Ausgabe 2025/1

Die Welt besteht aus Geschichten | Von Kolonialismus erzählen

Die kenianische Erzählkünstlerin Wangari Grace zeigt auf, wie der Kolonialismus bis heute ihre Sprache und ihre Vorstellungen prägt. Mit einer kulturübergreifenden Kunstperformance hat sie einen Umgang damit gefunden, der die Thematik sowohl in afrikanischen als auch in europäischen Ländern ins Gespräch bringt.

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© Wir alle im Stadtgewimmel, Orlanda Verlag
Text: Wangari Grace / 26.05.2025

Ich bin mit Geschichten aufgewachsen. Meine frühesten Erinnerungen bestehen aus mir mit einem Buch in der Hand – auf einem Sessel zusammengerollt oder unter einem Baum, während meine Mutter Handarbeiten macht. In den Schulpausen habe ich auf der Wiese gelesen oder, während der Lehrer mit der Klasse sein Ding durchzog, unter dem Pult. Ich war ein introvertiertes Kind und lesen war für mich genau das Richtige. Meine Mutter erkannte das und förderte diese Liebe zu Büchern. Als ich eine selbstbewusste Leserin wurde, verschlang ich eine ganze Reihe von Büchern – Die Fünf Freunde, Die Schwarze 7, Heidi, ein bisschen Roald Dahl und Dr. Seuss und eine Auswahl von Märchen, die ich später als Adaptionen von Geschichten aus der Grimmschen Sammlung kennenlernen würde. Viel später. Wenn ich in der Schule darüber schreiben sollte, wie ich die Ferien verbracht hatte, fantasierte ich von Skilaufen und Schlittschuhfahren. All meine imaginären Freund:innen waren hellhäutig, hatten wallendes Haar und ihre Augen waren blau oder grün oder grau.

Mündliche Traditionen

Zu hören bekam ich aber andere Geschichten, meistens von älteren Menschen: Volksmärchen über Menschenfresser mit einem dritten Auge hinten am Kopf; Vögel, die sangen, um Botschaften zu übermitteln; Mädchen, die ein schönes Aussehen hatten, aber einen hässlichen Charakter. Es gab auch Lieder und Sprichwörter. Bei letzteren kannte sich meine Mutter besonders gut aus.

Als ich Jahrzehnte später Erzählerin wurde, griff ich auf diese Geschichten zurück. Ich recherchierte über traditionelle Geschichten aus dem ganzen afrikanischen Kontinent und war nicht wenig schockiert, dass die meisten Bücher über «Afrikanische Volksmärchen» von nicht-afrikanischen Menschen geschrieben und meistens ausserhalb des Kontinents publiziert worden waren.

Die Macht der Wörter

Der Einfluss von aussen zeigt sich auch bis hinein in die afrikanischen Sprachen. So gibt es z.B. in meiner Muttersprache, Gikuyu, kein eigenes Wort für «Satan». Die christlichen Missionar:innen haben für die Bezeichnung des Teufels auf bestehende Gikuyu-Wörter zurückgegriffen. Eines davon ist Ngoma. An dieser Stelle wird es ein spannend: Traditionellen Quellen zufolge bezieht sich der Begriff Ngoma (pl. Ngomi) auf die Seelen der Vorfahren. Man glaubte, die Vorfahren hätten die Macht, sich um ihr Volk zu kümmern und bei ihrem Gott, Mwene Nyaga, Fürsprache einzulegen. Die Ngomi waren so wichtig, dass es üblich war, vor dem Trinken ein Trankopfer an die lebendige Erde darzubringen, in der die Ngomi schliefen. Als das Christentum aufkam, wurde das Wort Ngoma für den Teufel verwendet. Für viele Gikuyu-Christ:innen ist es bis heute schwer etwas anderes zu glauben. Andere Wörter, wie etwa Waing’a (ursprünglich ein Mensch, der sich mit Medizin und Heilung auskennt), haben eine ähnliche Umdeutung erfahren, wurden dem kenianischen Hintergrund entrissen und christlicherseits negativ umgedeutet.

«Vorteile» von Kolonialismus?

In den letzten vier Jahren haben der deutsche Musiker Sven Kacirek und ich eine Erzähl- und Musikperformance zu den weitreichenden Auswirkungen des Kolonialismus erarbeitet – «Colonialism – A Musical Oral History Performance» – und in verschiedenen afrikanischen und europäischen Ländern aufgeführt, zum Beispiel 2023 am Zürcher Theaterspektakel. Schon bei unserem ersten Treffen, nachdem Sven mich für ein gemeinsames Projekt angefragt hatte, wurde uns klar, dass wir beide im Schulunterricht Ähnliches über Kolonialismus gelernt haben: Die Perspektive ist in beiden Ländern westlich geprägt. Als ich zum Beispiel vor mehr als einem Jahrzehnt in der High School war, lernten wir über die «positiven Auswirkungen des Kolonialismus». Dazu gehörten Aspekte wie:

Andere Stimmen hörbar machen

In unserer Performance wollten wir eine andere Sicht aufzeigen. Es ging uns auch um die Sichtbarkeit der Frauen im Kampf für die Freiheit in ihren Ländern. Wer waren sie? Welche Rolle spielten sie, jenseits von Kinderbetreuung, Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Unterstützung, während ihre Männer kämpften?

