darauf bin ich allein zu sehen, gemütlich auf der geräumigen fensterbank des alten hauses meiner ahn*innen sitzend – die fensterflügel stehen offen, es ist wohl sommer und jemand fotografiert aus dem garten meinen vermeintlich unbeobachteten moment: meine augen sind geschlossen, und ich singe. ich bin vielleicht fünf, sechs jahre alt – knallgrüne hose, senfgelber pulli, mittelkurze strohblonde haare. noch ein grund, warum ich das bild mag: ich bin, wie auf anderen bildern in ähnlichen outfits, einfach ein kind. nicht mädchen, nicht bursche. ein kind, das es sich gemütlich gemacht hat um zu singen, und nicht darüber nachdenkt, wer zusieht oder -hört.
mit beidem – dem sorglos singen und dem genderlos im leben stehen – ging es nicht lange so weiter. das foto ist aus den frühen neunzigern, und erst über zwanzig jahre später werden wörter wie ‹trans› und ‹nichtbinär› in mein vokabular wandern, noch später erst begriffe sein, die ich mich traue mir selbst zuzuschreiben.
eine frage von talent?
meine singbiografie ist wie die vieler menschen geprägt von einschätzungen von aussen, ob eins nun ‹singen kann› oder nicht. diese einteilung in ‹gute› und ‹schlechte› singstimmen sieht die sängerin abigail bengson als verbunden mit einteilungen in ‹gute› und ‹schlechte› körper, wie sie auch in menschenverachtenden ideologien vorgenommen werden – sei es aufgrund von behinderung, geschlecht, hautfarbe, alter, klasse oder anderen merkmalen. singen erscheint aufs erste als eine neutrale tätigkeit, die je nach talent und übung für einzelpersonen mehr oder weniger bedeutung hat. aber es dreht sich auch um ein körperliches platz-einnehmen, um verletzlichkeit, um ein sich-zeigen – alles dinge, die für unterschiedliche körper je nach kontext unterschiedlich sicher und selbstverständlich sind. dass singen auch ein werkzeug persönlicher und kollektiver ermächtigung sein kann, und unter anderem in form von protestliedern wichtiger teil politischer praxis ist, kommt nicht von ungefähr.
privatsache
als mensch, der sich dem mir bei der geburt zugewiesenen geschlecht nicht zugehörig fühlt und ohne jegliche rollenbilder von nichtbinären menschen aufgewachsen ist, kann ich davon – sozusagen – ein lied singen. die erfahrung, in der schule zu lernen, dass eins einfach nicht singen könne, machen viele; für mein junges selbst trifft sie zusätzlich auf eine schon verschärfte grund-ungemütlichkeit in meinem körper, auf versteckung und rückzug in mich selber als normalität. dass nun auch noch meine stimme irgendwie falsch sein soll, passt gut zu meinem nirgends-dazugehören, für das mir ohnehin die sprache fehlt.
als ich bei einem besuch in taizé im alter von 16 durch eine mischung aus missverständnis und übermut im chor lande und dort auch noch der für mich neuen altstimme zugeordnet werde, geht in mir ein neues fenster auf – was, wenn meine stimme doch etwas wert wäre, ihren stimmigen platz hätte und sich einweben könnte in diese kraft gebenden klänge?
ab da wird singen eine verhaltene, sehr private praxis voller unsicherheiten und sehnsüchte, die nur in ausgesuchten räumen stattfindet.
singen als sich zeigen
wenn es um singen als wagnis geht, fällt mir wieder abigail bengson ein, deren lieder auf instagram mich durch aktuelle politische miseren tragen. in einem interview im podcast ‹the best advice› fordert sie dazu auf, die stimme auch mal brechen zu lassen. sie stellt das ideal des uniformen halten-könnens bestimmter töne in frage: was, wenn unser singen ein aufbrechen und mitteilen unserer gefühlswelten und unserer selbst, ein bewusstes einladen und üben von verletzlichkeit sein dürfte? ein wirkliches sich-zeigen? ‹ja, stimmt, andere würden dann merken, dass du auch nur ein mensch bist›, folgert sie. ‹alle würden sehen, dass dir etwas nicht egal ist; dass dir etwas angst macht; dass du dich bemühst; dass du etwas machst, was für dich neu ist› – wäre das wirklich so schlimm?
