Ausgabe 2025/1

Gott braucht keinen Ruhetag

Ein Moscheerundgang führt zu Gedanken über das Wachen und Gottes Schlaflosigkeit: Im Islam gibt es keinen religiös begründeten Ruhetag wie den jüdischen Schabbat oder den christlichen Sonntag. Und auch Gott schläft nie.

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© Wir alle im Stadtgewimmel, Orlanda Verlag
Text: Amira Hafner-Al Jabaji / 26.05.2025

Es ist eine kleine Gruppe mehrheitlich nicht-muslimischer Frauen, die sich an diesem Winterabend bei der Moschee eingefunden hat. Sie sind gekommen, um an einer Führung teilzunehmen und dem Nachtgebet ṣalāt al- ̔išā’ beizuwohnen, bevor danach eine öffentliche Podiumsveranstaltung beginnt. Das Nachtgebet ist eines der fünf rituellen Gebete und schliesst zeitlich an das Abendgebet an. Da der Sonnenstand für die Gebetszeiten massgebend ist, findet das Nachtgebet an diesem Abend bereits um 18.40 Uhr statt. Und so werden sich später einige Dutzend Männer und wenige Frauen Schulter an Schulter in Reih und Glied stellen.

Unsicherheiten …

Einige der Anwesenden kennen die Moschee bereits, für andere ist es das erste Mal überhaupt, dass sie eine Moschee betreten. Entsprechend aufmerksam, respekt- und erwartungsvoll, aber auch etwas unsicher drängen sich die Besucher*innen im Foyer zusammen. «Zieht man die Schuhe bereits draussen aus?» «Wo stellt man sie hin?» «Soll man sich jetzt schon ein Kopftuch überziehen, oder erst im Gebetssaal?» «Darf ich meine Mütze anbehalten?»

Ich kenne die Besucherinnen fast alle persönlich und bin mir ziemlich sicher, keine würde von sich behaupten, woke zu sein. Aber alle sind sensibilisiert für soziale und politische Ungleichheiten, für Verletzlichkeiten und für weniger Diskriminierung. Sie alle betreten ein Terrain, das bei ihnen eine gewisse Unsicherheit und Orientierungslosigkeit auslöst.

… auf beiden Seiten

Die Unsicherheiten spiegeln sich auch auf der Seite der Gastgeber wider: Ein Bündel Tücher wird eilends von einem jungen Mann aus einer Schublade genommen und gut sichtbar auf das Regal vor die Gruppe gelegt, «für diejenigen, die kein Kopftuch dabeihaben aber eines tragen wollen», sagt er knapp. Die Formulierung betont die Freiwilligkeit, doch gleichzeitig schwingt ein Wunsch mit, der nicht klar ausgesprochen wird. Offenbar zögern die Gastgeber, ihre Erwartungen eindeutig zu formulieren, um nicht den Eindruck von Zwang zu erwecken.

In diesen Momenten werden die Spuren des Islam-Diskurses der letzten Jahrzehnte deutlich. Gleichzeitig lässt sich die Situation auch als gelebte Ambiguitätstoleranz deuten. Niemand stellt die Frage nach klaren Regeln. Stattdessen müssen alle Beteiligten das Uneindeutige und Vielschichtige aushalten und ihren Umgang damit finden.

Die Führung beginnt

Es gilt keine Zeit zu verlieren. Denn schon in zwanzig Minuten beginnt das Nachtgebet, an welchem Ismail (Name geändert), der die Führung durch die Moschee macht, teilnehmen wird. Er bleibt sachlich, macht technische Angaben zum Gebäude: Fläche, Bauzeit, Finanzierung und ermöglicht der Gruppe einen Blick in die modernen Waschräume, auf die man besonders stolz sei. Danach gehts in den grossen Gebetsraum der Männer, der mit flauschigem Teppichboden belegt ist. Ismail erklärt kurz die Elemente im vorderen Teil der Moschee und verweist auf die Schriftzüge, die die Wände zieren: «Das sind Verse aus dem Koran, in drei Schweizer Landessprachen sowie in Albanisch und Arabisch».

Den Kuppeln nah

Als Nächstes geht es einige Treppenstufen hinauf zur Frauen-Empore. Die Balustrade aus getöntem Glas gibt den Blick auf den grossen Gebetsraum unten frei. Auch hier stehen wir auf dem gleichen flauschigen, beheizten Teppichboden wie im Erdgeschoss. Der durchlässige Raum ist hell erleuchtet, er wirkt erhaben und doch leicht. Von hier aus blickt man entlang der Fensterreihen auf drei Seiten hinaus ins Dunkel, und sieht gerade den ICN 5 Richtung Genf vorbeiziehen. Von hier oben aus lassen sich auch die Inschriften in der Haupt- und den drei Nebenkuppeln besser betrachten. Die Besucher*innen erkennen Muster und ahnen Schriftzeichen. «Was heisst es da im Innern des Rondells?», fragt jemand. Ismail bleibt allgemein. Es seien Qur’anverse. Man habe eigens Künstler aus Albanien hergebracht, die in aufwändiger Handarbeit die Innenseiten der Kuppeln beschriftet hätten.

