Ausgabe 2021/4

Zusammen essen | Erfahrungen aus der Asylseelsorge

Wie, wann, was und mit wem wird in einem Asylzentrum gegessen? Die Fragen rund um Formen der Mahlgemeinschaft sind ein Spiegel für diesen komplexen Ort und für Menschlichkeit an sich.

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© Pascale Amez
Text: Esther Imhof / 29.05.2025

Zehn vor zwölf im Bundesasylzentrum Zürich. In langen Schlangen stehen sie im Innenhof vor den geschlossenen Glastüren des Essenstrakts: Gruppen von jungen Männern, Mütter und Väter mit ihren Kindern, Paare, einzelne Frauen und Männer verschiedensten Alters.

Mittagessen, Variante 2

Das vorfreudige Stimmengewirr, wie es etwa die Wartenden vor einem Zirkuszelt umgibt, fehlt. Mehr oder weniger geduldig wird die Situation ausgestanden. Uniformierte Sicherheitskräfte stehen mit unbewegten Mienen auf ihren Plätzen, einzelne Betreuer*innen schwirren geschäftig umher. Punkt zwölf werden sich die Türen zu den Esssälen öffnen und das Essen wird ausgegeben werden. Menu 1 auf schwarzem Tablett für alle. Mehr oder weniger lustlos wird es an den langen, funktionalen Tischen gegessen werden, kaum ein Teller wird leer werden. So geht es Tag für Tag, Mahlzeit für Mahlzeit.

Ich sitze auf einer Bank am Rande des Innenhofs und schaue zu. Fast ekeln mich die Leute an, wie sie von der Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme getrieben in der Schlange stehen. Weit entfernt ist der Gedanke, mich zusammen mit ihnen an den Tisch zu setzen und gemeinsam zu essen. Eine Kluft tut sich auf. Ich erschrecke ab meinen Gefühlen und gönne mir eine Pause von diesem Unort. Ich passiere die Sicherheitsschleuse, erhalte von der diensthabenden Frau an der Loge meine Identitätskarte zurück, dann fällt die schwere Glastür hinter mir ins Schloss. Bereits nach wenigen Schritten nimmt mich das quirlig-urbane Hochschulquartier rund ums Toni-Areal auf. Ich atme tief durch und esse in einem der sympathischen Cafés, alleine.

Mittagessen, Variante 1

Wir sind erst vor wenigen Wochen ins neu gebaute Bundesasylzentrum gezogen. Wir, das sind all die Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen, die es bevölkern: Bewohner*innen, Betreuer*innen, Sicherheitskräfte, Gesundheitsfachleute, Reinigungsfachkräfte und je zwei muslimische und christliche Seelsorgende (eine davon ich). Wer in der Schweiz um Asyl bittet, muss zuerst ungefähr drei Monate in einem Bundesasylzentrum wohnen. In Zürich hatten bis Mitte 2019 zwei Provisorien als Bundesasylzentrum gedient: ein Barackendorf für Gastarbeiter aus den 60er-Jahren und eine leerstehende Messehalle. Auch da durften die Asylsuchenden nicht selbst für sich und ihre Familien kochen, auch da wurde allen dasselbe Menu serviert. Doch es war normal, dass sich Asylsuchende und Mitarbeitende, betreute und betreuende Menschen, am Mittag gemeinsam an die langen Tische setzten und die gleiche Mahlzeit zu sich nahmen. Da war oft nicht mehr Interaktion zwischen den beiden Gruppen als zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen in einer Schulmensa. Und doch empfand ich es als fragmentarische Mahlgemeinschaft, die mir wohltat. Es war ein Moment im Tagesablauf, in dem ich unsere gemeinsame Menschlichkeit spürte: wir alle hatten Hunger, wir alle hätten ein selbst zubereitetes Essen vorgezogen, wir alle freuten uns über ein Lächeln bei der Essensausgabe oder eine freundliche Begegnung am Tisch. Die prekäre Asymmetrie der unterschiedlichen Rollen trat für einen Moment in den Hintergrund. Ich habe das geschätzt und viele Asylsuchende auch. Obwohl sich auch da viele schwer taten mit dem ungewohnten Essen, waren sie überzeugt, dass es qualitativ in Ordnung sein muss. Denn dass sich selbst der Leiter des Asylzentrums am Mittag an einen der langen Tische setzte und dasselbe Essen ass, blieb nicht unbemerkt. Immer wieder wurde ich daraufhin angesprochen.

Grenzen

Im neu errichteten Bundesasylzentrum unter neuer Leitung war diese Mahlgemeinschaft plötzlich nicht mehr vorgesehen. Begründet wurde es offiziell rein organisatorisch: es sei zu kompliziert abzurechnen, wenn Mitarbeitende mitessen. Doch hörte ich auch das Wort «unprofessionell», wenn es um die vorher praktizierte Mahlgemeinschaft ging. Dahinter steht wohl die Idee, dass die Grenzen zwischen Mitarbeitenden und Asylsuchenden gewahrt werden müssen. Grundsätzlich kann ich dies nachvollziehen. Das Problem von Grenzverletzungen in einem Bundesasylzentrum ist sehr ernst zu nehmen, und ein professionelles Rollenverständnis mit klaren Abgrenzungen dient dem Schutz von Asylsuchenden und Mitarbeitenden. Ohne Zweifel trägt der Verzicht auf Mahlgemeinschaft zu dieser Abgrenzung bei. Meine Ekelgefühle angesichts der Schlange von Menschen, deren Mahlzeiten auf den Aspekt der Nahrungsaufnahme reduziert werden, deuten jedoch noch auf etwas anderes hin: Ein starres Ziehen dieser Grenzen kann auch gefährlich werden, indem es das Fundament unserer gemeinsamen Menschlichkeit untergräbt.