just make noises
mein bezug zum singen ändert sich mit anfang dreissig, noch auf dem heilungsweg nach patriarchaler gewalt, und frisch am liebäugeln mit der idee, mein (gender-)queersein offener zu leben. ich bin alleine auf reisen im nordosten der usa, und lerne menschen kennen, die ich jetzt im rückblick als meine erste erfahrung von ‹queer family› sehe. eins der dinge, die ich an ihnen so mag: sie singen viel und ungehemmt: auf der baustelle, beim kochen, vorm schlafengehen, in mühelosen harmonien und improvisationen. ich staune, und wir reden über meine sehnsucht, auch so singen zu können. ‹just make noises›, rät mir die neu gefundene freundin, ‹mach einfach geräusche. du merkst dann schon, welche passen und welche nicht.› ganz so einfach kann es doch nicht sein, denke ich mir da, aber trotzdem singe ich immer öfter mit, und als mich mein weiterwandern in menschenleere wälder bringt, singe ich auch dort mit neu gefundener courage. der wald ist ein freundliches publikum für dieses queere selbst, das ich immer mehr verkörpere, und für meine stimme.
ein glücksfund
inzwischen sind noch ein paar jahre vergangen, und ich bin frisch zurück vom probewochenende mit meinem chor, als ich die anfrage bekomme, diesen artikel zu schreiben. in mir singt es noch, und das wissen, dass singen in all seiner verletzlichkeit zu einer befreienden erfahrung für mich geworden ist, ist in diesem moment voll in meinem körper. ich selbst sein können und dabei auch noch mit anderen singen: ich weiss, das ist keine selbstverständlichkeit. gerade für trans-personen sind chöre oft nicht zugänglich. innerlich danach gesucht hatte ich schon lange, als ich über eine neue bekanntschaft vor drei jahren in diesen kleinen selbstorganisierten chor gestolpert bin. es war der erste, in dem ich nicht vorsingen musste (nicht nur für mich eine grosse hürde) und in dem – besonders relevant für mich, und in der welt der chöre ungewöhnlich – die aufteilung in stimmgruppen nicht ans geschlecht gebunden ist. derzeit singe ich in der zweit-tiefsten der fünf stimmgruppen und fühle mich da pudelwohl. falls ich mich in der zukunft für hormontherapie entscheiden und das meine stimmlage ändern würde, könnte das einen wechsel bedeuten – und auch das wäre hier kein problem.
der chor stärkt
je länger ich im chor bin, desto mehr bestätigt sich die vermutung, dass es beim töne-treffen und harmonisieren vielleicht doch mehr um übung geht als um talent. und auch mit den gemeinsamen körper- und stimmübungen, der gemeinschaft mit anderen (dass ich und ein paar andere choris trans sind, wird nicht gross thematisiert), ist dieser chor für mich ein wichtiger teil meines alltags geworden. hier kann ich mich darin üben, in einer gruppe präsent zu sein mit genau diesem körper, mit genau dieser stimme und ihrem umfang – meine stimme und ich, wir sind hier willkommen.
und: die lieder in unserem feministisch ausgerichteten repertoire geben kraft, verleihen frust, mut, trauer und anderem ausdruck und ermutigen zu widerstand, zum raum-einnehmen. unsere lieder und die erfahrung, sie gemeinsam zu singen, klingen in den alltag nach und machen einen unterschied.
jeder raum zählt
dieser unterschied ist so relevant, weil die verwobenheit meiner singbiografie mit meinem zunehmend offenen queersein natürlich nicht die ganze geschichte ist: alltägliche diskriminierungserfahrungen, politische angriffe auf die rechte von trans-personen, das tägliche existieren in einer sprache, in der ich nicht vorkomme, und ein mangel an anderen sicheren räumen für mich und unsereins – all das ist realität und geht nicht einfach weg, nur weil ich meine stimme und einen für mich passenden chor finde. auch dieser ort ist weder perfekt noch allen zugänglich. aber singen ‹ist lebendig sein, ist die welt spüren›, sagt abigail bengson, und jeder ort, an dem das für eins von uns neu möglich wird, gibt mir ein stück hoffnung.