Kürzlich hatte ich eine überraschende Begegnung. Der Moment war nur kurz. Er hat mich berührt. Am Ende einer Veranstaltung kommt eine Frau auf mich zu, sie ist über 80, resolut und warmherzig zugleich. Leise flüstert sie mir mit Schalk und ein wenig verschwörerisch zu: «Ich bin auch eine wie du». Etwas verwirrt und auch etwas herausfordernd frage ich zurück, was sie denn genau meint. Natürlich weiss ich es: Sie lebt auch in einer Frauenbeziehung, wie sie es dann stockend formuliert. Lebt queer, wie ich es formuliere. Oder lesbisch. Ihre Aussage kommt im Flüsterton. Sie beinhaltet einige rhetorische Schlenker: Wenn jemand sie fragen würde, könne sie «es» schon sagen … Es habe in ihrem Beruf nie eine Rolle gespielt …
Neue Existenzräume
Aus diesen rhetorischen Schlenkern spricht die Erfahrung des Versteckens, des Stigmas, der umkämpften Freiräume, die viele ihrer Generation gemacht haben. Mein sehr viel unbekümmerteres Sprechen über Queer-Sein bewegt sich in den Räumen, die ihre Generation überhaupt erst erkämpft und eröffnet hat. Meine Existenz als queere Frau bespielt diese Räume heute bewusst selbstverständlich: Ehe für Alle, sich in der Öffentlichkeit küssen, diesen Text schreiben, mein*en nonbinäre*n Freund*in bei der Mastektomie supporten … Dieser Fortschritt, diese Veränderung in der Art und Weise, wie wir hier und heute über LGBTIQ-Existenzweisen nachdenken und sprechen, wird nur im Rahmen einer historischen Einordnung greifbar: Früher war es anders, heute ist es so, wie wird es morgen sein? Wir haben als diffuses Kollektiv «Gesellschaft» bestimmte Urteile und Werte in Frage gestellt, haben sie verworfen, neue formuliert und handeln beständig aus, welche morgen gelten sollen – lokal, oft widersprüchlich und nicht linear.
Unperfekte Denkgrössen
Dass bei solchen Aushandlungen auch den Schlausten ziemliche Dummheiten unterlaufen, beweist ein Blick in die grossen Texte der Aufklärung: So kritisiert Immanuel Kant in «Zum ewigen Frieden» den brutalen Kolonialismus, der damals als Entdeckertum gefeiert wurde, scharf – vertritt aber gleichzeitig Positionen, die heute klar als rassistisch einzustufen sind. Er fällt hinter seine eigenen Ideale einer universalen Menschenwürde zurück. Ich erinnere mich an das Philosophiestudium und meinen Reflex, Denker*innen aufgrund solcher Positionen vom Tisch zu wischen. Rückblickend ist mir dieses Das-Kind-mit-dem-Bade-Ausschütten etwas peinlich. Waren es nicht diese Denker*innen, die gegen die Überzeugungen und Wertesysteme ihrer Zeit Positionen verteidigten, die uns heute selbstverständlich sind? Verdanke ich ihnen nicht deshalb viel, trotzdem? Und was wird man in drei oder dreissig Jahren erst recht über meine Artikelchen sagen? Hinter welche Ideale falle ich gerade zurück?
Mehr intellektuelle Demut
Von diesen Fragen aus wäre es nun einfach, eine linke und feministische Kritik an «Wokeism» zu formulieren: Die woke-Bewegung braucht dringend mehr intellektuelle Demut! Wo bleibt die kontinuierliche Überprüfung der eigenen Forderungen anhand des eigenen Wertesystems? Und tatsächlich liegt mir diese Kritik manchmal auf der Zunge: Wenn ich in meiner Tätigkeit in der Hochschulseelsorge manchmal Studierenden begegne, die mir politische Lehrvorträge halten, einfach so als Gesprächseinstieg. Oder wenn ich Anliegen und Prioritätensetzungen der Generationen nach mir nicht so ganz nachvollziehen kann. Aber ja, natürlich: Auch ich als Studentin habe wohl zum Gesprächseinstieg meiner Professorin erklärt, warum man keinesfalls Kant lesen sollte, siehe oben. Aber braucht es denn eine linke, feministische Kritik an «Wokeism»? Worauf würde sie sich überhaupt beziehen?
Abarbeiten am Pappkameraden?
Das, was als «woke» diskutiert wird, wird fast wöchentlich kritisch in den Medien besprochen, meistens in jenen im rechten Spektrum. Die SVP widmet in ihrem Parteiprogramm sechs Seiten den Themen «Gender-Terror und Woke-Wahnsinn». Diese seien Ausdruck einer extremistischen Verbotskultur. Von Maulkörben, Denkverboten und teuren Scheinproblemen ist die Rede. Worum geht es da eigentlich? Je mehr ich dem Begriff «woke» versuche auf die Spur zu kommen (zum Beispiel mit Hilfe des Texts von Noemi Grütter auf S.3–5 dieses Hefts), desto mehr hege ich den Verdacht, dass es sich um einen von rechts erfolgreich aufgebauten Pappkameraden handelt. Ein reales, existenzielles Anliegen – die Menschenwürde aller Menschen, das gute Leben für Alle – wird karikiert, ins Lächerliche gezogen, als Bedrohung inszeniert. Wer diese «Woken» sein sollen, bleibt in der Regel undefiniert. Ich bin vielen engagierten Aktivist*innen in emanzipatorischen Bewegungen begegnet, «woke» hat sich davon bisher kaum eine*r genannt. Wie der Linguist und Journalist Daniel Graf in der Republik treffend formuliert: «Das Atemberaubende am Wort «woke» ist ja, dass man nie jemandem begegnet, der es als Selbstbeschreibung für sich in Anspruch nimmt, es sich aber offenbar bestens als Kampfbegriff und Projektionsfläche eignet.» Bei diesen Projektionen und Schaumschlägereien wird erfolgreich unsichtbar gemacht, «dass auch Menschen der Mehrheitsgesellschaften, wenn sie berechtigte Minderheitenanliegen abwiegeln oder eisern Privilegien verteidigen, Partikularinteressen vertreten».
