Neben einer Vielzahl zu nennender Titel, wenn es um singende Frauen im Film geht – man denke an FLORENCE FOSTER JENKINS (Stephen Frears, 2016) und so ungefähr jeden Disney-Film – ist 27 DRESSES (Anne Fletcher, 2008) nicht unbedingt einer, der ins Auge springt. In dieser romantischen Komödie geht es um die hilfsbereite, immer freundliche Jane, die bereits auf 27 Hochzeiten Trauzeugin war und selbst von der grossen Liebe träumt. Singen ist in diesem Film nicht unbedingt zentral. Ausser in einer Szene, in der das Singen des Hauptcharakters Jane (Katherine Heigl) einen Schlüsselmoment ihrer Charakterentwicklung ausmacht. Jane wird zunächst als organisiert, zuvorkommend und immer freundlich eingeführt. Ihr love interest Kevin (James Marsden) – den sie in guter alter Manier romantischer Komödien zunächst nicht ausstehen kann – beobachtet ihre freundliche Fassade mit zunehmender Skepsis. Erst als die beiden gemeinsam in einer Bar versacken, fängt Janes Fassade an zu bröckeln, nur um einige Szenen später komplett zu implodieren.
Singen als Kontrollverlust
Dass es sich bei der Bar-Szene um einen Übergang in Janes Charakterentwicklung handelt, zeigt sich spätestens dann, als sie gemeinsam mit Kevin auf der Theke tanzt und singt – oder wohl eher grölt. Alle Augen sind auf Jane gerichtet, ihr Singen beherrscht die Szene. Es ist ein als positiv vermittelter Kontrollverlust Janes, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht auffallen und bloss keinen Raum einnehmen wollte. Der Kontrollverlust zeigt sich zudem darin, dass Jane ab dieser Szene beginnt, sich Kevin zu öffnen. Nachdem sie von der Theke zu Kevin heruntersteigt, küssen sich die beiden und haben Sex in Janes Auto. Der Film suggeriert hier, dass die beiden sich ineinander verlieben. Allerdings verliebt sich Kevin nicht direkt in Janes Stimme, sondern vor allem darin, was Janes Gesang symbolisiert: einen Teil ihres Charakters, der zuvor nicht zum Vorschein kam.
Sirenengesang
Verbreiteter ist jedoch, dass sich in Filmen Männer reihenweise in Frauen aufgrund ihrer wunderschönen, verzaubernden Singstimme verlieben. In BABY DRIVER (Edgar Wright, 2017) wird die Figur der Debora (Lily James) eingeführt, indem sie den Song B-A-B-Y von Carla Tomas vor sich her singt. Der männliche und musikbesessene Hauptcharakter, der den Namen «Baby» trägt, ist von ihrem Gesang derart fasziniert, dass er ihn heimlich aufzeichnet. Eine ähnliche Obsession entwickelt auch Prinz Eric, dessen Schiff zu Beginn des Disney-Animationsfilms THE LITTLE MERMAID (Ron Clements/John Musker, 1989) kentert. Der Film wurde 2023 von Rob Marshall als Realfilm neu inszeniert. In beiden Versionen wacht Eric, nachdem er von der Meerjungfrau Arielle gerettet wurde, an Land zu ihrem Sirenengesang auf. Gerade in der Neuverfilmung von 2023 wird deutlich gemacht, dass Eric (Jonah Hauer-King) im grellen Gegenlicht Arielle (Halle Bailey) nicht erkennen kann. So bleibt ihm nur ihr Gesang in Erinnerung, und Eric entwickelt daraufhin eine als Verliebtheit dargestellte Obsession dafür, das Mädchen zu finden, das ihn rettete.
Die ent-körperte Stimme
Love at First Note (in etwa: «Liebe auf den ersten Ton») wird das hier verwendete narrative Mittel genannt. Dabei wird auch auf die Sirenen der griechischen Mythologie Bezug genommen, welche durch ihren Gesang Seemänner um ihren Verstand brachten. Entsprechend singt Eric in der Neuverfilmung die Liedzeile «your voice is like a siren that guides me» («deine Stimme ist wie eine Sirene, die mich leitet»). Erics Bestreben ist dabei Ausdruck eines Bedürfnisses nach Wiederherstellung von Synchronizität zwischen Stimme und Körper, die Kaja Silverman als einen Aspekt des narrativen Kinos beschreibt. So werde «der Körper durch die Stimme und die Stimme über den Körper vermittelt gelesen», schreibt Silverman. Eine Abkehr von dieser Synchronizität stehe dabei nur männlichen Subjekten zu, indem sie von einem transzendentalen Standpunkt aus über das Geschehen sprechen. Dieses «ent-körperte Voice-Over» ist ein «Beleg erfolgreicher Unsichtbarkeit, Allwissenheit und Diskursmacht». Gleichzeitig stehe weiblichen Subjekten eine solche Asynchronizität nicht zu, da sie Objekte einer doppelten Überwachung seien und daher beobachtet und belauscht werden müssten.
