Ausgabe 2025/1
Ciao, Ciao – gewohnte Welt. Woher kommt «woke»?
Als Bewegung der Wachsamkeit gegenüber ungerechten Machtverhältnissen, ruft Wokeism massive Widersprüche hervor. Dieser Backlash lässt sich als notwendiger Bestandteil von Veränderungsprozessen verstehen – und feministisch beantworten: mit radikaler Freundlichkeit.
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© Wir alle im Stadtgewimmel, Orlanda Verlag
von
Noemi Grütter
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14.04.2025
«I am known to stay awake
A beautiful world I’m trying to find
(A beautiful world, I’m trying to find)
I’ve been in search of myself
(A beautiful world) a beautiful world
It’s just too hard for me to find
(Dreams, dreams)»
Erykah Badu «Master Teacher»
(Wörtlich übersetzt: Ich bin bekannt dafür, wach zu bleiben
Eine schöne Welt, die ich zu finden versuche
Ich war auf der Suche nach mir selbst
Es ist einfach zu schwer für mich, sie zu finden
Träume, Träume)
Erykah Badu macht in ihrem Song «Master Teacher» klar: Wokeness ist nicht nur eine Haltung, sondern auch ein politisches Statement. In den letzten Jahren wurde die Redewendung «stay woke» besonders durch Songs wie diesen und die Black Lives Matter-Bewegung populär. Die Redewendung impliziert, dass man als Teil einer kritischen Bewegung wach bleiben und soziale Ungerechtigkeiten erkennen sollte. Wokeness fordert tiefgehende Veränderungen – von der Sprache bis hin zu strukturellen Reformen. Dies kann als Herausforderung für bestehende Machtstrukturen gesehen werden, was die Widersprüche und Spannungen erklärt, die der Begriff heute hervorruft. Der Begriff «woke» kommt ursprünglich aus dem afro-amerikanischen Kontext und bedeutet schlicht «wach» im Sinne von «aufmerksam» oder «bewusst». Bereits in den 1930er Jahren wurde der Begriff genutzt, um Menschen auf soziale Ungerechtigkeiten, insbesondere in Bezug auf Rassismus, aufmerksam zu machen. Ab den 2010er Jahren begann sich «woke» zu einem umfassenderen Begriff für gesellschaftliche und politische «Wachsamkeit» in Bezug auf Diskriminierungen aller Art zu entwickeln – von Rassismus über Sexismus bis hin zu LGBTIQ+-Rechten.
«Woke» als Schimpfwort …
Besonders Millennials und die Generation Z haben Wokeness zu einem zentralen Thema gemacht. Verstärkt durch die mediale Präsenz von Wokeness, hat der Begriff schnell an Popularität gewonnen und ebenso schnell zu Polarisierungen geführt. Seit dem Jahr 2019 wird der Begriff «woke» zunehmend in rechts-konservativen Kreisen als Schimpfwort verwendet, um die linken sozialen Bewegungen zu diskreditieren: Politiker*innen und Medien sprechen von einer «Woke-Demenz» und werfen der Wokeness vor, zu einer Art «Überwachungsgesellschaft» zu führen, in der alle Aussagen auf politisch korrekte Weise getroffen werden müssen. Sie stellen die Frage in den Mittelpunkt, ob Wokeness zu Selbstzensur und einer Einschränkung der Meinungsfreiheit führen könnte. Kritiker*innen argumentieren, dass der ständige Druck, sich politisch korrekt auszudrücken und keine «Fehltritte» zu begehen, das kritische Denken ersticke. Die Empörten sehen sich oft als die «traditionelle Mehrheit», die durch die neue politische Korrektheit in ihren Freiheiten und ihrer Moral gefährdet werde. Hier entsteht ein gesellschaftlicher Konflikt, der tief in Fragen von Macht und Status verankert ist.
… und Kampfbegriff
In der Schweiz hat die junge SVP die Wokeness sogar zum Kampfbegriff erhoben und kritisiert vor allem die zunehmende Sprachregelung und den Drang zur politischen Korrektheit. Das Beispiel der Bank UBS, die sich der inklusiven Sprache annahm, wurde zu einem Symbol des «woken Kapitalismus » und als Oberflächenaktivismus kritisiert. Die junge SVP rief zum Boykott der Bank auf, nicht weil sie in Rohstoffindustrien investieren und verantwortlich sind für Armut, Migration und unbeschreibliche Gewalt an Menschen im Global Süden, sondern dafür, dass sie sich der inklusiven Sprache annahmen.