Also entwickelten wir ein Stück mit Geschichten und Musik, das diese Zeit – 1880 bis 1960 resp. im Falle Südafrikas bis 1994 – aus unseren eigenen Perspektiven umfasst. In Kenia sprachen wir über den Unabhängigkeitskampf der «Kenya Land and Freedom Army» (Mau Mau) aus der Sicht von Mukami, der Ehefrau des Anführers dieses Kampfes.

In Südafrika erzählten wir vom Kampf gegen das Apartheidregime aus der Sicht der Musikveteranin Miriam «Mama Africa» Makeba und davon, welch unermesslichen Beitrag sie mit ihrer Musik zum Befreiungskampf geleistet hat – aber auch vom Preis, den sie dafür bezahlen musste.

In Namibia haben wir uns das Herero Massaker mit den Augen eines elfjährigen Kindes angeschaut. Wir haben uns mit der Majimaji-Rebellion im heutigen Tanzania befasst und wie diese, wenn auch nur kurzlebig, verschiedene Gemeinschaften ermutigt hat, ihre Differenzen beiseite zu legen und gemeinsam für das Gemeinwohl zu kämpfen.

Reaktionen auf die Performance

Nach jeder Vorstellung gab es Zeit und Raum für ein Gespräch, in dem das Publikum seine Fragen, Kommentare und Beobachtungen einbringen konnte. Bei einer Aufführung in Nairobi blieb das Publikum nach einer zweieinhalbstündigen Vorstellung noch weitere drei Stunden. Einige der Anwesenden waren selbst unter dem kolonialen Regime aufgewachsen und gaben uns zusätzliche Informationen und Hinweise, die die Vorstellung bereicherten. Jüngere im Publikum fragten sich, warum sie in der Schule oder in den Medien nichts davon mitbekommen hatten.

In München führten Schüler:innen nach der Vorstellung eine Strassenumfrage durch: Welche Auswirkungen hat(te) der Kolonialismus in Afrika? Die Antworten klangen erschreckend oft wie die oben genannten: Freiheit, Infrastruktur, Gestaltungswillen … Und selbst Sekundarschüler:innen in Kiambu und Nakuru (Kenia), mit denen wir nach einer Aufführung ins Gespräch kamen, fiel es schwer, das Konzept der «positiven Auswirkungen des Kolonialismus» kritisch zu hinterfragen. Sie hören tatsächlich auch heute noch an der Schule dasselbe wie ich damals. Ich bot ihnen folgenden Vergleich: Du kommst in mein Haus, als ich gerade Ugali und Fisch zu Mittag esse. Ich schöpfe ein bisschen vom Essen auf einen Teller und biete es dir an. Wäre es richtig zu sagen, dass ich für dich gekocht habe? Nein, es wäre falsch. Denn ich habe nicht für dich gekocht. Ich habe für mich selbst gekocht. Die Tatsache, dass du einen winzigen Happen bekommen hast, war nur ein Nebeneffekt davon, dass ich meinen Magen füllen wollte.

Die Vergangenheit ist nicht vorbei

Und so ist es auch mit den so genannten Vorteilen des Kolonialismus für die einheimische Bevölkerung. Sie waren lediglich Nebeneffekte des Bestrebens der Kolonialherrschaft, sich das Leben zu erleichtern, die vorhandenen Ressourcen besser auszubeuten, die Einheimischen effektiver zu verwalten, Arbeitskräfte mit westlichen Grundkenntnissen in Lesen, Schreiben, und Rechnen auszustatten.

Diese und andere Themen wie die erdrückenden Kredite multinationaler Organisationen oder das Privileg des Passes werden in unserer nächsten Erzähl- und Musikperformance «The Past is Present» behandelt. Das Ziel ist nicht, dass sich jemand für die Taten seiner oder ihrer Vorfahren schuldig fühlt. Vielmehr soll mit dem Projekt ein Raum geschaffen werden, der uns als Menschen hilft, eine der komplexesten und folgenreichsten Epochen der Menschheitsgeschichte zu verarbeiten. Ausserdem will die Performance dazu aufrufen, an jedem Ort und zu jeder Zeit Systeme der Unterdrückung in Frage zu stellen.

Bis der Löwe zu sprechen lernt

Der Fakt, dass «positive Auswirkungen des Kolonialismus» auch heute noch in meinem Land gelehrt werden, mehr als 60 Jahre nachdem wir von den Briten die Selbstregierung erhalten haben, ist einfach lächerlich. «Bis der Löwe sprechen lernt, werden die Geschichten der Jagd immer den Jäger verherrlichen», sagt ein afrikanisches Sprichwort. Meine Hoffnung ist, dass wir alle lernen, aktiv auf die Geschichten um uns herum zu hören. Dass wir uns entscheiden, die Geschichten, die wir hören, in Frage zu stellen. Woher kommt diese Geschichte? Warum richtet sich die Geschichte an mich? Gibt es noch andere Versionen oder Perspektiven für diese Geschichten, Erfahrungen und Ereignisse? Und dass wir unsere Geschichten erzählen. Flüsternd und mit lauter Stimme. Erzähle sie, denn niemand kennt deine Geschichte besser als du selbst.

Dieser Beitrag wurde von der Redaktion übersetzt und stark gekürzt.