… auf dem Mittelmeer
«Wir haben einen Seenotfall» meldet plötzlich der erste Offizier von der Brücke des Schiffes. Kurz vor der italienischen Insel Lampedusa soll ein Schiffswrack mit siebzig Menschen im Meer treiben. Das wird der Crew des Rettungsschiffes über das Alarmphone gemeldet. Es ist ein früher Morgen im August. Das Rettungsschiff «Sea Watch 4» ist auf seinem Weg in das Einsatzgebiet vor der lybischen Küste. Seine Mission: Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen wollen, vor dem Ertrinken zu retten. Nach der Meldung über das Alarm-Phone greift die eingeteilte Wache so rasch als möglich zu den Ferngläsern, um das Meer nach dem Wrack abzusuchen. Zwar sind für diesen Zweck nautische Ferngläser mit besonders leistungsstarken Linsen vorhanden und doch braucht es viel Konzentration und Erfahrung, um Unregelmässigkeiten auf dem Meer zu erkennen. Auch ich komme an diesem Morgen gegen 6:30 Uhr auf die Brücke, um meine erste Wachschicht anzutreten. Denn als Journalist:innen sind wir an allen Aufgaben des täglichen Lebens und an allen Operationen des Rettungsschiffes beteiligt. Ich spüre die Anspannung. In diesen Situationen ist es wichtig, schnell und gezielt zu handeln. Nachdem mehrere meiner Crew-Kolleg:innen von unterschiedlichen Positionen aus ein Objekt auf dem Meer gesichtet haben, ändert die «Sea-Watch 4» ihren Kurs und nähert sich dem Fund. Die Anspannung steigt. Die Schnellboote, deren Einsatz wir noch am Abend zuvor geprobt hatten, stehen für den Fall der Rettung bereit. Aber wer weiss, ob es überhaupt Menschen gibt, die gerettet werden können. Schliesslich erreichen wir das Objekt. Es ist ein halbzerstörtes Gummiboot. Ohne Motor und menschenleer, bloss mit zwei Rettungswesten an Bord, treibt es auf dem Meer. Wo die Menschen sind, die es einmal nutzten – wir wissen es nicht. Nachdem die Schiffs-Crew von der italienischen Küstenwache informiert wird, dass am Vormittag mehrere Boote auf Lampedusa angekommen waren, von denen eines auf die Beschreibung des gesuchten blauen Holzbootes passt, stellt die «Sea-Watch 4» ihre Suche ein und nimmt erneut Kurs auf die libysche Küste.
Die Wachen an Bord sind eine ambivalente Sache: Zum einen bedeuten sie, besonders bei Nacht, Abenteuer und Verantwortung, zum anderen bleierne Müdigkeit, Langeweile und die Angst: Was kommt da als Nächstes? Kinder? schwangere Frauen? Verletzte? oder gar Tote?
Eine andere Form der Wache ist die auf dem unteren Deck.
Die kritische Zeit ist jeweils nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen. Über 350 Menschen müssen auf engstem Raum zur Ruhe kommen. Sie schlafen dort. Immer wieder kommt es jedoch zu Spannungen. In den Nächten sind mindestens zwei Crew-Mitglieder pro Deck da, um bei Bedarf zu schlichten. Diese Wachen sind für alle herausfordernd, da sie zusätzliche Energie kosten. Aber sie bringen auch Freiraum, den eigenen Gedanken nachzuhängen und die Ruhe der Nacht zu spüren. Momente der Verbundenheit mit diesen Menschen, die ein wenig Schlaf suchen, während sie einer ungewissen Zukunft entgegenfahren.
Constanze Broelemann
… in der Landwirtschaft
In der Landwirtschaft ist das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt zentral. Wir sind der Natur vollumfänglich ausgesetzt, sei es auf dem Feld aber auch im Stall. Wache halten oder auch wach sein ist für uns ein wesentlicher Aspekt, der unseren Alltag prägt. In der Zusammenarbeit mit unseren Tieren ist das «Wachsein» beispielsweise in der Früherkennung von Krankheiten wichtig. Bei unseren täglichen Kontrollgängen achten wir bewusst oder unbewusst auf tierspezifische Signale und versuchen diese richtig zu deuten. Die Erfahrung hilft, jedoch ist ein entsprechendes Feingefühl und eine fundierte Ausbildung notwendig.
Die Betreuung kranker oder auch hochträchtiger Tiere erfordert das «Wache halten» teilweise bis spät in die Nacht. Bis anhin haben wir ohne die Unterstützung von Stallkameras, Gesundheitshalsbändern, Melkroboter etc. gearbeitet. Dies bedeutet aber, dass nächtliche Kontrollgänge, regelmässiges Fiebermessen, Beobachten der Fresstätigkeit etc. unumgänglich sind. Mit Hilfe der Technik kann man sich die Kontrollen etwas vereinfachen. Wichtig ist aber, dass man die Datenflut richtig interpretiert und daraus die richtigen Schlüsse zieht. Dies ist sehr zeitaufwändig und anspruchsvoll. Die neuen Errungenschaften geben jedoch etwas mehr Flexibilität.