Männliche Kontrolle
Da weibliche Subjektivität, so Silverman, «als Körper konstruiert» sei, wäre es besonders gefährlich, «ihr zuzugestehen, zu hören zu sein, ohne gesehen zu werden». Denn, so schreibt Silverman weiter: «Damit würde sie sich jenseits der Kontrolle des männlichen Blicks befinden». Männliche Subjektivität, so Silverman, sei vollständig, wenn sie am unsichtbarsten sei, während weibliche dann ihre Vollständigkeit erreiche, wenn sie am sichtbarsten sei. Die weibliche Stimme werde so im Kino immer wieder, «und sei es auch nur retrospektiv, in Übereinstimmung [mit ihrem Körper] gebracht». Und so ist dies auch bei THE LITTLE MERMAID. Körperlos zu bleiben, kann Arielle nicht zugestanden werden. Als er auf Arielle in Menschengestalt trifft, ist Eric nur kurz erleichtert. Denn seine Suche scheint noch nicht abgeschlossen zu sein, da Arielle durch den Deal mit der Meerhexe Ursula ihre Stimme verloren hat. Dass sie nun zwar beobachtet, aber nicht belauscht werden kann, lässt Eric daran zweifeln, dass sie das richtige Mädchen ist. Als Ursula dann in Menschengestalt als Vanessa und mit Arielles Stimme auftaucht, um Eric zu verführen, überzeugt sich Eric trotz Zweifel, dass es sich bei Ursulas Alter Ego Vanessa um das Mädchen handeln muss. Denn nur in ihr kann die zu überwachende Synchronizität hergestellt und die Frau einer männlichen Kontrolle unterworfen werden.
Weiblich codierte Stimme
Der Entzug männlicher Kontrolle durch das ent-körperte Sprechen eines weiblichen Subjekts zeigt sich beispielhaft im Film HER (Spike Jonze, 2013), wobei die männliche Kontrolle hier in Teilen auch untergraben wird. Hier verliebt sich der einsame Theodore (Joaquin Phoenix) in die Künstliche Intelligenz Samantha (mit der Stimme von Scarlett Johansson) und geht mit ihr eine Beziehung ein. In diesem Film ist es nicht Theodore, also die männliche Figur, die vornehmlich versucht eine Synchronizität von Stimme und Körper herzustellen, sondern vielmehr Samantha, die weiblich codierte Figur. Sie strebt nach einer Körperlichkeit, die von einem heteronormativen und binären System ausgeht – wobei sie sich gerade letzterem als Systemprogramm ja eigentlich entzieht. Unter anderem engagiert sie eine Sexarbeiterin für Theodore, die ihre Dienste als KI-Surrogat anbietet. Dass es sich bei Samantha um eine Frau handelt, ist zunächst eine Zuschreibung, die sich daraus ergibt, dass sie einen Frauennamen trägt und von einer Frau gesprochen wird – und zwar von Scarlett Johansson, deren Attraktivität im öffentlichen Diskurs oftmals hervorgehoben wird.
«This song could be like our photograph»
Trotz dieses Strebens von Samantha nach Körperlichkeit ist es hier die als weiblich inszenierte Subjektivität, der ein ent-körpertes Sprechen von einem transzendentalen Standpunkt aus zugestanden wird. Samanthas fortschreitende Intelligenz wird dabei immer wieder auch anhand von Musik dargestellt. Sie komponiert für Theodore Klavierstücke, die sie als eine Art Foto-Ersatz beschreibt («We don’t have photos together. So this song could be like our photograph.» – «Wir haben keine gemeinsamen Bilder. Dieses Lied könnte unser Bild sein.») und die immer komplexer werden. Gegen Ende des Films ist sie gar in der Lage, zu Theodores Ukulelespiel zu singen und einen Text zu improvisieren. Während das weibliche Singen in anderen Filmen die Frau oftmals in einen Objektstatus versetzt, ist es hier als Ausdruck von Samanthas gesteigerter Intelligenz dargestellt. Schliesslich läutet die Szene Samanthas selbstbestimmten Aufbruch ein – und Samantha besingt den Abschied von ihrem Wunsch nach Körperlichkeit. Sie wird unsichtbar bleiben.
Literatur
- Silverman, Kaja (2016 [1984]): Die weibliche Stimme ent-körpern. In: Peters, Kathrin/Seier, Andrea (Hrsg.): Gender & Medien-Reader. Zürich: Diaphanes, S. 71–90.
- TV Tropes (o.J.): Love at First Note. Verfügbar unter: https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/LoveAtFirstNote [zuletzt aufgerufen am 01.04.2025].