Nein zu rechten Logiken
Statt sich an einem Pappkameraden abzuarbeiten, könnten linke und feministische Debatten also in erster Linie diese rhetorischen Strategien und ihren Erfolg – die Delegitimierung, die Unsichtbarmachung, der Anspruch, für die Allgemeinheit und für die Toleranz zu sprechen – in den Blick nehmen. Dabei täten wir meines Erachtens gut daran, die rechten Kampfbegriffe gegen «woke» nicht einfach zu übernehmen und in diese Logiken einzusteigen, als gäbe es ein Zuviel an Emanzipation. Mit der Idee, die Debatte über diskriminierungssensible Sprache sei ein «Maulkorb» und Kritik ein «Denkverbot», sollten wir nicht mitgehen. Linke und feministische Kritik soll dabei natürlich dennoch nicht aufhören, ihre eigenen Strategien und Anliegen kritisch zu reflektieren.
Reflexionsschleifen einbauen
Ich wünsche mir eine Reflexionsschleife, die überprüft, ob die verteidigten Anliegen nicht doch hinter die eigenen Ideen zurückfallen – im Wissen darum, dass sie das permanent dennoch tun, zwangsläufig. Und dass der Zahn der Zeit auch an den eigenen emanzipatorischen Ideen nagen wird. Gerade unlängst habe ich dank eines eindrücklichen Films meine innere linke Geschichtsschreibung radikal revidieren müssen: Der Filmemacher Samir zeigt in seinem dokumentarischen Essay «Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer» mithilfe von Animationen, Musik-Clips, Zeitzeug*innen, privaten Familienfotos und Archivmaterial die Geschichte der Arbeitsmigration aus den südlichen Nachbarländern in die Schweiz, von der Nachkriegszeit bis heute. Hatten bis in die 1950er-Jahre hinein die Sozialdemokratie und Gewerkschaften die Schweizerische Arbeiter*innenkultur geführt, begegneten sie den neuen Arbeiter*innen aus dem Ausland zunächst mitunter feindlich. Der Begriff «Arbeiter» meinte die zugewanderten Arbeiter*innen nicht mit. Insbesondere die Gewerkschaften stimmten mit ein in die Erzeugung und Instrumentalisierung einer Angst vor «Ausländer*innen» zu politischen Zwecken – auch zur Sicherung ihrer eigenen Pfründe, zur Verteidigung ihrer eigenen, eigentlich ebenfalls partikularen Interessen. Links hiess und heisst nicht immer einfach «antirassistisch». Ein kritischer Rückblick auf solche wenig glanzvollen Haltungen der eigenen Bewegungsgeschichte geht an die Substanz.
Lust an der Veränderung
Kritik annehmen ist nicht leicht. Auch auf der zwischenmenschlichen Ebene braucht es so einige Grundvoraussetzungen, damit das gelingt: Gegenseitiges Vertrauen, überzeugende Argumente, empathische Wortwahl, reflektierte Absichten … Vielleicht kann gelingende Kritik eingeübt werden? Wie kultivieren wir eine intellektuelle Demut und eine Lust am Lernen, an der Auseinandersetzung? Dass obige Frau dieses kurze Outings-Gespräch mit mir führen konnte, hat auch damit zu tun, dass in den letzten Jahrzehnten Menschen ihre Meinung geändert haben, umdenken lernten. Dass sie sich überzeugen, berühren und bewegen liessen. Kritik hält in Bewegung, verändert, weckt auf. Dass das letztlich mit Zukunft, mit Liebe, mit Verletzlichkeit zu tun hat, formuliert der Sufi-Mystiker Rumi in Worten, die mich berühren, auch wenn ich sie nicht vollständig verstehe: «Wer diese Liebe nicht spürt, die ihn wie ein Fluss zieht, wer die Morgendämmerung nicht wie einen Becher Quellwasser trinkt oder den Sonnenuntergang nicht wie ein Abendmahl zu sich nimmt, wer sich nicht ändern will, der soll schlafen. Diese Liebe ist jenseits des Studiums der Theologie, dieser alten Trickserei und Heuchelei. Wenn ihr euren Geist auf diese Weise verbessern wollt, schlaft weiter. Ich habe mein Gehirn aufgegeben. Ich habe das Tuch in Fetzen gerissen und weggeworfen. Wenn du nicht völlig nackt bist, wickle dein schönes Gewand aus Worten um dich und schlafe.»