Ablenkung von realen Missständen
Diese Nutzung von Wokeness durch die rechtskonservativen Akteur*innen ist nicht nur eine verzerrte Darstellung des Begriffs, sondern trägt auch dazu bei, wichtige gesellschaftliche Debatten zu entwerten und die Gesellschaft zu spalten. Indem sie Wokeness zu einem politisch-korrektivem, übertriebenen oder gar totalitären Begriff macht, wird der Fokus von den tatsächlichen sozialen und politischen Missständen abgelenkt, die durch diese Bewegungen adressiert werden. Rechte Parteien, die den Begriff als ein «Problem» definieren, führen dazu, die gesellschaftliche Debatte auf ein emotionales und polemisches Niveau zu senken, die eine konstruktive Auseinandersetzung mit den wichtigen Themen die dahinter stecken unmöglich machen. Dieser Diskurs fördert eine «wir gegen die»-Mentalität, in der diejenigen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, als Eliten oder Fanatiker*innen dargestellt werden, die der Mehrheit ihre Werte aufzwingen wollen. Wenn rechte Parteien Wokeness als Feindbild aufbauen, schaffen sie eine vermeintlich greifbare Bedrohung, die für alle Probleme verantwortlich gemacht werden kann. Wir kennen diesen «Sündenbock»-Mechanismus aus ihrer Migrationspolitik. Ein Mechanismus, der von den eigentlichen Ursachen gesellschaftlicher Probleme ablenken soll, etwa von wirtschaftlicher Ungleichheit, sozialer Ausgrenzung oder eigenen politischen Fehlentscheidungen.
Feministische Verwurzelung
Was bei der Diskussion in den Medien, sozialen Medien und Kommentarspalten oft vergessen geht, sind die tiefgenden feministischen Wurzeln der Wokeness: Die Gleichstellung der Geschlechter und der Kampf gegen patriarchale Strukturen, die Diskussion um gendergerechte Sprache, LGBTIQ+- Rechte und die Sichtbarmachung von marginalisierten Iden titäten gehört zu den zentralen Anliegen der Bewegung. Es geht um Gerechtigkeit: Jeder Mensch ist von Grund auf gleich viel wert. Und ja, um das zu erreichen muss sich gewaltig viel in unserer Gesellschaft ändern. Non-binäre Geschlechtsidentitäten sind heute für viele Menschen das, was Homosexualität in den 1980er-Jahren war. Eine Provokation und ein Tabu. Die weisse-cis-männliche Dominanz wird infrage gestellt. All das hat zu einer Art Backlash geführt. Die Veränderungen, die durch die LGBTIQ+-Bewegung und die feministischen Kämpfe eingeleitet wurden, stellen für viele einen Bruch mit traditionellen Werten dar.
Backlash: Ein Zeichen für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung
Das ist in dem Sinne interessant, weil seit Jahrzehnten rechtskonservative Kräfte der Gesellschaft ihre Werte, ihre Vorstellung von Moral aufzwingen möchten. Sie besitzten das Monopol über was als moralisch und unmoralisch zu gelten hat. Abtreibungen, Sexualität, Familie. Dass nun progressive Bewegungen vorgeben, was moralisch sei und was nicht, zerrt an ihrer Weltanschaung und nimmt ihnen eine unglaubliche Macht weg: die Macht der Moralität. Eine zentrale Erkenntnis, die wir aus der Geschichte sozialer Bewegungen ziehen können, ist, dass tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen oft einen Backlash nach sich ziehen. Wann immer bestehende Machtstrukturen, Normen oder Traditionen herausgefordert werden, entsteht eine Reaktion. Dieser Widerstand ist kein zufälliges Phänomen, sondern eine Reaktion auf den Verlust von gewohnten Privilegien, Macht oder Status.
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© Wir alle im Stadtgewimmel, Orlanda Verlag
Fortschritt und Widerstand
Die LGBTQ+-Bewegung, die mit der Forderung nach Rechten und Akzeptanz begann, wurde im 20. Jahrhundert von vielen politischen und religiösen Gruppen heftig bekämpft. Besonders in den 1980er Jahren, als das Thema HIV/AIDS aufkam, gab es einen massiven Widerstand von konservativen Kräften, die die Bewegung und die damit verbundenen sozialen Forderungen als moralische Bedrohung ansahen. Auch die Gesetzgebung in vielen Ländern war bis in die späten 1990er und 2000er Jahre diskriminierend, etwa in Bezug auf die gleichgeschlechtliche Ehe oder Adoptionsrechte. Trotz und vielleicht gestärkt durch diesen Widerstand konnte die LGBTQ+-Bewegung weltweit grosse Fortschritte erzielen. In vielen westlichen Ländern wurden Gesetze gegen Diskriminierung verabschiedet, die gleichgeschlechtliche Ehe wurde legalisiert (in 38 Ländern) und gesellschaftliche Normen hinsichtlich der Akzeptanz von Diversität haben sich verändert. Der Aufstand gegen die brutale Polizeigewalt in der Bar Stonewall-Inn in der Christopher Street, New York, von 1969, ist einer der Meilensteine der Bewegung. Er mündete in einer breiten Bewegung, die weltweit Anerkennung fand – die heutigen Pride-Paraden und Demonstrationen am «Christopher Street Day» erinnern jährlich an diesen Meilenstein. Auch die LGBTQ+-Bewegung erlebte als Teil eines grösseren gesellschaftlichen Veränderungsprozesses einen massiven Backlash. Dieser Widerstand prägte die Entwicklung der Bewegung, indem er die Gesellschaft zwang, die eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen und neu zu definieren.