Auch bei der Beobachtung der Felder ist sowohl das «Wachsein» als auch das «Wache halten» Teil unserer Aufgabe. Ein waches Auge ist bei der Pflanzengesundheit oder der Erhaltung der Biodiversität genauso gefragt wie bei der Tiergesundheit. Kleinste Auffälligkeiten, wie zum Beispiel Käferlarven an den Weizenblättern oder nekrotische Blätter im Rebbau entscheiden über den Erfolg einer Ernte. «Wache halten» bedeutet im Feldbau schlaflose Nächte aufgrund von heftigen Unwettern oder Dürreperioden. Hierbei spüren wir die Ohnmacht gegenüber der Natur. Wir können unsere Kulturen gegen Hagelschlag versichern oder in den Reben mit der Montage von Hagelschutznetzen schützen. Trifft das Befürchtete tatsächlich ein, müssen wir jedoch tatenlos zusehen, wie unsere Kulturen erfrieren, vertrocknen, verhagelt oder überschwemmt werden.
Nichtsdestotrotz ist es genau dieses Zusammenspiel mit der Natur, welches unseren Beruf ausmacht. Jedes Jahr ist wieder anders und hat seine eigenen Herausforderungen. Der Beruf Landwirt fordert einen 24 Stunden pro Tag und 7 Tage die Woche und lässt wenig Freiraum. Für mich ist es eine Leidenschaft, die mich täglich antreibt und erfüllt.
Simone de Coulon
… für die Trauer
Eine jüdische Person ist gestorben und beigesetzt worden. Jetzt beginnt eine Phase von «Wachhalten der Trauer» in verschiedenen Phasen. Nachdem die Trauerfeier abgeschlossen ist, werden die Teilnehmenden gebeten, vom frischen Grab aus bis zum Ausgang des Friedhofs zwei Reihen zu bilden, wodurch eine Gasse entsteht. Die nächsten Angehörigen verlassen durch die Gasse den Friedhof, die Anwesenden wünschen ihnen: «Möge der Ewige dich trösten in der Schar aller Trauernden Zions und Jerusalems».
Jetzt gehen die Angehörigen nach Hause, wo die Schiw’a (Trauerwoche) beginnt. Sie streifen die ledernen Schuhe ab und setzen sich auf niedrige Stühle oder Kissen, um der Trauer Ausdruck zu geben. Sie bekommen eine kleine Mahlzeit: ein mit Asche überstaubtes hartes Ei und ein trockenes Brötchen. Während der ganzen Woche bleiben sie zu Hause und kümmern sich um nichts anderes als ihre Trauer. Essen wird gebracht und zweimal täglich kommen Mitglieder ihrer Gemeinde ins Haus für die regulären Gebetsgottesdienste, damit sie mit der Anwesenheit eines Minjan (Quorum für ein «öffentliches» Gebet: 10 mündige jüdische Menschen) ein Kaddisch beten können. Das Kaddisch ist das bekannteste jüdische Gebet, das in der allgemeinen Wahrnehmung mit dem Tod in Verbindung gebracht wird. Doch der aramäische Text erwähnt den Tod gar nicht, sondern bekräftigt nur die Allmacht Gottes. Angesichts der Unfassbarkeit von Tod bleibt den Hinterbliebenen manchmal gar nichts anderes, als auf diese Allmächtigkeit hinzuweisen. Kaddisch betet man nur, wenn ein Minjan anwesend ist, denn die Deklarierung der göttlichen Allmacht verlangt nach einer Antwort durch die Öffentlichkeit. Es ist ein äusserst tröstliches Ritual, das bis vor kurzer Zeit jedoch nur Männern möglich war.
Noch vor dem Begräbnis wird den nächsten Verwandten an einer unverfänglichen Stelle eines Kleidungsstücks eine Keri’a (Riss) gerissen – natürlich nur, wenn sie damit einverstanden sind. Die Trauernden tragen es während der ganzen Schiw’a; manche reduzieren auch die Körperpflege auf ein Minimum und Männer rasieren sich nicht. Besuche sind erlaubt, doch entscheiden die Trauernden allein, wie weit sie in Kommunikation treten wollen. Manchmal erzählen die Besucher, wie sie den Verstorbenen erlebt haben, was für die Trauernden ein vertieftes Bild des Menschen ergibt, den sie verloren haben. Auch das ist eine wunderbare Quelle von Trost.
Am Schabbat trauert man nicht. Die Trauernden bereiten sich ganz normal auf Schabbat vor, gehen in die Synagoge zum Gottesdienst, wo sie in der Gemeinde wieder willkommen geheissen werden. Die Schiw’a endet am siebten Tag nach dem Morgengebet. Die nächste Stufe der Trauer dauert bis zum dreissigsten Tag, das Trauerjahr für Eltern dauert elf Monate – so lange wird die Trauer wach gehalten, auch in der Öffentlichkeit. Von da an ist die Trauer «privat», aber am Todestag oder am nächstmöglichen Tag beten die Hinterbliebenen ein Kaddisch mit einem Minjan; auch das ist noch nicht überall für Frauen möglich.
Bea Wyler