Der Thronvers

Meine Augen erfassen die kunstvolle Kalligraphie in arabischer Schrift, die wie eine Bordüre den grössten Radius der Kuppel ziert: «Bismillāhi-r-rahmāni-r-rahim, Allāhu lā ilāha illā Huwa’l-hayyu’l-qayyūm. Lā ta’h ̆ uduhū sinatun walā-nawm …». Ich erkenne darin Vers 255 der zweiten Sure, den Thronvers. Doch noch bevor ich dazu komme, der interessierten Besucherin etwas zu erläutern, ertönt der Gebetsruf. Was ich ihr nicht mehr berichten konnte, ist nun hier nachzulesen:

Die Kalligraphie beginnt mit der Basmala, der Anrufung Gottes bei Seinen Attributen «Allerbarmer» und «Allbarmherziger». Dann folgt:

«Gott (Allāh), es gibt keine Gottheit ausser ihm, dem Lebendigen, dem Beständigen. Weder überkommt Ihn Schlummer noch Schlaf. Ihm gehört, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Wer ist es, der bei Ihm Fürsprache einlegen könnte, es sei denn, mit Seiner Erlaubnis. Er weiss, was vor ihnen und was hinter ihnen liegt; sie aber begreifen nichts von Seinem Wissen, es sei denn das, was Er will. Weit reicht Sein Thron über die Himmel und die Erde, und es fällt Ihm nicht schwer, beide zu bewahren. Und Er ist der Hohe, der Allmächtige.» Die Āya(t)-al-kursī, der Thronvers, hat eine bedeutende Stellung im Qur’ān. Man sieht diesen Vers daher häufig auf Amuletten, Stickern oder als Kalligraphie in Gebäuden. Dieser Vers fasst das islamische Gottesbild zusammen: Gottes Einzigartigkeit, Seine Wachsamkeit und Seine unermüdliche Fürsorge. Anders als Menschen und Tiere, die Schlaf und Erholung benötigen, um neue Energie zu schöpfen, ist Gott immer präsent und aufmerksam. Weder Müdigkeit noch Erschöpfung können Ihn jemals erreichen. Dieses Bild steht im Kontrast zur jüdisch-christlichen Vorstellung, dass Gott am siebten Tag ruhte. Im Islam gibt es keinen Ruhetag für Gott; Er ist der Lebendige, der Beständige (al-ḥayyu al-qayyūm).

Schlaf: Ein Zeichen göttlicher Gnade

Für die Menschen aber betrachtet der Qur’ān den Schlaf als ein Zeichen der göttlichen Schöpfung und Gnade. In Sure 30, Vers 23 heisst es: «Und zu Seinen Zeichen gehört euer Schlafen bei Nacht und bei Tag und euer Trachten nach Seiner Huld.» In Sure 78, Vers 9–10 wird der Schlaf als ein Mittel beschrieben, um zur Ruhe zu kommen: «Und Wir machten euren Schlaf zum Ausruhen. Und Wir machten die Nacht zu einem Kleid.»

Da der Schlaf für Lebewesen lebensnotwendig ist, zeigt er auch deren Verletzlichkeit. Während des Schlafes sind die Sinne getrübt, und die Gefahr, angegriffen zu werden, steigt. Menschen und Tiere haben daher Schutzstrategien entwickelt: Schlafverstecke, bewachte Schlafräume und Nachtwachen. Doch Gott ist keiner solchen Begrenzung unterworfen. Er wacht über die gesamte Schöpfung – immer und ohne je müde zu werden. Seine Wachsamkeit ist ein Ausdruck Seiner absoluten Macht und Seiner liebevollen Fürsorge für die gesamte Schöpfung.

Gemeinschaft statt Ruhetag

Im Islam gibt es keinen Ruhetag wie den jüdischen Schabbat oder den christlichen Sonntag. Der Freitag, der yaum al- ğum ̔a, ist der «Tag der Zusammenkunft» und des gemeinschaftlichen Gebets. Anders als die Vorstellung eines Ruhetages, basiert der Freitag auf der Praxis des gemeinschaftlichen Mittagsgebets in der Moschee mitsamt Predigt. In Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung wird oft noch gearbeitet, bevor die Menschen sich zum Freitagsgebet in den Moscheen versammeln. Ab diesem Zeitpunkt bis zum anderen Morgen sind Büros und Dienstleistungen und auch viele Geschäfte geschlossen, aber längst nicht alle. Diese Praxis spiegelt die Dynamik des islamischen Glaubens wider: Der Glaube ist ein Teil des Alltags und nicht auf bestimmte Tage oder Räume beschränkt. Das Erinnern an Gott (dhikr) ist eine ständige Handlung, die keinen festen Ruhetag benötigt.

Der Abend klingt aus

Nach dem Gebet beginnt die interreligiöse Veranstaltung zum Thema «Glaubensgeschichten – ganz persönlich». Zwei Männer und zwei Frauen erzählen in kurzen Inputs ihre bewegenden Geschichten: vom Suchen nach dem für sie passenden Glauben, von wechselhaften Phasen im Leben, vom Gefühl in Krisen durch Glauben Halt zu finden, aber auch von Widerständen und Unwohlsein in der eigenen Gemeinschaft oder Gesellschaft. In der anschliessenden Podiumsdiskussion wird eindrücklich klar, dass die «Berufsreligiösen» zwar geübter sind, ihre Gedanken vor einem Publikum zum Ausdruck zu bringen, aber letztlich alle gleichermassen sowohl Tiefe und Vertrauen wie auch Leichtigkeit und Humor im Alltag durch ihren Glauben finden.

Es sind anspruchsvolle Themen, die verhandelt werden. Am Ende der Veranstaltung sind die Besucher*innen müde. Die hohe Aufmerksamkeit und die Fülle an Eindrücken fordern ihren Tribut. Bald wird der Schlaf sie erfassen – ein Schlaf, der ihnen als göttliche Gnade gegeben ist. Gott selbst aber schläft nicht; Er ist der wachsame Hüter, der alles sieht, alles weiss und nie ermüdet.

Der Thronvers erinnert daran, dass Gottes Wachsamkeit ein Versprechen ist: ein Versprechen von Schutz, Präsenz und Fürsorge – für die gesamte Schöpfung, Tag und Nacht.