Kürzlich war ich bei meinem Gottimädchen zu Besuch. Jenny ist acht Monate alt und mit ihrem ganzen Wesen daran, die Welt zu entdecken. Während ich mit ihren Eltern plauderte, krabbelte sie hierhin und dorthin, fasste an, nahm in den Mund, lauschte mit weit offenen Augen, sobald von irgendwo ein neuer Klang auftauchte. Alles an ihr war hellwach, ihre Hände, ihre Finger, ihr Mund, ihre Haut, ihre Ohren, alles schien über sie hinaus zu wachsen vor Begierde, mehr und mehr und noch mehr Erfahrungen in sich aufzunehmen. Lernen, Kennenlernen, Erkunden, Erproben, sich ganz in die Begegnung mit der Welt und ihren belebten und unbelebten Bewohnenden geben, das ist wohl eine Hauptaufgabe von kleinen Kindern. Alles ist spannend, faszinierend, alles lohnt sich, genauer untersucht zu werden. Der Inbegriff von Wachheit. Und gleichzeitig ist Jenny ganz und gar fremd, was heute als «woke» bezeichnet wird. Noch liegen ihr Kategorien von Geschlecht, Herkunft, Religion völlig fern. Noch geht es im Kontakt mit Menschen nur darum: Geben sie mir, was ich brauche? Sind sie spannend? Natürlich ist es sinnvoll, dass Kinder mit dem Älterwerden diese selbstbezogene Weltsicht verändern und Gefühle und Haltungen von anderen Menschen mitzubedenken lernen. Und natürlich sind Kategorien dringend nötige Hilfen des Weltverstehens und der Alltagsbewältigung und haben als solche einen wichtigen Platz im menschlichen Zusammensein.
Und doch hat mich Jenny bei der Arbeit an dieser FAMA innerlich begleitet. Ihre schiere Lust am Lernen ist mir ein Bild geworden für das Wachsein im doppelten Wortsinn, dem wir in dieser Nummer nachgehen. Bebildert werden die Artikel mit Ausschnitten aus dem Wimmelbuch «Wir alle im Stadtgewimmel» von Kori Klima und Isabelle Göntgen, das diese Lust an Vielfalt bildlich darstellt. Wir haben es in der feministischen Buchhandlung in Wien entdeckt und vom Orlanda-Verlag dankenswerterweise die Erlaubnis bekommen, die aktuelle Nummer damit zu illustrieren.
Ausgabe 2025/1
Editorial: wach
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