Vor etwa zehn Jahren verbrachte ich einen Studienurlaub zum Thema «Zu Gast auf Erden» und «Grenzgänge». In dieser Zeit durchwanderte ich die Karnischen Alpen, eine in vielerlei Hinsicht besondere Gegend zwischen Dolomiten und Julischen Alpen, im Kulturraum Alpen und Adria, im Grenzgebiet von Slowenien/Ex-Jugoslawien, Friaul/Italien und Süd-/Osttirol/Kärnten. Vor gut 100 Jahren war diese Gegend furchtbarer Schauplatz grauenhaften Blutvergiessens zwischen bis anhin leidlich bis friedlich nebeneinander lebender Völker gewesen.
Friedensweg
Die Bilder der Mahnmale des Ersten Weltkrieges bleiben unvergessen: Soldatenfriedhöfe in den Alpen, Kampfschauplätze und – ganz markant – verrosteter Stacheldraht, durch den hindurch prachtvoll blühende Alpenblumen und Kräuter unbeirrbar wuchsen, gleichsam als Zeichen, dass nichts so wüst sei, um nicht doch Boden sein zu können für etwas Gutes, Schönes. Dazwischen die Friedenswimpel, überall. Die Idee war in den 70er Jahren geboren, aus den ehemaligen Kriegspfaden und Standschützenhütten einen Friedensweg und gastliche Alpenhütten zu errichten.
Stärkung
Diese Verwandlung glaubte ich tief innen zu spüren, jedenfalls fühlte ich mich auf diesen Wegen und Wanderungen auf sowohl transzendente wie bodenständige Weise aufgehoben, angenommen, beheimatet, ge- und bestärkt: Ich erinnere mich an das Gefühl gleichzeitigen Betroffen- wie Berührtseins, Überwältigt- wie Aufgehobenseins in der überschwänglich prachtvollen Alpenwelt, mit ihren Blumen und Berggipfeln, Weiden und Wiesen, den gastlichen Alpenvereinshütten, der rechtschaffenen Müdigkeit nach langen Etappen und der immer wohlschmeckenden Verpflegung: die Leichtigkeit der Italianità, die währschaften alpinen Mehlspeisen und die bodenständig slowenisch-kärntnerische Küche.
Zuwendung
Und mehr noch: in allen Begegnungen, sei es tagsüber auf den Wegen, sei es abends auf den Hütten, lag in meiner Erinnerung eine unglaublich liebevolle Zuwendung und Anteilnahme, im Erzählen, Nachfragen, und Austauschen. Es schien mir, als ob so viel Gutes zusammenkomme, etwa das Zusammentragen von Erinnerungen, guten und schmerzlichen, die Erinnerung an karge Zeiten oder die an eine fast ausgestorbene alte Tiroler Sprache, das «Plodner», das heute nur noch von ganz wenigen Alten dreier italienischer Dörfer gesprochen wird. Die tiefsinnigen Gebete und Sprüche, die an den Wänden der Hüttenstuben zu lesen waren, etwa im Hochweissteinhaus: Die ganze Welt ist Heimat, wenn du in deinem Herzen wohnst.
Aufgehoben
In diesem leiblich-kulinarischen wie auch menschlich-kulturellen Aufgehobensein wurde mir bewusst, von welch unschätzbarem Wert solche Bezüge und Begegnungen gerade auch in Zeiten von «Krisen» sind. Das zu tun und zu leben, auf was es ankommt! Das, was uns am Herzen liegt, einzubringen in eine gute Welt und Wirtschaft. Und gerade heute: der (Ver)Wandlungsfähigkeit in Zeiten der Krisen und Unsicherheit trauen, Netzwerke und Begegnungen stärken, neue Wege suchen, zurück zur Lebendigkeit.
Dankbar
Auf dass wir uns nicht der Angst vor Knappheit, Krisen und Krankheit, vor Zukunft und Mangel hingeben, sondern dem Staunen und der Dankbarkeit über und der Inspiration durch die Überschwänglichkeit des Lebens: soviel Schönheit und Sinnlichkeit, Lebensfreude und Lebendigkeit, Zuwendung und Zärtlichkeit sind da und sind möglich. Lassen wir uns nicht länger einspannen ins knausrig sorgenvolle Denken der «Weltwirtschaft», sondern einstimmen auf die grosse Teilhabe an der Wirtinschaft, die sich nicht beschränkt auf (weibliches) Engagement «um Gotts Lohn», sondern durch die Einsicht: Es ist genug für alle da – und in die Mitte unsres unaufhörlichen sinnentfaltenden Tuns und Austauschens gehört nicht das Geld, sondern die Bedürfnisse der Milliarden von «Würdeträgerinnen und Würdeträger, die in immer neuen Generationen zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen die eine Erde bewohnen».
Mahlgemeinschaft
So ist gelungene Mahlgemeinschaft vielleicht umfassendes Sinnbild und Ermutigung zum Nachdenken darüber, wie wir mit materiellen wie immateriellen Ressourcen und Gütern umgehen, auch welche Bezüge wir in Zubereitung, Verwertung und Genuss von Lebensmitteln hineinlegen bzw. wo und wie wir einkaufen. Wie gewichten wir «unsichtbare» bzw. «unsichtbar gemachte» Arbeit, welchen Wert messen wir dem Brot – der existenziellen Sicherung des Überlebens – und den Blumen am Wegrand zu? Welchen Stellenwert haben scheinbar unrentable Tätigkeiten, Musse, Verzicht, Reduktion oder auch der Luxus und die Freude, etwas nicht existenziell Notwendiges zu schaffen und zu geniessen? Ganz im Sinne jener pfiffigen Nonne, die einmal gesagt haben soll: Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Grund, ihn zu feiern!
Deine Schöpferkraft feiern – mit einem Stück Brot
Deine Zärtlichkeit & Zugewandtheit feiern – mit einer Rose
die zur Sinnlichkeit & Schönheit – berührt & beglückt
Deine überfliessende Güte & Gnade feiern – im Staunen über die Schöpfung
Deine Fülle & Deinen Frieden feiern – mit Brot & Wein
die uns bestärken an Leib & Seele – spürbar & sichtbar
zum Erkennen Deines DaSeins in allem – kraftvoll, leise, ewig
(frei nach Pierre Stutz und Marilene Hess)