Veränderung ist unbequem
Der Backlash ist insofern eine natürliche Reaktion, als dass jede Gesellschaft, die sich wandelt, mit einer gewissen «Reibung» zu kämpfen hat. Für viele Menschen – insbesondere für diejenigen, die von den alten Normen profitiert haben – kann der Verlust der gewohnten Ordnung beängstigend wirken. So wird der Widerstand gegen Wokeness häufig von dem Gefühl getragen, dass «etwas verloren geht» – sei es die gesellschaftliche Stellung oder das Gefühl, in einer gewohnten Welt zu leben. Der Widerstand ist daher nicht nur eine Ablehnung von Veränderungen, sondern auch eine Herausforderung für die Art und Weise, wie wir Macht und Privilegien in der Gesellschaft verstehen und wie tief diese in unseren Institutionen und Werten verankert sind.
Heute radikal, künftig selbstverständlich
Diese Dynamik zeigt, dass echte Veränderung oft unbequem ist – für alle Beteiligten. Umso wichtiger ist es, sich bewusst zu machen, dass diese Widerstände, so unangenehm sie auch sein mögen, zu einem tieferen Verständnis und einer festeren Verankerung von sozialen Fortschritten führen können. Der Prozess des gesellschaftlichen Wandels ist selten linear oder unbestritten. Der Widerstand wird oft als Test für die Widerstandskraft der Bewegung und ihre Fähigkeit zur langfristigen Veränderung verstanden. Damit lässt sich die Diskussion über Wokeness auch als eine historische, zyklische Entwicklung verstehen, die auf den langfristigen Erfolg sozialer Bewegungen hindeutet, auch wenn sie in der Gegenwart noch stark umstritten sind. Backlash hilft dabei, den gesellschaftlichen Diskurs zu schärfen und die Bedeutung der Veränderungen zu verdeutlichen. Die Herausforderung besteht darin, diese Spannungen als produktive Auseinandersetzung zu begreifen und nicht als Bedrohung, die die Bewegungen zum Schweigen bringt. Was heute als radikal gilt, könnte in Zukunft als selbstverständlich angesehen werden. Der Weg dahin ist jedoch häufig von Konflikten und Spannungen begleitet.
Radikale Freundlichkeit
Um eine produktive Auseinandersetzung Realität werden zu lassen, braucht es etwas Grundlegendes: eine konstruktive Fehlerkultur. Wokeness geht über das blosse Verstehen von Ungerechtigkeit hinaus und beinhaltet oft eine aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, Denkmustern und Vorurteilen Vorurteilen. Dies bedeutet, dass niemand perfekt «woke» ist. Vielmehr ist ein kontinuierlicher Lernprozess nötig, der mit der Bereitschaft einhergeht, eigene Fehler zu erkennen und sich zu verbessern. Eine Fehlerkultur in diesem Zusammenhang zuzulassen, ermöglicht es Individuen und Gesellschaften, den oft schwierigen, aber notwendigen Weg zu einer inklusiveren und gerechteren Welt zu gehen, ohne dass der Druck entsteht, fehlerfrei zu sein. Auch da können wir aus feministischen Theorien und Herangehensweisen lernen und zwar mit der ungefeierten Waffe des Feminismus: radikale Freundlichkeit. Sich selbst und anderen gegenüber. Aber nicht nur Freundlichkeit sondern auch Verantwortlichkeit. Sich selbst und anderen gegenüber. Ein feministischer Ansatz zur Verantworlichkeit hat einen positiven Rahmen. Er wird von unserem Wunsch nach Liebe, Verbindung und Fürsorge für andere angetrieben.
Offene Fehlerkultur
Wokeness betrifft viele tief verwurzelte Themen wie Rassismus, Sexismus, Klassismus und mehr. Diese Themen sind emotional und oft sehr persönlich. Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, Kulturen und Hintergründen können unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen einbringen. Eine offene Fehlerkultur, durch radikale Freundlichkeit, ist entscheidend, um einen Dialog zu ermöglichen, der nicht nur auf richtigen Begriffen oder korrekt formulierten Aussagen beruht, sondern auf einer echten Auseinandersetzung mit den komplexen Fragen von Gerechtigkeit und Ungleichheit. In einer Umgebung, in der eine Fehlerkultur kultiviert wird, können Menschen ihr Verhalten ändern und aktiv daran arbeiten, ihre Denkweise zu erweitern und zu vertiefen. Anstatt sich von einem Fehler entmutigen zu lassen, können sie die Gelegenheit nutzen, um sich mit den sozialen Themen, die Wokeness betreffen, besser auseinanderzusetzen und aus ihren Fehlern zu lernen, in gegenseitiger Freundlichkeit und Verantwortlichkeit, so wie es uns die Feminist* innen lehren.
Autor:innen
von Noemi Grütter
Noemi Grütter ist Menschenrechtsexpertin, feministische Klimaaktivistin, Produzentin und DJ. Sie ist Co-Präsidentin bei Sexuelle Gesundheit Schweiz und Koordinatorin der Global Alliance for Green and Gender Action (GAGGA).
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