Festmahl

Szenenwechsel. Ich bin angekommen. Beim Aussteigen aus dem Zug fällt mein Blick auf die hübsche Blumen-Boutique gleich gegenüber dem Bahnhof. Nach kurzem Zögern folge ich meiner ersten Intuition und erstehe eine wunderschöne langstielige Rose. Ich bin in festlicher Stimmung. Heute werde ich F. und ihre Familie zum ersten Mal in ihrem neuen Zuhause besuchen. Vor zwei Wochen wurden sie vom Bundesasylzentrum Zürich in ein Durchgangszentrum des Kantons transferiert. Das ist die zweite Station der Unterbringung für Asylsuchende in der Schweiz. Immer noch weit entfernt vom ersehnten selbstbestimmten Zuhause, doch immerhin ein erster Schritt auf dem langen Weg dazu. Bei F., ihrem Mann und den beiden Söhnen im Primarschulalter steht dieser Wunsch allerdings höchstens noch in den Sternen. Ihr Asylgesuch wurde bereits definitiv abgelehnt, einzig ein letzter verzweifelter Rekursversuch ist noch hängig. Und doch haben sie sich gefreut, das Bundesasylzentrum zu verlassen und in ein Durchgangszentrum am Rande eines unbekannten Dorfes zu ziehen. Der Hauptgrund dieser Freude: Hier wird selbst gekocht!

Heute besuche ich sie zum ersten Mal am neuen Ort und ich weiss: es wird ein Festmahl werden. Wir werden zum ersten Mal die Gelegenheit haben, Mahlgemeinschaft zu feiern. Sie werden mich an ihren Tisch einladen und ich werde die Einladung mit Freude annehmen. Sie werden mich mit ihren Lieblingsspeisen verwöhnen und ich werde endlich kosten können, wovon sie mir schon so oft vorgeschwärmt haben. Wir werden zusammen am Tisch sitzen, weil dies unserem Wunsch entspricht. Wir werden essen, was die Gastgeberin für diesen besonderen Moment ausgewählt hat. Es wird ein Festmahl sein. Darum die Rose. Sieben Franken hat sie gekostet – so viel wie ihnen pro erwachsene Person pro Tag fürs Kochen zur Verfügung steht. Ich atme tief durch und nehme den zwanzigminütigen Weg zum Durchgangszentrum ganz am Ende des Dorfes unter die Füsse.

Erinnerung

F. und ihre Familie sind unterdessen nicht mehr in der Schweiz; sie wurden ausgeschafft. Und ich habe meine Stelle als Seelsorgerin im Bundesasylzentrum aufgegeben. Die Erinnerung an jenes kostbare gemeinsame Essen bleibt. Es fand im engen, nur mit dem Nötigsten möblierten Zimmer der Familie statt. Alles war improvisiert. Wir sassen auf dem Bett und am Boden, was genau als Tisch herbeigezogen wurde und was als Blumenvase, weiss ich nicht mehr. Es fehlte an Tellern und an genügend Besteck. Doch irgendwann verblasste die trostlose Umgebung um uns herum. Das Essen duftete und schmeckte. Wir fühlten uns wohl miteinander. Das Wissen um die Einmaligkeit dieses Moments schwebte kaum merklich im Raum. Unweigerlich musste ich an das Bibelwort denken «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen».

Ich spreche von «wir» im Bewusstsein, dass jede und jeder von uns dieses gemeinsame Essen anders erlebt hat: Ob und wie es wohl in der Erinnerung von F., ihrem Mann, dem älteren Sohn M. und dem kleinen S. lebendig ist? Ich kann sie nicht mehr fragen. Für mich war es ein heiliger Moment.

Abendmahl

Mit dem Abendmahl habe ich mich oft schwergetan. Ich empfand die Situation als künstlich, und es gelang mir selten, Gemeinschaft zu erleben, weder mit den Menschen um mich herum noch mit Gott. Dies war schmerzlich, gerade weil doch der*die Liturg*in davon sprach und ich mir diese Erfahrung auch selber wünschte. In meiner Rolle als Seelsorgerin im Bundesasylzentrum habe ich die bisher tiefsten Erfahrungen von Mahlgemeinschaft gemacht. Und ich musste viel darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn sie verunmöglicht wird. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass zusammen essen einer der Pfeiler ist, der das Bewusstsein unserer gemeinsamen Menschlichkeit – unserer gemeinsamen Geschöpflichkeit – trägt.

Diese Tiefendimension des gemeinsamen Essens schwingt seither immer mit, wenn ich in einer christlichen Gemeinschaft Abendmahl feiere. Selten mehr verlasse ich den Abendmahlstisch leer. Es berührt mich, all die Menschen wahrzunehmen, die wie ich die Hände ausstrecken nach Brot und Wein und Segen. F. und viele andere Frauen, mit denen ich ein Stück Weg geteilt habe, sind dann in meiner Erinnerung ebenfalls präsent. Was in der Horizontalen beginnt – in der Gemeinschaft der bedürftigen Kinder Gottes – sprengt diese Dimension und weitet sich nach oben.