinem Kopf führt und endet nicht, wenn ich meinen Kopf abends auf ein Kissen lege. Höre ich da Federkiele im Kissen knacken? Sind die Daunen unter meinem Haupt aus Lebendrupf entrissen oder mit Tier-Wohl-Siegel abgefüllt? Statt zartschmelzender Flocken in der Früh und Ruhe-Kissen am Abend bleiben für mich Ohr-Horror und Bilder von gebrochenen Flügeln und blutiger Gänsehaut im Kopf. Geräusche von Plastik dringen bei blosser Erinnerung daran wie Scherben in mich ein.

Eine Jüngerin im Garten Gethsemane

Es ist schwer zu erklären, warum immer dann, wenn ich den Tag loslassen möchte, der Schlaf vor mir flieht. Während die Kakophonie aller Geräusche des Tages in meinem Kopf zu einem Brei wird und ich die Bettdecke über die Ohren ziehe, ziehen auch alle schweren Themen der Welt hoch und legen sich auf mich. Durch Herumwälzen werde ich sie nicht los. Atmen ist mir selbst zu laut. Am liebsten wäre es mir, mich würde jemand beim Einschlafen bewachen, mir freundlich zureden, mir etwas Belangloses vorlesen oder die Hand halten – aber da ich meistens als Letzte eindämmere, ist das unmöglich.

Manchmal, wenn die Müdigkeit mehr und namenlose Ängste ärger werden, wird die Einschlafzeit zum paradoxen Drama. Dann fühle ich mich einerseits extrem müde, müde wie eine Jüngerin im Garten Gethsemane, die alles Kämpfen, Reden, Nachdenken und Sein satt hat. Gleichzeitig bin ich panisch und hellwach wie Jesus. Vor seiner Verhaftung bittet er seine Leute innig darum, nicht einzuschlafen. Warum? Weil vielleicht gleich alles verloren ist: Die Hoffnung auf einen Neubeginn, die eigene Kraft, dem Weltenkummer zu trotzen und weiter zu leben. Es ist, als rufe er: «Bitte werdet nicht müde und glaubt an den Wandel.» Ja, wenn der Neubeginn möglich und wahr wäre – dann könnte auch ich vielleicht endlich einschlafen, denke ich dann …

«Der Schlaf ist immer wach»

Meine aufgeweckte Tochter hatte als Kind auch Mühe mit dem Einschlafen. Sie könne nicht schlafen, weil ihr Kopf nicht aufhört zu denken, sagte sie. Also überlegten wir uns folgendes Ritual: Für jeden Gedanken liess das Universum eine imaginäre Wolke für sie aufziehen, damit sie diesen Gedanken an die Wolke hängen konnte. Und dann noch eine Wolke für noch einen Gedanken und noch eine et cetera. Die Wolken trugen und hüteten alles, solange sie schlief. So ging nichts verloren und morgens waren alle Gedanken wieder da, wenn sie wach und ausgeruht war.

Diese Methode hat nicht immer geklappt, aber beruhigend war sie für uns beide und irgendwie schlauer als Schäfchenzählen. Es gab mir ein schönes Gefühl, dass das Denken und der Nicht-Schlaf irgendwo gehütet werden. Schliesslich liegt es doch auf der Hand, dass gute Ideen, Sorgen oder der Lärm des Tages nicht mit in den Schlaf kommen können. Diese Dinger bleiben wach. Sophie Hunger singt in einem Liebeslied «Oh Baby, mir laufed uf Wasser / Kei Rätsel sind schwer / De Schlaf isch immer wach…» (Dr Hunger wird schlimmer, 2020).

Die Liebe verschläft nicht. Und auch Sorgen gehen nicht mit der Sonne unter, sondern bleiben zäh präsent. Sollen sie doch. Aber sie mögen sich doch bitte nicht an mich kleben, sondern an eine Wolke und mit ihr geräuschlos einmal um die Welt fliegen, bevor sie mir im milden Morgentau und nach dem ersten Kaffee wieder serviert werden.